Zukunftsangst: Flüchtlinge von Calais leiden unter Panikattacken
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ZukunftsangstFlüchtlinge von Calais leiden unter Panikattacken

Nach der Räumung des «Dschungels von Calais» kamen 1600 Flüchtlingskinder in verschiedene Aufnahmezentren. Viele von ihnen sind stark verunsichert.

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In der wilden Zelt- und Hüttensiedlung hatten sich in den vergangenen Jahren Flüchtlinge gesammelt, die illegal über den Ärmelkanal Grossbritannien erreichen wollten.

In der wilden Zelt- und Hüttensiedlung hatten sich in den vergangenen Jahren Flüchtlinge gesammelt, die illegal über den Ärmelkanal Grossbritannien erreichen wollten.

AFP/Philippe Huguen
Nach der Räumung des «Dschungel» von Calais wurden 1600 minderjährige Flüchtlinge in Wohncontainern oder in anderen Aufnahmezentren in Frankreich untergebracht.

Nach der Räumung des «Dschungel» von Calais wurden 1600 minderjährige Flüchtlinge in Wohncontainern oder in anderen Aufnahmezentren in Frankreich untergebracht.

AP/Thibault Camus
Der Wechsel hat bei vielen Kindern Angstzustände ausgelöst - vor allem darum, weil die Behörden ihnen Auskunft über ihre Zukunft verweigern. Viele junge Migranten leiden unter Panikattacken, einige äussern sogar Selbstmordabsichten.

Der Wechsel hat bei vielen Kindern Angstzustände ausgelöst - vor allem darum, weil die Behörden ihnen Auskunft über ihre Zukunft verweigern. Viele junge Migranten leiden unter Panikattacken, einige äussern sogar Selbstmordabsichten.

epa/Etienne Laurent

Die Situation der minderjährigen Flüchtlingen ist nach der Räumung des Elendscamps in Calais dramatischer als zuvor. Derzeit befinden sich drei afghanische Flüchtlinge im Alter von 16 Jahren in Frankreich im Hungerstreik, weil die britischen Behörden ihr Anrecht auf eine Familienzusammenführung in Grossbritannien seit Monaten ignoriert.

Laut «Guardian» haben auch die Fälle von Panikattacken unter den 1600 Flüchtlingskindern zugenommen, die nach dem Abriss des slumähnlichen Lagers in Wohncontainern, Altersheimen oder Aufnahmezentren in ganz Frankreich verteilt wurden. Die jungen Menschen klagen darüber, dass sie keinerlei Informationen über ihr weiteres Schicksal erhalten. Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz und Save the Children haben nun das Betreuungspersonal aufgefordert, den Aufnahmeprozess für Minderjährige zu beschleunigen.

Britische Beamte als Lockvögel

Die drei afghanischen Jugendlichen im Hungerstreik haben bereits vor Monaten einen Antrag gestellt, um nach Grossbritannien zu Verwandten reisen zu dürfen. Sie lebten die vergangenen sechs Monaten im sogenannten Dschungel von Calais. Der Hungerstreik sei «ein Zeichen der Verzweiflung, weil man sie vergessen hat», behauptet Laura Griffiths von der Organisation Save Passage UK.

Die Flüchtlinge erzählten den Hilfsarbeitern, dass sie nach der Räumung des Camps in Bussen in ihre neuen Unterkünfte gefahren wurden. Viele stiegen ein, weil sich in den Bussen jeweils zwei Mitarbeiter der britischen Migrationsbehörde befanden. Doch kaum angekommen, machten sich die Beamten aus dem Staub.

Warme Duschen, aber sonst alles schlimmer

In den Augen der Mitarbeiter von Help Refugees war die Umsiedlung der Flüchtlinge ein Riesenfiasko. Sie besuchten acht Aufnahmezentren und stellten dabei fest, dass nur in zwei davon ein Dolmetscher präsent ist. Einer der Helfer erzählte, er habe zwei Buben getroffen, die ihm gegenüber Selbstmordgedanken geäussert hätten. 22 Kinder seien bereits aus den Unterkünften geflohen.

«Die Kinder leiden darunter, dass sie nicht wissen, was mit ihnen passieren wird. Sie geniessen zwar den Komfort und die warmen Duschen, aber die Ungewissheit löst bei vielen Angstzustände aus», sagt Benny Hunter von Help Refugees zum «Guardian».

Der Helfer unterhielt sich mit Teenagern aus Afghanistan, die ihm erzählten, dass sie mehrmals von verschiedenen Migrationsbeamten befragt worden sind. Als sie sich über den Grund erkundigten, wieso sie immer wieder dieselben Fragen gestellt bekämen, gab ein Mitarbeiter der Behörde zu, dass sie die Formulare verwechselt hätten.

Ein anderer Flüchtling sagte, dass kein Dolmetscher bei seiner Aufnahme dabei gewesen sei und der Beamte sich mithilfe von Google Translate das Antragsformular ausgefüllt habe.

Ein weiteres Problem ist die Langeweile. «Hier in der Unterkunft ist es nicht so kalt wie in Calais», sagt der Afghane Wasilkareem Y. (13). Er würde gerne zur Schule gehen oder zumindest im Zentrum einer Beschäftigung nachgehen.«Aber wir können nichts anderes tun, als herumzusitzen und zu warten.»

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