Aktualisiert 08.12.2017 10:59

Armut in der Schweiz«Fleisch kaufe ich nur, wenn es eine Aktion gibt»

Rund 570'000 Personen leben in der Schweiz in Armut, auch die Familie der Architektin Kathrin L. Sie erzählt, wie sie in die Sozialhilfe abrutschte.

von
P. Michel
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Weil ihr Mann an einem Burn-out erkrankte, musste sich die Architektin Kathrin L. allein um die vier Kinder kümmern und nebenbei noch arbeiten. Da sie dies irgendwann nicht mehr stemmen konnte, musste sie Sozialhilfe beziehen.

Weil ihr Mann an einem Burn-out erkrankte, musste sich die Architektin Kathrin L. allein um die vier Kinder kümmern und nebenbei noch arbeiten. Da sie dies irgendwann nicht mehr stemmen konnte, musste sie Sozialhilfe beziehen.

Caritas Wunschkerze
Die Familie lebt in der Region Bodensee. Die Sozialhilfe sieht für eine alleinerziehende Mutter mit vier Kindern als Existenzsicherung 2386 Franken vor. Die Miete sowie die Krankenkassenprämien übernehmen die Behörden. «Ich gehe sehr sparsam mit dem Geld um», sagt L.

Die Familie lebt in der Region Bodensee. Die Sozialhilfe sieht für eine alleinerziehende Mutter mit vier Kindern als Existenzsicherung 2386 Franken vor. Die Miete sowie die Krankenkassenprämien übernehmen die Behörden. «Ich gehe sehr sparsam mit dem Geld um», sagt L.

Caritas Wunschkerze
Hilfe erhält sie aus dem Dorf. Andere Familien brächten regelmässig Säcke mit Kleidern vorbei. Teure Ferien mit den vier Kindern liegen nicht drin. «In die Ferien können wir nur, wenn wir bei Verwandten unterkommen oder anderweitig unterstützt werden.»

Hilfe erhält sie aus dem Dorf. Andere Familien brächten regelmässig Säcke mit Kleidern vorbei. Teure Ferien mit den vier Kindern liegen nicht drin. «In die Ferien können wir nur, wenn wir bei Verwandten unterkommen oder anderweitig unterstützt werden.»

Keystone/Christian Beutler

Eine Eigentumswohnung mit grossem Garten im Bündnerland, ein Wohnmobil, ein Motorrad, vier Kinder: Für Familie L.* war das kleinbürgerliche Familienidyll perfekt. Die Mutter, Kathrin (38), arbeitete 60 Prozent als Architektin, der Mann führte sein eigenes Werbebüro. «Wir waren glücklich, finanziell unabhängig zu sein und uns den Traum von der Grossfamilie erfüllt zu haben.»

Dieser Traum löste sich jedoch allmählich in Luft auf, als sich bei L.s Mann 2012 erste Anzeichen eines Burn-outs abzeichneten: «Er delegierte im Büro an andere, war ständig zu müde, um sich um die Kinder zu kümmern oder im Haushalt zu helfen», erzählt L.

Damit begann eine Leidensgeschichte, die die erfolgreiche Architektin zur Sozialhilfebezügerin machen sollte. Erst legte sie ihrem Mann nahe, sein Arbeitspensum zu reduzieren, was er auch tat. Gleichzeitig ertränkte er seine Sorgen jedoch in Alkohol. «Da er irgendwann gar nicht mehr arbeiten konnte und nichts mehr verdiente, mussten wir alles verkaufen – schlussendlich auch unsere Wohnung.»

«Das Geld reichte nirgends hin»

Währenddessen versucht Kathrin L. die gesamte Last alleine zu schultern. Sie kümmert sich tagsüber um die Kinder und arbeitet am Abend dank des verständnisvollen Arbeitgebers weiterhin als Architektin. «Das Geld reichte nirgends hin und ich war völlig überfordert.» Sie unternimmt eine letzte Rettungsaktion und reist mit ihrer Familie und dem letzten Ersparten fünf Monate durch Thailand in der Hoffnung, der gewonnene Abstand sorge für eine Normalisierung.

