Wegweisungen: Flüchtlinge campieren in Como – Schweiz in Kritik

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WegweisungenFlüchtlinge campieren in Como – Schweiz in Kritik

Weil die Schweiz illegal Einreisende konsequent nach Italien zurückschickt, bevölkern immer mehr Flüchtlinge die Villen-Region am Comersee. Lokale Politiker sind empört.

von
daw
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In Como, wo Dutzende Flüchtlinge im Bahnhof S. Giovanni und in Parks schlafen, wächst der Ärger über die Schweiz.

In Como, wo Dutzende Flüchtlinge im Bahnhof S. Giovanni und in Parks schlafen, wächst der Ärger über die Schweiz.

Pablo Gianinazzi
Eine Gruppe Eritreer wartet in einem Park in Como.

Eine Gruppe Eritreer wartet in einem Park in Como.

20 minuti/Filippo Suessli
Ein Flüchtling studiert am Bahnhof in Como die Schweizer Karte. Die Schweiz überstellt Migranten, die von Italien durch die Schweiz nach Norden reisen wollen, an Italien. So sieht es ein bilaterales Rücknahmeabkommen vor.

Ein Flüchtling studiert am Bahnhof in Como die Schweizer Karte. Die Schweiz überstellt Migranten, die von Italien durch die Schweiz nach Norden reisen wollen, an Italien. So sieht es ein bilaterales Rücknahmeabkommen vor.

Pablo Gianinazzi

Der Migrationsdruck an der Schweizer Südgrenze ist hoch: Allein in der ersten Juli-Woche griffen Schweizer Grenzwächter 1321 Menschen auf, die sich illegal im Land aufhielten. Stellen sie kein Asylgesuch, schickt sie die Schweiz konsequent nach Italien zurück, wie es ein Rücknahmeabkommen zwischen den beiden Ländern vorsieht. So wurden innert einer Woche 966 Personen weggewiesen.

In der Region Como, wo Stars wie George Clooney ihre Villen haben, stranden darum immer mehr Flüchtlinge, die nach Norden weiterreisen wollen. Einer von ihnen ist Semba (26) aus Gambia. Nachdem er in Chiasso aufgegriffen und registriert worden war, wurde er am Mittwochmorgen wieder nach Italien zurückgebracht. Zusammen mit seinem Bruder ist er seit Monaten in Italien, wo er aber auf keinen Fall bleiben will: «Hier gibt es nicht einmal Arbeit für Italiener», sagt er zu 20 minuti. Schon mehrfach haben ihn Grenzwächter aufgegriffen. Trotzdem wird er erneut versuchen, nach Deutschland zu gelangen.

Italiener protestieren

Alpha, ein 18-jähriger Guineer, beklagt sich über die strengen Grenzkontrollen der Schweiz: «Ich möchte in Deutschland Asyl beantragen. Seit vorgestern bin ich in Como, aber die Schweiz hat die Grenze dichtgemacht», zitiert ihn die britische Zeitung «Daily Mail».

In Como, wo Dutzende Flüchtlinge im Bahnhof S. Giovanni und in Parks schlafen, wächst der Ärger über die Schweiz. Der Lega-Abgeordnete Nicola Molteni warnte, Como verkomme zum Freiluftcamp für Flüchtlinge. Der Bahnhof sei für die Touristen eine schlechte Visitenkarte. Auch die italienische Polizeigewerkschaft zeigt mit dem Finger auf die Eidgenossenschaft: «Die Situation wird immer schlimmer wegen der systematischen Rückführungen der Schweiz, die das Abkommen starr auslegt», so Ernesto Molteni, Gewerkschaftssekretär der Provinz Como zur Westschweizer Zeitung «24 heures». Die Sicherheitskräfte der Region kämen an den Anschlag.

Die italienische Zeitung «La Repubblica» wirft der Schweiz vor, den Grenzübergang in Chiasso geschlossen zu haben und spricht bereits von einem kleinen Ventimiglia an der Schweizer Grenze. Der ligurische Ort an der italienisch-französischen Grenze wurde zum Sinnbild der Flüchtlingskrise, als Paris die Flüchtlinge 2015 nicht einreisen liess. Die Bilder von den an der Küste ausharrenden Menschen gingen um die Welt.

Schweiz will kein Transitland sein

Geschlossen ist die Schweizer Grenze freilich nicht. David Marquis, Sprecher der Zollverwaltung, begründet die gestiegene Zahl der Wegweisungen damit, dass «der Anteil der Migranten, die an der Grenze im Tessin ein Asylgesuch einreichten, in den vergangenen Wochen abgenommen» hat. «Migranten, welche die Schweiz lediglich durchqueren wollen, werden vom Schweizer Grenzwachtkorps konsequent nach Italien rücküberstellt.» Bislang seien bei der Zollverwaltung deswegen keine Beschwerden eingegangen.

Marquis sagt auch: «Es kommt vor, dass Migranten mehrere Versuche unternehmen, illegal in die Schweiz zu gelangen.» Zuletzt wurden Migranten zu Fuss auf der Autobahn aufgegriffen. Die Tessiner Behörden rufen die Automobilisten nun zur grösstmöglichen Vorsicht auf.

Ein Migrant mit Ziel Deutschland erzählt, wie seine Reise in Chiasso endete (Englisch).

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