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Mangel an InteressentenFlüchtlings-Stellen bei Bauern bleiben unbesetzt

Trotz eines entsprechenden Pilotprojekts arbeiten noch kaum Flüchtlinge auf Bauernbetrieben. Was läuft schief?

von
jbu

«Flüchtlinge als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft: Im Idealfall eine Win-Win-Situation für alle»: So pries das Staatssekretariat für Migration das Pilotprojekt des Schweizer Bauernverbands vor Jahresfrist an. Die öffentliche Hand werde entlastet, Flüchtlinge erhielten die Möglichkeit, am Arbeitsmarkt teilzuhaben und die Landwirtschaft könne Arbeitskräfte aus der Umgebung rekrutieren.

Inzwischen ist die Euphorie jedoch Ernüchterung gewichen. Zahlreiche Bauern wären zwar bereit, Flüchtlinge anzustellen – die Bewerbungen bleiben laut einem Bericht von «10vor10» jedoch aus. Beat Bösiger, ein betroffener Gemüseproduzent, zeigt sich im Beitrag «erstaunt» darüber, dass offenbar niemand motiviert sei, einen entsprechenden Arbeitseinsatz zu leisten.

Landwirtschaft als Frauenarbeit

Auch Bauernpräsident Markus Ritter räumt ein, es sei «nicht einfach», Leute zu finden und diese auf dem Hof zu halten. Von den 17 verfügbaren Stellen wurden bislang erst sechs besetzt. Ritter erklärt sich das mangelnde Interesse damit, dass sich die Flüchtlinge aus gewissen Herkunftsländern die Arbeit in der Landwirtschaft nicht gewöhnt seien oder diese als Frauenarbeit betrachteten. «Es ist natürlich schwierig, wenn man einen Start in einem neuen Land hat und dann nicht bereit ist, auch einmal in einem solchen Bereich tätig zu sein.»

Beim Staatssekretariat für Migration heisst es, die Bereitschaft der Flüchtlinge, in der Landwirtschaft zu arbeiten, sei grundsätzlich vorhanden. Die Teilnahme scheitere jedoch häufig an den Rahmenbedingungen, weil ein Flüchtling etwa zu weit entfernt vom Bauernbetrieb wohne.

«Fehlanreize beseitigen»

Stefan Frey von der Flüchtlingshilfe bedauert es, dass die Zwischenbilanz so durchzogen ausfällt. Nun sei es wichtig, ohne Tabus über allfällige Probleme zu sprechen. «Beispielsweise hören wir hin und wieder von Flüchtlingen, die befürchten, dass sie auf dem Arbeitsmarkt weniger Geld erhalten als vom Sozialamt.» Sollte dies der Fall sein, müssten die Fehlanreize zwingend beseitigt werden, fordert Frey.

Den betroffenen Personen müsse zudem vermittelt werden, welche Werte auf dem Schweizer Arbeitsmarkt wichtig sind.«Ich habe selber 30 Jahre lang in Afrika gearbeitet. Die Arbeitsmentalität dort ist ganz klar eine andere.» Er empfiehlt, den Flüchtlingen eine gewisse Angewöhnungszeit zu gewähren, wenn es etwa ums Thema Pünktlichkeit geht. «Es muss aber auch klar gemacht werden, dass Sanktionen drohen, wenn es nach einer bestimmten Zeit nicht klappt.» Bei guten Trainingsbedingungen on the job stehe einer erfolgreichen Arbeitsintegration von Flüchtlingen langfristig nichts im Weg, glaubt Frey. «Dafür braucht es beidseits eine gewisse Geduld.»

In der Schweiz leben derzeit rund 36'000 Flüchtlinge im erwerbsfähigen Alter. Nur ein Viertel von ihnen arbeitet. Teilnehmer des Landwirtschaftsprojekts erhalten im ersten Monat 2300 Franken, danach 3200 Franken Lohn.

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