Aktualisiert 12.02.2020 07:03

Food-WasteFleisch landet wegen XXL-Packungen im Müll

Jeder Fünfte wirft laut einer Umfrage öfter Fleisch weg. Experten kritisieren daher den Verkauf von grossen Packungen zu Aktionspreisen.

von
Dominic Benz
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Schweizer werfen jährlich viel Fleisch weg. Das zeigt eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts Marketagent.com.

Schweizer werfen jährlich viel Fleisch weg. Das zeigt eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts Marketagent.com.

Keystone/Martin Ruetschi
Mehr als jeder Fünfte der Befragten stimmte der Aussage zu, dass er öfter Fleisch- und Wurstwaren wegwirft, weil der Inhalt schlecht wird, bevor er ihn aufgebracht hat.

Mehr als jeder Fünfte der Befragten stimmte der Aussage zu, dass er öfter Fleisch- und Wurstwaren wegwirft, weil der Inhalt schlecht wird, bevor er ihn aufgebracht hat.

Keystone/Martin Ruetschi
Offenbar kaufen viele unnötig viel Fleisch: Zwei Fünftel greifen bei Grosspackungen zu, wenn diese günstiger oder Aktion sind. Dies, obwohl man gar nicht so viel Fleisch bräuchte.

Offenbar kaufen viele unnötig viel Fleisch: Zwei Fünftel greifen bei Grosspackungen zu, wenn diese günstiger oder Aktion sind. Dies, obwohl man gar nicht so viel Fleisch bräuchte.

Keystone/Martin Ruetschi

Für viele Schweizer gehört Fleisch zum Menüplan dazu. Entsprechend hoch ist der Konsum. Allerdings wird längst nicht alles gegessen, was gekauft wird. So werfen viele Schweizer regelmässig Fleisch in den Abfall, wie eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts Marketagent.com zeigt.

Mehr als jeder Fünfte der Befragten stimmte der Aussage zu, dass er öfter Fleisch- und Wurstwaren wegwirft, weil der Inhalt schlecht wird, bevor er ihn aufgebraucht hat. Offenbar kaufen viele unnötig viel Fleisch: Zwei Fünftel greifen bei Grosspackungen zu, wenn diese günstiger oder Aktion sind. Dies, obwohl man gar nicht so viel Fleisch bräuchte.

Detailhändler verteidigen sich

Für Karin Spori ist klar: «Grosspackungen sowie tiefe Preise und eine falsche Essensplanung können zu mehr Lebensmittelabfällen führen», sagt die Geschäftsführerin des Vereins Foodwaste.ch zu 20 Minuten (siehe Interview).

Die hiesigen Detailhändler wollen auf Grosspackungen und Aktionen nicht verzichten. Sie betonen aber, dass man viel gegen Food-Waste unternehme. So möchte Coop im Laden eine grosse Vielfalt an Produkten bieten. «Uns ist es wichtig, dass unsere Kundinnen und Kunden frei entscheiden können, welche Produkte am besten ihren Bedürfnissen entsprechen», so eine Sprecherin.

Auch die Migros betont, dass man nicht nur Aktionen auf Grosspackungen setzt, sondern wöchentlich auch «attraktive Angebote» in kleineren Verpackungsgrössen im Sortiment habe. «Wenn wir gänzlich auf Grosspackungen verzichten würden, würden wir Kundengruppen wie Familien ausschliessen», so ein Sprecher.

«Das lockt Schnäppchenjäger an»

Laut Discounter Lidl werden bei den sogenannten XXL-Aktionen diverse Artikel angeboten, bei denen zwei normale Verpackungen durch eine Banderole verbunden werden und als eine Verkaufseinheit dienen. «Dies reduziert Food-Waste, da der Kunde je nach Bedarf die jeweilige Verpackungen öffnen kann und somit kein grosses Gebinde auf einmal geöffnet werden muss», sagt eine Lidl-Sprecherin. Aldi Suisse hat hingegen keine XXL-Linie beim Fleisch.

