Videobotschaft: Flüchtige Deutsche melden sich zu Wort – «wir sind keine Mörder» 
Aktualisiert

VideobotschaftFlüchtige Deutsche melden sich zu Wort – «wir sind keine Mörder» 

In einem Fall von mutmasslicher Kindesentziehung von zwei deutschen Mädchen in Paraguay haben sich die Flüchtigen nun in einer Videobotschaft zu Wort gemeldet. 

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Die Familie nahm am 31. Mai 2022 ein Video auf und bat darum, sie in Ruhe zu lassen.

Die Familie nahm am 31. Mai 2022 ein Video auf und bat darum, sie in Ruhe zu lassen.

Screenshot
Mit diesen Fotos wird von den paraguayischen Behörden nach den Mädchen gefahndet. 

Mit diesen Fotos wird von den paraguayischen Behörden nach den Mädchen gefahndet. 

Polizei Paraguay
An einer Pressekonferenz bat die Mutter eines der Kinder die Bevölkerung um Mitwirkung bei der Fahndung.

An einer Pressekonferenz bat die Mutter eines der Kinder die Bevölkerung um Mitwirkung bei der Fahndung.

AFP

Darum gehts

«Es gibt Neuigkeiten über die deutschen Mädchen, sie äussern sich in einem Video», sagte Staatsanwältin Carina Sánchez bereits am Dienstagabend im Fernsehsender ABC zum Fall von mutmasslicher Kindesentziehung einer Zehnjährigen und einer Elfjährigen. «Wir haben Videoaufnahmen erhalten, auf denen die zwei Kinder zu sehen sind. Den Hintergrund können wir aber nicht nutzen, um ihren Aufenthaltsort zu bestimmen.» 

Die «Bild» (Bezahlartikel) zitiert aus dem Video, das am 31. Mai 2022 aufgenommen wurde: «Wir sind die Familie , die weltweit mittlerweile gesucht wird, wie Schwerverbrecher, wie Mörder. Aber das sind wir nicht», sagt der Vater,  ein ehemaliger Fussballprofi, der unter anderem für den 1. FC Magdeburg gespielt hat. Er betont, sie seien gute Menschen. 

Die neue Frau des Mannes erklärt darin auch die Beweggründe ihres Handelns: «Wir haben unsere Kinder nur schützen wollen. Wir wollen, dass es unseren Kindern gut geht, und jetzt wollt ihr uns trennen. Wir haben alles aufgegeben, unser ganzes Leben. Nur um unsere Kinder zu schützen.» Auch die Zehnjährige meldet sich zu Wort und bittet darum: «Lasst uns bitte in Ruhe und hetzt uns nicht so.» Man solle doch Erbarmen mit ihnen haben, ergänzt die Mutter. 

Der Anwalt der Mutter in Deutschland bestätigte am Mittwoch, dass sich das flüchtige Paar am Vortag über den Internetdienst Telegram mit einer Videobotschaft zu Wort gemeldet habe, in der sie dazu aufriefen, die Suche einzustellen. «Sie verlangen von unseren Mandanten, dass sie ihre Kinder aufgeben und zurücklassen», sagte Rechtsanwalt Stephan Schultheiss. Seine Mandanten würden «ihre Kinder auf den Videos kaum wiedererkennen». Claras Haare waren demnach kurzgeschnitten und gefärbt. «Sie schien sich nicht wohlzufühlen», sagte Schultheiss. Das habe ihre Mutter «sehr getroffen».

Verdächtiger wieder freigelassen

Der Mann, ein mutmasslicher Gegner der Corona-Impfungen, war im November mit seiner zehnjährigen Tochter nach Paraguay eingereist. Beide wurden dabei von seiner neuen Ehefrau und deren elfjähriger Tochter begleitet. Die Erwachsenen hatten die Mädchen laut paraguayischer Staatsanwaltschaft ohne Zustimmung des jeweils anderen Elternteils in das südamerikanische Land mitgenommen.

Inzwischen hat auch die Generalstaatsanwaltschaft des südamerikanischen Landes einen ersten Fahndungserfolg gemeldet. Die Behörde gab am Mittwoch bekannt, dass die Polizei den Eigentümer eines Fahrzeugs verhaftet und befragt habe, in dem die beiden Mädchen zusammen mit einem Paar aus Deutschland durch das Land gereist seien. Der Zeuge wurde wieder freigelassen. Unterdessen meldete sich das flüchtige Paar per Videobotschaft.

Der Fahrzeugeigentümer namens Diego Martínez soll dem Deutschen einen Lieferwagen vermietet haben. «Der Verdächtige machte mehrere Widersprüche», sagte Polizeikommissar Cristian Cáceres. «Zuerst sagte er, das Paar sei ihm von einem Verwandten vorgestellt worden, aber dann sagte er, es sei ein Kunde». Martínez arbeitet nach eigenen Angaben als Automechaniker in der Stadt Villarrica südöstlich der Hauptstadt Asunción.

«Der Mann hat eine Menge Informationen gegeben», sagte Staatsanwältin Carina Sánchez. «Es gab einige Probleme, die uns dazu zwangen, ihn zu verhaften, aber es war nur zu dem Zweck, dass er alle Informationen, die er über dieses Paar hat, zur Verfügung stellt.» Martínez wurde schliesslich am Nachmittag freigelassen.

Zuletzt im Januar gesehen

«Wir sind überzeugt, dass die Mädchen und das Paar sich noch in Paraguay befinden», sagte Mario Vallejos, Chef der Anti-Entführungseinheit der Polizei von Paraguay am Mittwoch. Er befürchte jedoch, dass sie in die Nachbarstaaten Argentinien oder Brasilien ausreisen könnten.

Der Fahrzeughalter Martínez stehe auch wegen einer «Banküberweisung an Dritte im Namen der Deutschen» unter Verdacht. «Es gibt eine dritte Person, die den Eltern des Kindes hilft», sagte Vallejos.

Die Mädchen wurden nach Angaben der paraguayischen Behörden zuletzt am 19. Januar gesehen. Es besteht der Verdacht, dass sie in einer Siedlung deutscher Impfgegner versteckt gehalten werden. Paraguay hat sich während der Corona-Pandemie zu einem Zielort für Deutsche entwickelt, welche die Corona-Auflagen in ihrem Heimatland strikt ablehnen. 

Hilferuf der Mutter in Deutschland

Am Montag hatte sich die Mutter eines der verschwundenen Mädchen auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Vertretern der paraguayischen Behörden an die Bevölkerung gewandt und verzweifelt um Hilfe bei der Suche nach ihrer Tochter gebeten.

«Bitte haben Sie ein Herz für unsere Mädchen und helfen Sie uns bei unserer Suche», sagte sie auf Spanisch mit gebrochener Stimme. An ihren Ex-Mann  gerichtet sagte sie, er solle «diesem Alptraum ein Ende» bereiten und Kontakt mit ihr aufnehmen.

Auch in Deutschland laufen Ermittlungen in dem Fall: Die Staatsanwaltschaft Essen wirft dem Mann und seiner derzeitigen Frau Kindesentziehung vor, wie eine Sprecherin sagte. Ermittelt werde wegen der Entführung beider Kinder, da die Mädchen ohne die Zustimmung des jeweils in Deutschland zurückgebliebenen Elternteils nach Paraguay gebracht worden seien.

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(AFP/DPA/roy)

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