24.01.2019 04:48

Widerspruch

Fleischesser wollen Schlachthöfe schliessen

17 Prozent der Schweizer wollen die Schlachthäuser schliessen, obwohl über 90 Prozent Fleisch essen. Eine Konsumforscherin erklärt den Widerspruch.

von
R. Lieberherr
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Beim Fleisch greifen die Schweizer zu: Etwa 50 Kilogramm Fleisch isst eine Person im Schnitt pro Jahr.

Beim Fleisch greifen die Schweizer zu: Etwa 50 Kilogramm Fleisch isst eine Person im Schnitt pro Jahr.

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Dass für die Würste, Steaks und Filets jährlich fast 60 Millionen Tiere in der Schweiz geschlachtet werden müssen, blenden aber viele aus

Dass für die Würste, Steaks und Filets jährlich fast 60 Millionen Tiere in der Schweiz geschlachtet werden müssen, blenden aber viele aus

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Eine repräsentative Umfrage des Forschungsinstituts Gfs-Zürich zeigt: 17 Prozent der Schweizer Bevölkerung wollen alle Schlachthäuser im Land schliessen.

Eine repräsentative Umfrage des Forschungsinstituts Gfs-Zürich zeigt: 17 Prozent der Schweizer Bevölkerung wollen alle Schlachthäuser im Land schliessen.

Carlo Reguzzi

Beim Fleisch greifen die Schweizer gerne und oft zu: Etwa 50 Kilogramm Fleisch isst eine Person im Schnitt pro Jahr. Dass für die anmächeligen Steaks und Filetstücke in den Metzgerei-Theke jährlich fast 60 Millionen Tiere geschlachtet werden müssen, blenden aber viele aus: Laut einer repräsentativen Gfs-Umfrage mit 993 Teilnehmern wollen 17 Prozent der Bevölkerung die Schlachthäuser im Land schliessen.

Vor allem bei den 18- bis 39-Jährigen (24 Prozent) sowie den Frauen (21 Prozent) ist der Anteil der Schlachthof-Gegner gross. Die Zahl ist überraschend hoch: Denn in der Schweiz ernähren sich laut einer Studie des Bundes nur etwa 5 Prozent vegetarisch oder vegan. Gemäss dem Vegetarierverband Swissveg sind es 8,4 Prozent, die komplett auf Fleisch verzichten.

«Bei sich selbst anzusetzen, fällt vielen schwer»

Der Gedanke ans Töten von Tieren bereitet vielen Mühe. Beim Einkauf rückt er aber in den Hintergrund – und Pouletbrüstli und Filet landen im Wagen. Konsumforscherin Johanna Gollnhofer von der Uni St.Gallen hat dafür eine Erklärung: Skandale rund um Tierhaltung und -schlachtung hätten die Konsumenten sensibilisiert. Die Abschaffung der Schlachthäuser zu fordern, sei aber einfacher, als den eigenen Konsum anzupassen. «Beim Anblick eines saftigen Steaks denkt kaum einer an die Schlachtung des Tieres. Doch bei sich selbst anzusetzen, fällt vielen schwer», so Gollnhofer. Konsumenten fühlten sich oftmals nicht in der Verantwortung. «Sie erwarten, dass Politik und Hersteller agieren.» Ebenso trage die Unwissenheit zum widersprüchlichen Verhalten bei. «Immer mehr Menschen wohnen in der Stadt. Sie müssen wieder lernen, woher das Fleisch kommt. Aber welche Schule hat schon einen Besuch im Schlachthof auf dem Programm?», fragt sie rhetorisch.

«Wir waren sehr überrascht über die hohe Ablehnung der Schlachthöfe. Die Leute verdrängen die Gewaltkultur an der Fleischtheke», sagt Tobias Sennhauser, Präsident von Tier im Fokus. Die Tierrechtsorganisation hat die Umfrage in Auftrag gegeben. Laut Sennhauser trägt auch die Fleischwerbung mit glücklichen Tieren dazu bei, dass die Konsumenten die Schlachtung verdrängten: «Würde man mit Schlachtbildern für Fleisch werben, würde allen der Hunger vergehen.» Aber die Branche solle nicht desinformieren und illusorische Vorstellungen verbreiten, wie das in TV-Spots und auf Plakaten der Fall sei. Denn: «Es gibt mittlerweile viele Bauern, die sich über diese Schönfärberei aufregen.»

