Winterthur: Flüchtlinge statt Gläubige – Kirche rüstet um
Publiziert

WinterthurFlüchtlinge statt Gläubige – Kirche rüstet um

In der Kirche Rosenberg in Winterthur baut der Zivilschutz 14 Holzhütten für 70 Flüchtlinge auf. Diese müssen sich an das viertelstündliche Glockengeläut gewöhnen.

von
ced

«Die Kirche ist ein Ort der Begegnung, auch zwischen verschiedenen Kulturen.» (Video: Murat Temel)

Die reformierte Kirche Rosenberg in Winterthur-Veltheim stand seit drei Jahren leer, weil die Gläubigen fehlen. Nun hat sie einen neuen Zweck: Statt Kirchgänger werden künftig 70 Flüchtlinge im Gotteshaus ein und aus gehen. Seit Anfang Woche ist der Zivilschutz mit den Aufbauarbeiten von 14 Holzhütten beschäftigt, die ab der zweiten Januarhälfte je fünf Asylsuchende für mindestens zwei Jahre beherbergen. Es wird sich vorwiegend um Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und Eritrea handeln.

«Vom christlichen Kontext her ist das kein Problem», sagt Kirchpflegepräsident Ueli Siegrist. «Die Kirche ist ein Ort der Begegnung, auch zwischen verschiedenen Kulturen.» Ganz auf die Tradition verzichten will man jedoch trotz der Umnutzung nicht: Die Kirchenglocken werden laut Siegrist nach wie vor von 6 Uhr bis 22 Uhr im Viertelstundentakt läuten.

Bibeln werden nicht verteilt

Religiöse Veranstaltungen in den Räumlichkeiten werden aber ausbleiben, wie Siegrist sagt: «Die Gottesdienste finden in der nahen Dorfkirche statt.» Auch andere Aktionen wie das Verteilen von Bibeln oder anderen Dokumenten mit religiösen Inhalten sei nicht geplant. Damit Gegenstände wie Altar, Orgel und Kirchenfenster heil bleiben, wurden sie vorsichtshalber mit einer Holzverkleidung versehen, die Kirchenbänke abgeschraubt und zwischengelagert.

Das schafft Platz für die neuen Holzhütten – eine Notlösung, wie der verantwortliche Architekt Markus Jedele erzählt. Denn eigentlich hatte die Stadt Winterthur für die Einrichtung des Asylzentrums bereits Ikea-Shelters bestellt. Ein Brandtest Ende Dezember ergab jedoch, das diese zu gefährlich sind.

«Verwöhnt wird niemand»

Ähnlich wie beim neuen Asyldörfli in der Messehalle 9 in Zürich-Oerlikon mussten die Organisatoren also umdisponieren. «Das ging Schlag auf Schlag und war eine enorme Herausforderung», sagt Jedele. Wie in Zürich präsentierte sich die passende Lösung in Form von Hütten aus Holzspanplatten. «Sie unterscheiden sich aber von jenen in Oerlikon, die Ausgangslage war eine andere», sagt Jedele. Unter anderem habe der Denkmalschutz der Kirche in die Planung miteinbezogen werden müssen.

Die Hütten haben eine Grundfläche von 17 Quadratmetern und verfügen über eine spartanische Einrichtung mit fünf Betten, Schränken, Tischen, Stühlen und einem Kühlschrank. Man habe versucht, mit minimalen Mitteln das Bestmögliche herauszuholen. Laut Jedele ist aber klar: «Verwöhnt wird hier niemand.»

Deine Meinung