11.06.2015 19:14

Unterwegs nach Europa

Flüchtlinge auf riskanter Balkan-Velotour

Angesichts der Dramen im Mittelmeer, weichen viele Flüchtlinge auf den Landweg via Balkanländer aus. Dort lauern andere Gefahren.

von
kmo
1 / 12
Im Sommer 2015 versuchen viele Flüchtlinge per Velo in die Europäische Union zu gelangen.

Im Sommer 2015 versuchen viele Flüchtlinge per Velo in die Europäische Union zu gelangen.

Robert Atanasovski
Dieser Vater möchte zusammen mit seiner Tochter die Grenze zu Serbien überqueren.

Dieser Vater möchte zusammen mit seiner Tochter die Grenze zu Serbien überqueren.

Robert Atanasovski
Von dort wollen viele weiter nach Rumänien, Ungarn oder Kroatien.

Von dort wollen viele weiter nach Rumänien, Ungarn oder Kroatien.

Robert Atanasovski

Allein in diesem Jahr verloren fast 1800 Flüchtlinge bei der Reise über das Mittelmeer ihr Leben. Deshalb versuchen immer mehr Migranten über den Landweg durch die Balkanstaaten in die Europäische Union zu gelangen – via Mazedonien und Serbien nach Ungarn.

Viele dieser Menschen sind zu Fuss oder per Velo unterwegs. In Mazedonien sollen sich Anwohner daher bereits darauf spezialisiert haben, Fahrräder an Flüchtlinge zu verkaufen – laut lokalen Medien für umgerechnet rund 100 bis 300 Franken.

«Menschen stapelten sich, um schlafen zu können»

Auch diese Reise ist nicht ungefährlich: Es drohen Entführungen oder Überfälle von Schmugglerbanden. Diese nehmen den Migranten ihre Pässe ab und fordern Lösegeld. Auch die syrischen Studenten Ahmed und Mohammed wurden Opfer afghanischer Kidnapperbanden in Mazedonien.

Überfallen werden sie bei Vaksintse nahe der serbischen Grenze. Die Entführer sperren sie in ein Haus, rund 300 Migranten sind auf engstem Raum eingepfercht, erzählen die beiden. «Es war schwer zu atmen, nachts stapelten sich die Menschen, um zu schlafen», sagt Mohammed. Ein Handyvideo bestätigt seine Aussagen (siehe unten). «Es gab kaum etwas zu essen, die Fenster waren verdunkelt, das Haus 24 Stunden am Tag bewacht.»

1000 Franken Lösegeld

Um freizukommen, sollen die beiden umgerechnet je rund 1000 Franken Lösegeld von ihren Familien einfordern. Syrer gelten als reicher, darum zahlen sie mehr als Migranten anderer Herkunft. Doch weder Ahmed noch Mohammed wissen, wem sie schreiben sollen: Ahmed hat seit seiner Flucht vor den Bomben in Aleppo nichts von seiner Familie gehört, und Mohammeds Mutter verlor all ihre Habseligkeiten im Krieg. Also schicken die Studenten einen Hilferuf an einen Kontakt: «Bitte helft uns! Wir haben so grosse Angst.» Der Kontakt leitet die SMS an eine Reporterin des britischen TV-Senders Channel 4 weiter.

Nach fünf Tagen gelingt den beiden Männern die Flucht: Aus unbekannten Gründen evakuieren die Wächter das Haus und bringen die Menschen auf einen Hügel. Von dort retten sich Mohammed und Ahmed über die Berge und schaffen es nach Belgrad. Sie treffen die britische Reporterin und erzählen ihre Geschichte. Die Journalistin spricht mit vielen weiteren Flüchtlingen, die ähnliche Erfahrungen schildern. Danach sucht sie die Schmuggler auf (siehe Video).

(Quelle: YouTube/Channel 4 News)

«Polizisten nahmen unsere Pässe weg und schlugen uns»

Schlepper sind nicht die einzige Bedrohung für Flüchtlinge in Mazedonien. Oft ist auch die örtliche Polizei nicht besser: «Sie nahmen unser Geld, unsere Pässe und schlugen uns», erzählte ein syrischer Migrant dem Sender BBC. Dazu lauern Gefahren auf dem Weg: Oft laufen die Flüchtlinge über Bahngleise und grosse Verkehrsstrassen. Erst Ende April starben 14 Menschen, als ein Zug sie bei ihrem Marsch erfasste.

Mazedonien ist laut Menschenrechtsgruppen der «schlimmste Ort in Europa für Flüchtlinge». Trotzdem überqueren täglich rund 300 Flüchtlinge die Grenze von Griechenland in den Balkanstaat. Sie zahlen einen hohen Preis, um die Gefahren zu umgehen, die auf dem Mittelmeer lauern.

Der Landweg nach Europa

Das ist die Route vieler Flüchtlinge über den Balkan: Von der Türkei aus geht es per Boot – oft sogar per Ferienfähre – nach Griechenland. Dann reisen viele über Idomeni nach Mazedonien ein und versuchen von dort über Serbien nach Ungarn und damit in die EU zu gelangen:

Ungarn will Grenze zu Serbien dicht machen

Das EU-Land Ungarn bekommt den Flüchtlingsstrom besonders zu spüren. In diesem Jahr wurden hier bereits über 50'000 Asylanträge gestellt, 2014 waren es 43'000, 2012 etwas mehr als 2150 Menschen. Vor März kamen die meisten Asylbewerber aus dem Kosovo. Seither stammt die Mehrzahl aus Afghanistan, Syrien und dem Irak. Um sich gegen den ansteigenden Flüchtlingsstrom zu wappnen, will Ungarn jetzt seine Grenze zu Serbien besser schützen. Die Regierung schliesst den Bau eines Stacheldrahtzauns nicht aus. Nach einem Vorschlag der regierenden Fidesz-Partei soll die Polizei künftig Flüchtlinge zurückschicken, die illegal in das Land gelangt sind (SDA).

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.