Integrationsprogramm: Flüchtlinge putzen Toiletten für die SBB
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IntegrationsprogrammFlüchtlinge putzen Toiletten für die SBB

Asylsuchende sammeln für die SBB Abfall und reinigen Klos. Auch andere Unternehmen engagieren Flüchtlinge. Damit konkurrenziere man private Anbieter, sagt ein Kritiker.

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wed/the

Asylsuchende helfen mit, die Züge der SBB sauber zu halten. Das kommt bei den Kunden gut an.

Sie leeren Mülleimer, sammeln und trennen herumliegenden Abfall und reinigen die Toiletten im Zug: Seit Januar 2016 beschäftigt die SBB Flüchtlinge, vorläufig aufgenommene Personen und Asylsuchende, die sie bei der Reinigung der Züge unterstützen. Das Arbeitsintegrationsprogramm TeamClean ist in einer Zusammenarbeit mit der Stadt Bern entstanden und besteht aus 35 Teilnehmenden, die im Raum Bern, Freiburg, Biel und Olten tätig sind.

«Wir haben schon lange eine Zusammenarbeit mit Bernmobil, wo Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden. Da dachten wir uns: Wenn man Busse und Trams putzen kann, dann kann man auch Züge putzen. So entstand die Idee, auf die SBB zuzugehen», sagt Markus Vogel, Leiter der Arbeitsintegration Stadt Bern. Die Asylsuchenden würden sich freiwillig melden oder von ihrem Sozialarbeiter empfohlen werden. «Zu der Sozialhilfe kann sich so ein Flüchtling eine Motivationspauschale von 200 Franken hinzuverdienen.» Bezahlt wird diese durch die Behörden.

«Ich hasse es, nichts zu tun»

Unter den Teilnehmern ist auch auch der 26-Jährige Syrer Wissam Alsamoua, der seit acht Monaten in der Schweiz lebt und in Syrien als Beamter arbeitete. «Ich bin geflüchtet, weil mein Leben in grosser Gefahr war, und bin in die Schweiz gekommen, da ich gehört hatte, dass die Menschen hier viele Rechte haben.»

Er habe in seinem Land immer gearbeitet und er hasse es, nur zu Hause zu sitzen und nichts zu tun. «Ich will das Gefühl haben, etwas zu machen oder zu produzieren. Ich möchte keine Belastung für die Schweizer Regierung sein und möchte mein Essen von meinem Schweiss bezahlen können.»

Auch Migros, Coop und Post engagieren Flüchtlinge

«Es geht darum, dass man Flüchtlingen die Möglichkeit gibt, im Arbeitsleben in der Schweiz zu schnuppern und ihnen eine Tagesstruktur zu geben» sagt SBB-Sprecher Daniele Pallecchi. Die Flüchtlinge und die Organisationen würden das Projekt schätzen, man prüfe eine Ausweitung.

Auch andere Schweizer Unternehmen haben Arbeitsintegrationsprogramme gestartet. So stellte der Grossverteiler Migros im Sommer sein Integrationsprojekt «Maflü» vor, bei dem rund 30 vorläufig aufgenommene Flüchtlinge bei Micarna arbeiten sollen.

Bei Coop werden vorläufig aufgenommene Flüchtlinge ausgebildet. «Wir beschäftigen zurzeit über 50 Mitarbeitende mit einem Ausweis F. Darunter befinden sich Praktikanten und Lernende», sagt Sprecherin Nadja Ruch. Bei etwa der Hälfte der Personen handle es sich um Lernende, die eine zwei- oder dreijährige Grundbildung zum Detailhandelsassistent oder -fachmann absolvieren. «Die übrigen Personen nehmen Funktionen im Verkauf, der Gastronomie oder der Logistik wahr.»

«Froh, etwas zu tun zu haben»

Die Post hat im Sommer ein Pilotprojekt mit vier Flüchtlingen gestartet, die im Brief- und Paketzentrum Härkingen in der Logistik für die Sortierung von Briefen und Paketen zuständig sind. Die Flüchtlinge absolvieren dort eine Vorlehre zum Logistiker. Laut Sprecherin Jacqueline Bühlmann ist man zudem daran, Bewerbungen von zwei Flüchtlingen mit Universitätsabschluss für freie Praktikumsstellen im IT-Bereich zu prüfen.

Erfahrung mit der Beschäftigung von Asylsuchenden und Flüchtlingen hat man bei der Zürcher Fachorganisation AOZ. Zurzeit beschäftige man rund 100 Personen im Veloverleih, den man seit Mitte der 90er-Jahre betreibe. «Die Flüchtlinge sind froh, dass sie nach dem Aufstehen etwas Sinnvolles zu tun haben. Bei ihrer Tätigkeit im Veloverleih kommen sie auch mit der Bevölkerung in Kontakt», sagt Florian Jenzer, Leiter des Projekts «Züri rollt».

«Flüchtlinge konkurrenzieren private Anbieter»

Dass Flüchtlinge in den Schweizer Arbeitsmarkt integriert werden sollen, stösst dem SVP-Asylchef Andreas Glarner sauer auf. «Diese Menschen sollen sich nicht in der Schweiz integrieren, sondern so schnell wie möglich wieder zurückgeschafft werden.» Durch das Flüchtlings-Reinigungsteam sei einer privaten Putzequipe ein Auftrag durch die Lappen gegangen. «Die subventionierten Flüchtlinge konkurrenzierten private Anbieter.» Erst einmal soll man diese Arbeiten durch inländische Arbeitskräfte erledigen lassen und auch auf Arbeitslose beim RAV zurückgreifen, bevor man auf Asylbewerber zurückgreift.»

Dass die Flüchtlinge Schweizern die Arbeitsplätze streitig machen, verneint SBB-Sprecher Pallecchi. «Das sind niederschwellige Angebote, die dazu da sind, den Schweizer Arbeitsmarkt erst einmal kennen zu lernen.»

Flüchtlinge helfen im Projekt TeamClean, Züge zu reinigen. (Bild: ZVG)

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