Doch zurück in der Schweiz muss sie feststellen: Das Burn-out ihres Mannes hat sich in eine manische Depression gewandelt, deren Behandlung er verweigert. «Das war der Punkt, an dem ich keine Kraft mehr hatte und mich von ihm trennen musste.»

Nun erkennt sie: Gleichzeitig zu arbeiten und für die vier Söhne zu sorgen, das geht nicht mehr, zumal ihr Ex-Mann aus gesundheitlichen Gründen keine Alimente zahlen kann. «Mir einzugestehen, dass ich es nicht alleine stemmen kann und Sozialhilfe brauche, war sehr schwierig.» Aus Stolz habe sie lange gezögert. «Ich kam mir vor wie ein Schmarotzer, der auf Kosten anderer lebt.»

Teure Ferien mit den Kindern liegen nicht drin

Seit zwei Jahren lebt die Familie in der Region Bodensee nun von der Sozialhilfe, die nach Abzug von Miete und Krankenkasse 2386 Franken für die Mutter und die vier Kinder vorsieht. Die Miete sowie die Krankenkassenprämien übernehmen die Behörden. «Ich gehe sehr sparsam mit dem Geld um», sagt L.

Fleisch kaufe sie nur ein, wenn es ein Aktionsangebot gebe, und der Bauer im Dorf lege hin und wieder Äpfel vor die Haustüre. Familien aus dem Dorf brächten zum Glück auch Säcke mit Kleidern vorbei. Teure Ferien mit den vier Kindern liegen ebenfalls nicht drin. «In die Ferien können wir nur, wenn wir bei Verwandten unterkommen oder anderweitig unterstützt werden.»

Die Familie komme heute mit der Sozialhilfe gut über die Runden, sagt L. Trotzdem sorge das Geld immer wieder für Konflikte – gerade mit den vier Söhnen im Alter von 5 bis 12 Jahren. «Ein neues Smartphone, ein beliebtes Computerspiel oder einen Besuch bei McDonald's kann ich ihnen nicht bieten, auch wenn ihre Kollegen das bekommen.»

Die meisten Weihnachtswünsche kann sie nicht erfüllen

Auch der Wunschzettel ihrer Kinder für Weihnachten ist lang – vor allem Lego und «coole» Freizeitaktivitäten wünschen sich die Buben. Viele dieser Wünsche wird L. nicht erfüllen können. «Ich nähe selber Kissen und Stofftiere oder bastle mit ihnen gemeinsam etwas. Das sind meine Weihnachtsgeschenke.» Die Kinder wüssten, dass mehr nicht drin liege.

Kathrin L. ist rückblickend froh, dass sie den Gang auf die Gemeinde gewagt hat. «Ohne diese Hilfe hätte ich es nicht geschafft. Ich fühle mich privilegiert, Sozialhilfe beziehen zu können, und bin dankbar für die wertvolle Unterstützung.»

Zwar mache es ihr noch zu schaffen, dass sie als Bittstellerin auftreten müsse. Auch dass sie heute nichts für ihre Altersvorsorge auf die Seite legen kann, empfindet L. als belastend. «Wenn ich wieder arbeiten kann, möchte ich auch einen Teil der Sozialhilfe wieder zurückzahlen.» Im Kanton, wo die Familie wohnt, fordern die Behörden eine Rückzahlung, sobald die Einnahmen nach Ausstieg aus der Sozialhilfe die Ausgaben übersteigen.

Für die Zukunft wünscht sich L., dass ihre Kinder die emotional belastende Trennung vom Vater verarbeiten können. Und für sich selbst? «Ich wünsche mir, dass unser Dorf uns eine Heimat wird und ich irgendwann auch wieder mein eigenes Geld verdienen kann.»

*Name der Redaktion bekannt

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Auf die Lage von Armutsbetroffenen macht die Caritas derzeit mit der Wunschkerzen-Aktion aufmerksam, bei der man seinen Liebsten gute Wünsche widmen kann. «Kathrins Schicksal steht stellvertretend für Tausende Familien, die in der Schweiz gegen Armut kämpfen», sagt Sprecher Bojan Josifovic. Weitere Hilfswerke, die sich gegen Armut engagieren sind etwa das Heks, Tischlein Deck Dich oder die Heilsarmee. (20M)

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