Menüvorgaben: Fleisch-Verzicht der Genfer Sektion fällt bei der Mutterpartei durch
Publiziert

MenüvorgabenFleisch-Verzicht der Genfer Sektion fällt bei der Mutterpartei durch

Grüne Genfer Abgeordnete sollen bei Amtsantritt auf Fleisch verzichten. Der Grünen Partei Schweiz geht dies aber zu weit.

von
Bettina Zanni
1 / 11
Die Grüne Partei hält nichts von einem Fleisch-Verzicht.

Die Grüne Partei hält nichts von einem Fleisch-Verzicht.

Screenshot/Instagram
«Ich persönlich bin der Meinung, dass die Menüwahl auch für Grünen-Abgeordnete eine Sache der Eigenverantwortung ist», sagt Grünen-Präsident Balthasar Glättli.

«Ich persönlich bin der Meinung, dass die Menüwahl auch für Grünen-Abgeordnete eine Sache der Eigenverantwortung ist», sagt Grünen-Präsident Balthasar Glättli.

20min/Matthias Spicher
«Das schürt Ressentiments und führt zu negativen Reaktionen», sagt Grünen-Nationalrätin Meret Schneider.

«Das schürt Ressentiments und führt zu negativen Reaktionen», sagt Grünen-Nationalrätin Meret Schneider.

gruene-zh.ch

Darum gehts

Menüs mit Fleisch sollen für die Grünen-Abgeordneten des Kantons Genf bei Amtsantritt tabu sein. Am Samstag beschloss die Genfer Sektion, dass Vertreterinnen und Vertreter an Versammlungen, Sitzungen, offiziellen Essen und weiteren Veranstaltungen auf Fleisch verzichten, sofern sie diese in der Funktion ihres Amts besuchen. Es gehe nicht darum, Polizei zu spielen, sagt Delphine Klopfenstein Broggini, Präsidentin der Grünen in Genf, zu «Léman bleu». «Die Abgeordneten sollen sich mit ihren Überzeugungen im Einklang fühlen.»

Inzwischen habe sich der Antrag jedoch als zu streng herausgestellt, sagt Klopfenstein Broggini auf Anfrage von 20 Minuten. Die Genfer Grünen arbeiteten deshalb eine weniger verpflichtende Version aus. «Klar ist aber, dass die Grünen schweizweit eine Debatte über den Fleischkonsum und seine Auswirkungen auf die Umwelt führen müssen.»

«Bestellen sowieso praktisch immer Vegi»

Bei der Grünen Partei Schweiz fällt der Fleisch-Verzicht durch. «Ich persönlich bin der Meinung, dass die Menüwahl auch für Grünen-Abgeordnete eine Sache der Eigenverantwortung ist», sagt Grünen-Präsident Balthasar Glättli. Er selbst wähle in den meisten Fällen ein vegetarisches Menü. «Hat es mehr als aus dem Wasser gezogenes Gemüse im Angebot, wähle ich meist das Vegi-Menu.» Organisiere er mit seiner Partei einen Apéro, gebe es selbstverständlich nur Vegetarisches.

Seine Fraktionskollegin Meret Schneider ist überzeugte Veganerin. Dennoch spricht auch sie sich gegen einen Fleisch-Verzicht aus. «Wir Grünen-Abgeordnete bestellen sowieso alle praktisch immer Vegi», so die Nationalrätin. Auch stehe es der Partei nicht zu, ihren Vertreterinnen und Vertretern Menüvorschriften zu machen. «Das wäre, als würde man Grünen-Abgeordneten Überseeflüge oder das Autofahren verbieten.» Zudem schadeten solche Vorschriften dem Image. «Das schürt Ressentiments und führt zu negativen Reaktionen.» Die Amtsträgerinnen und -träger müssten selbst entscheiden, ob sie ihren Konsum mit dem Parteiprogramm vereinen könnten.

«Abgesprochene Strategie ist besser»

In Kreisen der Politik- und Strategieberatung kommt der Fleisch-Verzicht gut an. Die Grünen wollten seit ihrer Gründung die Welt retten, sagt Niklaus Vary, Politik- und Strategieberater bei NVV Consulting. «Damit beweisen die Grünen, dass sie immer noch authentisch sind und alle verfügbaren Mittel nutzen, um dieses Vorhaben umzusetzen.» Für ein erfolgreiches Image rät er den Grünen Parteien, eine Linie zu fahren. «Eine abgesprochene Strategie ist immer besser als Kantönligeist.» Falsch finde er hingegen, einen Politiker am Fleischkonsum aufzuhängen. «Politikerinnen und Politiker sollen auch noch etwas Mensch sein.»

Auch Bettina Mutter, Inhaberin der Mutter & Partner Consulting AG, beurteilt die Debatte für die Grünen als wichtig. «Die Debatte ist lanciert, ob und inwiefern wir mit unserem Konsum- und Essverhalten zur Verbesserung des Klimas und gegen Nahrungsverknappung und Hunger beitragen können.» Von Essens-Vorschriften für Abgeordnete hält sie aber nichts. «Wie wir alle, sollen und können Parlamentarierinnen und Parlamentarier durchaus selbst entscheiden, was sie essen wollen.» Gewählte und vor allem solche, die sich auf ideologische Grundsätze beriefen, stünden permanent vor der Herausforderung, ihre Haltung konsequent zu leben. «Nüchtern betrachtet: Wer damit Mühe bekundet, hat es in der Politik mittelfristig sicher schwer.»

Bleibe über Politikthemen informiert

Deine Meinung

70 Kommentare