«Artgerechte Schlachtung in der Schweiz»

Heinrich Bucher, Direktor des Fleischbranchenverbands Proviande, kontert: «Wir probieren extra, nicht mit zu überspitzten Bildern zu werben. Die Konsumenten wissen, dass Werbung die Realität nicht zu 100 Prozent abbildet. Ein Autohersteller wirbt auch nicht mit Abgaswerten seiner Wagen.»

Bucher sieht die Umfrage kritisch, das Ergebnis überrascht ihn nicht: «Die Fragestellung weckt Emotionen, die Befragten reagieren entsprechend.» Nach dem Motto «die armen Tiere» würden zahlreiche reflexartig antworten und die Schliessung der Schlachthäuser befürworten. Zwar würden viele Leute Schlachtung und Tierhaltung kritisch hinterfragen, aber die sehr hohen Standards in der Schweiz ausser Acht lassen. «Die Tiere müssen artgerecht betäubt werden. Die Schlachter müssen über eine Ausbildung verfügen und sind verpflichtet, sich regelmässig weiterzubilden.» Das werde laufend kontrolliert. «Schweizer Fleisch ist ein Qualitätsmerkmal und Gütesiegel für faire Produktion und artgerechte Schlachtung», so Bucher.

Sollen alle Schlachthöfe dichtgemacht werden? Die Meinungen sind geteilt, wie diese Strassenumfrage zeigt:

So werden Tiere geschlachtet

Die Tiere in der Schweiz dürfen nur unter Betäubung getötet werden. Die dafür genutzten Methoden unterscheiden sich dabei je nach Tierart. Bei Rindern kommt der Bolzenschuss zur Anwendung. Dabei drückt der Metzger das Bolzenschussgerät an die Stirn der Kuh. Drückt er ab, durchbricht ein etwa zehn Zentimeter langer Metallstift den Schädel und sticht ins Gehirn. Der Bolzenschuss kommt auch bei Schafen und Pferden zur Anwendung. Für Schweine ist er weniger geeignet, da ihr Hirn hinter grossen Stirnhöhlenknochen liegt. Sie werden entweder mit Kohlendioxid-Gas oder einem Stromstoss betäubt. Die beiden Verfahren kommen auch beim Geflügel zum Einsatz. Der Tod tritt bei allen Tieren gleich ein: Beim Entbluten wird die Blutzufuhr zum Gehirn unterbrochen, wodurch das Tier innert kürzester Zeit stirbt. jcg

Frauen sind skeptischer

Der Unterschied bei den Geschlechtern ist markant: 21 Prozent der Frauen, aber nur gerade 12 Prozent der Männer sind gegen Schlachtungen. Das sei stark kulturell bedingt, so Konsumforscherin Gollnhofer. Fleisch werde mit Männlichkeit verbunden. «Männer stehen am Grill und ein gutes Stück Fleisch macht aus einem jungen einen starken Mann – so wird es zumindest erzählt und in der Werbung so kolportiert.»

Auffällig hoch fiel die Ablehnung in der Westschweiz aus: Dort sind 35 Prozent für die Schliessung sämtlicher Schachthäuser. Vor allem die mediale Berichterstattung in den letzten Monaten dürfte die Meinung der Romands beeinflusst haben. Just im letzten Oktober, als die Umfrage durchgeführt wurde, veröffentlichte die Westschweizer Tierrechtsorganisation PEA schockierende Bilder aus zwei Waadtländer Schlachthäusern. Die Videos zeigen den brutalen Umgang mit den Tieren, bei manchen misslingt die Betäubung vor der Tötung. rol

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