Aktualisiert 08.03.2013 17:05

SicherheitsfrageFlexbanden sind jetzt das Thema

Ronny Kellers Unfall hätte mit Flexbanden nicht verhindert werden können. Es werden aber Massnahmen zur Verbesserung der Sicherheit vorbereitet und Regeländerungen stehen bevor.

von
Klaus Zaugg

Unabhängig vom Drama um Ronny Keller wird laufend an Massnahmen zum Schutz der Gesundheit der Spieler gearbeitet. Nach diesem tragischen Unfall rückt die Diskussion über die Gefährlichkeit des Eishockeys und über den Schutz der Spieler jetzt in den Blickpunkt der Öffentlichkeit.

Sollten überall Flexbanden – also Banden, die nicht fest verankert sind, sondern dem Druck nachgeben – installiert werden? Die Forderung ist populär. In der NHL sind diese Banden Standard. Die finnische Liga hat im letzten November als erste in Europa definitiv beschlossen, dass in zwei Jahren in der höchsten Liga nur noch in Stadien mit Flexbanden gespielt werden darf.

Testphase in Lausanne

Bei uns ist eine solche Vorschrift gemäss Liga-Manager Patrick Reber vorläufig kein Thema. In der Schweiz sind erst in einer Nationalliga-Arena Flexbanden montiert. In Lausanne. Die Liga hat dem Klub im letzten Sommer den Einbau von Flexbanden erlaubt und Lausanne ist nun sozusagen Studienobjekt. Lausannes Sportdirektor Jan Alston sagt über die praktischen Erfahrungen: «Das Risiko von Schulter- und Ellenbogenverletzungen beim Aufprall ist geringer. Die Gefahr von Gehirnerschütterungen ist hingegen nach wie vor da und bei einem Unfall wie jenem von Ronny Keller helfen Flexbanden nicht.»

René Fasel, der Präsident des Internationalen Eishockeyverbandes (IIHF) und damit weltweit der ranghöchste Hockey-Funktionär, sagt, man sei noch immer auf der Suche nach der idealen Bande. Es gebe nach wie vor Diskussionen über Vor- und Nachteile von Flexbanden. Deshalb gibt es noch keine Vorschrift für die WM-Organisatoren, die Stadien mit Flexbanden auszurüsten. Sondern nur unverbindliche Empfehlungen.

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Keine billige Angelegenheit

Ein wichtiger Punkt sind die Kosten. SCB-Manager Marc Lüthi hat rechnen lassen, was eine Umrüstung des Berner Hockeytempels auf Flexbanden kostet. «Rund 200 000 Franken. Diese Kosten sind vom Stadion-Besitzer zu tragen und der wird sie auf den Klub überwälzen.» Lüthi betont, dass Kosten kein Faktor sein dürfen, wenn es um die Gesundheit der Spieler gehe. «Aber es kann auch nicht sein, dass in den Emotionen eines Unfalles Massnahmen ergriffen werden, deren Nutzen umstritten sind.»

So tragisch der Unfall von Ronny Keller auch ist: Das grosse Sicherheitsproblem sind nicht die Stürze kopfvoran in die Bande. Sondern immer mehr die Gehirnerschütterungen. Fasel sagt, der grösste Teil der Gehirnerschütterungen werde durch Checks auf offenem Eis in der neutralen Zone verursacht. «Da haben wir in Zusammenarbeit mit der NHL Studien, die uns das genau sagen: Die meisten Gehirnerschütterungen fangen linke Flügel im zweiten Drittel in der neutralen Zone ein.»

Änderungen in Sicht

Der IIHF-Präsident nennt gegenüber 20 Minuten Online die geplanten, konkreten Massnahmen zur Verbesserung der Gesundheit der Spieler.

Verbesserung der Ausrüstung

«Früher tat ein Check auch dem Spieler weh, der ihn austeilte. Heute nicht mehr. Die Schulter- und Ellenbogenschoner sind offensichtlich aus zu hartem Material. Es gibt Möglichkeiten, dieses Material weicher zu machen.»

Regeländerung

«Offensichtlich ist das erhöhte Tempo seit der Aufhebung des Redline-Offside und der Durchsetzung von ‹Null Toleranz› höher geworden. Tempo und Härte sind Kernelemente des Eishockeys und wir müssen uns sehr genau überlegen, was tun, damit wir den Charakter und die Faszination unseres Sportes nicht zu stark tangieren. Weil wir in laufenden Diskussionen sind, haben wir den Regel-Kongress um ein Jahr auf ein Datum nach den Olympischen Spielen 2014 verschoben. Dann wollen wir konkrete Massnahmen ergreifen.»

Am wahrscheinlichsten ist gemäss René Fasel die Wiedereinführung des Redline-Offsides (Verbot des Zweilinien-Passes), um Tempo aus dem Spiel zu nehmen. Diskutiert werde auch das Verbot, einen Spieler zu checken, der nicht mehr im Besitze der Scheibe ist oder Spieler zu checken, die bereits mit einem Gegner im Zweikampf um die Scheibe sind. Hingegen würde ein generelles Verbot von Checks in der neutralen Zone den Charakter des Spiels zu stark verändern.

Unabhängig vom Unfall von Ronny Keller laufen die Diskussionen um die Sicherheit. Eine Revolution und eine grundsätzliche Veränderung des Eishockeys ist nicht das Thema. Sondern punktuelle Anpassungen im Interesse der Gesundheit der Spieler. René Fasel sagt aber auch: «Was wir auch immer tun, wir können Unfälle nie ganz ausschliessen. Wir können nur alles Menschenmögliche tun, um Unfälle zu vermeiden.»

Steinmann fordert Gutachten an

Einzelrichter Reto Steinmann überlässt im Fall «Ronny Keller» nichts dem Zufall. Er hat bei der Arbeitsgruppe für Unfallmechanik Zürich ein Gutachten eingefordert, um den Unfallhergang aus biomechanischer Sicht analysieren zu können. Denn es ist ein heikler Entscheid, ob Stefan Schnyder ein Verschulden trifft oder ob es ein tragischer Unfall war. Der Langenthaler Stürmer hatte Keller am Dienstag im zweiten NLB-Playoff-Halbfinalspiel gegen Olten in der Nähe der Bande gecheckt, sodass dieser kopfvoran in die Bande prallte. Dabei zog sich Keller eine schwere Verletzung am vierten Brustwirbel zu, die eine bleibende Querschnittslähmung zur Folge hat.

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