Ungarn macht dicht: Flüchtlinge müssen auf neue Routen ausweichen
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Ungarn macht dichtFlüchtlinge müssen auf neue Routen ausweichen

Ungarn versiegelt seine Grenze zu Serbien. Die Flüchtlinge finden neue Wege nach Westeuropa – und werden kreativ.

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Flüchtlinge weichen auf die Route via Kroatien nach Westeuropa aus. Am 16. September überquert eine Gruppe die Grenze zwischen Serbien und Kroatien bei Tovarnik.

Flüchtlinge weichen auf die Route via Kroatien nach Westeuropa aus. Am 16. September überquert eine Gruppe die Grenze zwischen Serbien und Kroatien bei Tovarnik.

AP/Matthias Schrader
Polizisten überwachen Mitte September 2015 den Grenzzaun zwischen Serbien und Ungarn bei Röszke.

Polizisten überwachen Mitte September 2015 den Grenzzaun zwischen Serbien und Ungarn bei Röszke.

AP/Matthias Schrader
Der Grenzzaun soll Flüchtlinge auf einer Länge von 175 Kilometern vom illegalen Grenzübertritt nach Ungarn abhalten.

Der Grenzzaun soll Flüchtlinge auf einer Länge von 175 Kilometern vom illegalen Grenzübertritt nach Ungarn abhalten.

AFP/Elvis Barukcic

Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn: So sah die sogenannte Balkan-Route der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten nach Europa in den letzten Monaten aus. 140'000 Migranten reisten in diesem Jahr bereits über diese Route nach Ungarn ein. Jetzt macht das EU-Land die Schotten dicht: Der Grenzzaun zu Serbien steht, ein weiterer soll an der Grenze zu Rumänien entstehen. Zwei Grenzübergänge zu Serbien sind gesperrt, Militär bewacht die Gebiete. Bei illegaler Einreise drohen Flüchtlingen Haftstrafen oder Abschiebung.

Doch die Massnahmen scheinen die Menschen nicht daran zu hindern, ihren Fussmarsch nach Europa fortzusetzen. «Niemand wird umkehren», vermutete der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Bedford-Strohm, in der «Tagesschau» der ARD. «Die Menschen werden sich andere Wege suchen.» Ein Überblick über die Alternativ-Routen.

Die West-Route

Viele Flüchtlinge dürften auf die Route über Montenegro, Bosnien, Kroatien und Slowenien ausweichen, um nach Westeuropa zu gelangen. In Bosnien rechnet man mit einem Anstieg der Flüchtlingszahlen. «Es könnten schon im Herbst mindestens 10'000 syrische Flüchtlinge aus Serbien nach Bosnien kommen, vielleicht werden es sogar mehr als 20'000», sagte Izet Nizam von der bosnischen Ausländerbehörde laut Spiegel.de. Denn in Serbien befinden sich derzeit rund 160'000 Flüchtlinge, die ursprünglich über Ungarn nach Westeuropa reisen wollten.

Auch das slowenische Innenministerium meldete: Man habe 72 Gebäude in Staatsbesitz als potentielle Notaufnahmelager vorbereitet. In der kroatischen Hauptstadt Zagreb gibt man sich derweil gelassen: Kroatien müsse mit keiner grösseren Welle von Flüchtlingen rechnen, da es nicht zur Schengen-Zone gehöre, versichert Premier Zoran Milanovic.

Die Route durch Europas Armenhaus

Weil die Route über Bosnien und Kroatien sehr gebirgig ist, wählen viele Flüchtlinge die längere Route über Bulgarien und Rumänien. Mit einem neuen Zaun zwischen Ungarn und Rumänien dürften viele von ihnen weiter über die Ukraine in die EU-Staaten Slowakei oder Polen reisen. Rumänien selbst hatte angekündigt, die Grenze zu Serbien stärker überwachen zu wollen.

Erst heute versuchten laut dem Nachrichtenkanal n24 mehrere hundert Syrer, von der Türkei nach Bulgarien und Griechenland zu gelangen. Doch auch Bulgarien will seinen 2013 errichteten 30 Kilometer langen Zaun an der türkischen Grenze um 130 Kilometer erweitern – und andernorts zulegen: «Bisher gingen all unsere Ressourcen an die bulgarisch-türkische Grenze, jetzt haben wir sie an die Grenzen zu Mazedonien und Griechenland verlagert», sagte Bulgariens Ministerpräsident Boiko Borissov laut «Tagesspiegel». Gemäss der «Stuttgarter Zeitung» hat Sofia bereits Panzerfahrzeuge an die Grenze zu Mazedonien verlegen lassen.

Die Polarkreis-Route

Die wohl ungewöhnlichste und bislang unbekannteste Route führt über den Polarkreis nach Norwegen. Diese hat zuletzt an Bedeutung gewonnen. 151 Flüchtlinge sollen die Grenze von Russland nach Norwegen in diesem Jahr überquert haben. Viele Syrer fliegen von Damaskus nach Moskau und fahren mit dem Zug weiter bis Murmansk, einer russischen Stadt nördlich des Polarkreises. Von dort geht es mit dem Bus oder Auto in die grenznahe Stadt Nikel. Den Grenzübergang Borisoglebsk-Storskog zu Fuss oder per Taxi zu passieren, ist nicht erlaubt. Deshalb kaufen sich viele Flüchtlinge in Nikel ein Rad und fahren die 40 Kilometer nach Norwegen. Storskog ist das neue Tor zum Westen», sagte Polizeichef Hans Møllerbakke der «Welt».

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