Klare Worte findet hingegen Proviande: «Fleischpackungen zu Aktionspreisen locken Schnäppchenjäger an, die möglichst viel und günstig an möglichst viel Fleisch kommen wollen. Das kann nicht das Ziel sein», sagt Regula Kennel von der Organisation der Fleischwirtschaft. Grundsätzlich fehle es heute an der Wertschätzung von Schweizer Fleisch und dessen Qualität.

Kritik von Konsumentenschützerin

Auch Sara Stalder kritisiert die günstigen Grosspackungen. «Als Einzelperson ist es oft schwierig, bei einem Aktionspreis die richtige Menge einzukaufen», sagt die Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz. Mittlerweile würden über 60 Prozent der Schweizer in einem 1- oder 2-Personen-Haushalt leben.

Stalder nimmt daher die Unternehmen in die Pflicht. «Wir appellieren an den Detailhandel, dass er sich dieser Entwicklung anpasst und mehr Packungen und Aktionen für Einzelpersonen anbietet.» Ziel der Detailhändler sei es leider, möglichst schnell und viel abzusetzen. Zudem sollen die Anbieter auf den Verpackungen angeben, ob das Fleisch gefrierbar sei oder nicht, «Damit können Grosspackungen in angepassten Portionen zu Hause haltbar gemacht werden», so Stalder.

Hohe Umweltbelastung

Laut dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) landen entlang der gesamten Schweizer Wertschöpfungskette rund 140'000 Tonnen Fleisch pro Jahr im Abfall. Das entspricht zwar lediglich knapp 5 Prozent des gesamten Food-Waste von 2,8 Millionen Tonnen. Die grössten Sünder sind dabei die Haushalte und die Gastronomie: Sie verursachen 35 Prozent der gesamten Lebensmittelabfälle.

Jedoch belasten Fleischabfälle die Umwelt besonders stark, da für die Produktion viele Ressourcen wie Wasser und Boden benötigt werden. Auch die Verpackung und der Transport belasten. Laut Bafu entfallen 28 Prozent der gesamten Umweltbelastung durch Food-Waste auf die Fleischverluste.

So vermeidest du Foodwaste beim Fleisch

Karin Spori ist Geschäftsleiterin des Vereins foodwaste.ch

Wie schlimm ist Food-Waste?

Sehr schlimm, da wir begrenzte Ressourcen haben. Zum einen werfen wir Essen von hoher Qualität weg, während andere hungern. Zum anderen belastet der Food-Waste die Umwelt enorm: so fest wie die Hälfte aller Schweizer Autofahrten. Für den grössten Teil der Belastung sind die Konsumenten verantwortlich.

Warum werfen wir so viel Fleisch weg?

Gründe hierfür sind einerseits, dass man zu viel aufs Mal einkauft und nicht rechtzeitig isst - und man es präventiv entsorgt. Grund ist oft Unwissen: Denn zum Beispiel geräuchertes Fleisch verdirbt weniger schnell als frisches Hackfleisch - welches man zudem einfrieren kann.

Gibt es nicht zu viel Fleisch im Angebot?

Grundsätzlich haben wir mehr Essen zu Verfügung als wir brauchen. Das ist eine Luxussituation: Wir können uns Food-Waste leisten. Hinzu kommt, dass Lebensmittel bei uns sehr günstig sind. Da überlegt man schnell, die angeschnittene Wurst lieber nicht mehr zu essen und stattdessen eine neue zu kaufen.

Befeuern günstige Grosspackungen den Food-Waste?

Wenn man richtig plant und alles isst, ist das kein Problem. Familien können etwa von Grosspackungen profitieren. Oft führen sie aber dazu, dass viel übrig bleibt, weil sich unsere Tagespläne schnell ändern. Viele wissen nicht, wie man Fleisch richtig lagert. Jeder muss für sich herausfinden, wo sich die eigenen Food-Waste-Fallen verstecken. Food-Waste zu Hause vermindern ist keine Hexerei, es hat mit der Wertschätzung zu tun.

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