25.08.2020 11:12

«Habe nun eine Perspektive»Flüchtling Nematollah (22) wird zum IT-Crack

Nematollah kam vor fast fünf Jahren als Flüchtling aus Afghanistan in die Schweiz. Jetzt will er als IT-Profi durchstarten.

von
Claudius Seemann
Video: Claudius Seemann

Darum gehts

  • Nematollah (22) floh 2016 aus Afghanistan in die Schweiz.
  • In der Schweiz besuchte er ein Integrationsprogramm, welches Flüchtlinge im Informatikbereich ausbildet.
  • Nun hat er ein einjähriges Praktikum bei einer IT-Firma in Zürich ergattert.
  • Für den Afghanen geht ein Traum in Erfüllung.

Konzentriert sitzt der 22-jährige Nematollah Qasemi an seinem Arbeitsplatz vor seinem Computer. Auf seinem Arbeitstisch: ein Buch mit dem Titel «How Linux works». «Das Buch unterstützt mich beim Lernen», sagt er. Für den Afghanen ist ein Traum in Erfüllung gegangen: Dank eines Arbeitsintegrationsprogramms absolviert er seit rund zwei Monaten ein Praktikum bei der IT-Firma Nine in Zürich.

Im Januar 2016 sei er als Flüchtling in die Schweiz gekommen – ohne Perspektive und Zukunftsaussichten. «Jetzt freue ich mich unglaublich», sagt er. «Ich habe die Möglichkeit, hier zu arbeiten und auch selbstständig etwas zu lernen.» Der Weg dahin sei für ihn aber alles andere als einfach gewesen, erzählt er.

Schweizer Kreuz als Symbol der Hilfe

Nematollah stammt ursprünglich aus der Stadt Ghazni im Osten Afghanistans. Die Stadt soll durch die radikalislamischen Taliban bedroht worden sein, die es darauf abgesehen hätten, junge Männer zu rekrutieren. «Wenn du dich dagegen gewehrt hast, töteten sie dich», so seine Darstellung. Ende 2015 sei der damals 17-Jährige deswegen aus seiner Heimatstadt geflohen. Seine Familie habe er zurückgelassen; sie lebe heute mittlerweile in der afghanischen Hauptstadt Kabul. «Ich habe heute hin und wieder noch Kontakt mit ihnen, aber leider sehr selten», so Nematollah.

Über die Türkei, die Insel Lesbos und die Balkanroute kam Nematollah zunächst in Österreich an. «Dort sah ich zum ersten Mal die Schweizer Flagge. Sie erinnerte mich an das Rote Kreuz, welches ich in Afghanistan häufig gesehen habe», erzählt er. «Das Schweizer Kreuz schien mir wie ein Symbol der Hilfe.» Für Nematollah war klar: Er wollte sein Glück in der Schweiz versuchen. «Als ich im Januar 2016 hier angekommen bin, habe ich nach langer Zeit endlich wieder das Gefühl der Freiheit gespürt. Ich musste keine Angst mehr vor drohendem Krieg oder Gewalt haben.»

Deutsch geübt und Informatikausbildung besucht

Nematollah erhielt in der Schweiz den Status F (vorläufig aufgenommen) und hielt sich zunächst in verschiedenen Flüchtlingsunterkünften auf. Die Jobaussichten seien angesichts seines jungen Alters zunächst schlecht gewesen. «Ich habe daher in einer Flüchtlingsunterkunft in Zürich ein halbes Jahr lang einen Intensiv-Deutschkurs besucht. Später konnte ich auch auf eine Sekundarschule für Erwachsene gehen.»

Anfang dieses Jahres wurde Nematollah auf das Programm «Powercoders» (siehe Box) aufmerksam. Das Arbeitsintegrationsprogramm, welches Flüchtlinge im Informatikbereich ausbildet, bot sich als gute Gelegenheit. «Mein Cousin studierte in Kabul Informatik. Seine Erzählungen haben mich schon länger fasziniert und mein Interesse für Mathematik und Informatik geweckt», erzählt er.

«Habe der Schweiz viel zu verdanken»

Am Ende der Ausbildung wurden den ausgebildeten Flüchtlingen Stellen angeboten. Nematollah hat sich für ein zwölfmonatiges Praktikum beim IT-Unternehmen Nine in Zürich beworben – mit Erfolg. «Als ich vor ein paar Monaten das E-Mail mit der Zusage bekommen habe, war ich überglücklich. Ich wusste: Ich habe ein grosses Ziel erreicht, und nun geht es aufwärts.»

Der 22-Jährige arbeitet nun seit rund zwei Monaten für Nine. Mittlerweile hat er sich sehr gut eingelebt. «Ich arbeite an Servern, baue sie um, ein oder aus», erzählt er. Beruflich möchte sich Nematollah später in Richtung Systemtechnik orientieren. «Momentan habe ich mir aber das Ziel gesetzt, dieses IT-Praktikum zu absolvieren und ein selbstständiges Leben aufzubauen.» Heute hat Nematollah immer noch den Status F und muss ihn jährlich verlängern. Sein Asylgesuch ist immer noch hängig, er könnte theoretisch bei einem negativen Bescheid nach Afghanistan ausgewiesen werden.

«Wie eine neue Familie»

Seinen ersten Lohn von 600 Franken habe er «hauptsächlich fürs Essen» ausgegeben. «Er war schnell weg, denn es war ja nicht so viel», schmunzelt er. Viel mehr freue er sich darüber, eine gute Ausbildung gefunden zu haben und willkommen zu sein: «Die Mitarbeitenden in dieser Firma sind für mich bereits wie Freunde geworden. Ich fühle mich schon fast, als wäre ich zu einer neuen Familie gestossen.»

Für die Schweiz hat Nematollah daher nur lobende Worte übrig. «Der Schweiz habe ich viel zu verdanken», sagt er. «Hier habe ich eine Perspektive und die Möglichkeit, das zu lernen, was ich künftig gerne machen möchte.»

Vorgesetzter lobt Nematollah

Tajno Schönenberger, der Vorgesetzte von Nematollah, sagt zu 20 Minuten: «Es ist das Ziel, dass Nematollah nächstes Jahr eine Lehrstelle antreten kann.» Er hoffe, Nematollah könne hierbleiben. «Wir spüren, dass er viele Fähigkeiten und eine schnelle Auffassungsgabe hat. Es macht eine Riesenfreude, zu sehen, dass sich Nematollah an der Arbeit so gut eingefunden hat», sagt Schönenberger. «Wenn man sich mit Flüchtlingen auseinandersetzt, sieht man, dass die auch so viel auf dem Kasten haben wie wir, wenn sie ein Umfeld mit Entwicklungsmöglichkeiten erhalten.»

«Powercoders»

Das Ausbildungsprogramm soll Flüchtlingen einen direkten Zugang zur IT-Industrie ermöglichen. Die dreijährige Pilotphase, die vom Staatssekretariat für Migration (SEM) unterstützt wurde, wurde letzten Juni abgeschlossen: 148 Geflüchtete haben das Programm in insgesamt neun Ausbildungsgängen durchlaufen. Die Absolventen besuchten eine 13-wöchige Programmierausbildung, nach deren Abschluss ihnen ein 6- bis 12-monatiges Praktikum vermittelt wurde. Dank einer Festanstellung oder einer Berufslehre können sie sich aus der Sozialhilfeabhängigkeit lösen und selber für sich und ihre Angehörigen aufkommen. Rund 90 Prozent der 148 Teilnehmenden konnte ein IT-Praktikum vermittelt werden.

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