Umfrage in der Schweiz: Flüchtlingshilfe – lieber zahlen als aufnehmen
Aktualisiert

Umfrage in der SchweizFlüchtlingshilfe – lieber zahlen als aufnehmen

Geld nach Nordafrika schicken: ja. Flüchtlinge aufnehmen: eher nicht. Das sagen Schweizer in einer Umfrage zur Flüchtlingsproblematik.

von
Ph. Flück
Gilbert Casasus: «Viele Schweizer sind gegen die Flüchtlingsaufnahme, bis sie selber am Schicksal eines Flüchtlings teilhaben.»

Gilbert Casasus: «Viele Schweizer sind gegen die Flüchtlingsaufnahme, bis sie selber am Schicksal eines Flüchtlings teilhaben.»

Die Flüchtlingskrise im Mittelmeer stellt auch die Schweiz vor grosse Herausforderungen. Eine aktuelle Umfrage des österreichischen Online-Meinungsforschungsinstituts Marketagent.com stellte 501 Schweizern die Frage, wie sie mit der Problematik umgehen würden. Sollte sich die Schweiz stärker als bisher für Flüchtlinge, die an der italienischen Küste ankommen, engagieren? Der einzelne Teilnehmer hatte die Möglichkeit, mehrere Antworten auszuwählen.

Das Resultat der Umfrage liegt 20 Minuten exklusiv vor. Das sind aus Sicht der Befragten die wichtigsten Massnahmen:

Finanzielle Unterstützung der Heimatländer

Der grösste Teil der Befragten (38 Prozent) ist der Meinung, dass die Schweiz den Heimatländern finanzielle Hilfe leisten sollte, damit die Menschen dort bessere Perspektiven haben. Gilbert Casasus, Professor für Europastudien an der Universität Freiburg, sagt, diese Option sei wohl von so vielen Leuten genannt worden, weil es sich um die naheliegendste und bequemste Lösung handle. Aber: «Zu denken, das Flüchtlingsproblem könne einfach mit finanzieller Hilfe gelöst werden, ist naiv.» Die Hauptursache für die Migration über das Mittelmeer seien nämlich politische Konflikte. «Diese können mit Spenden nicht gelöst werden.»

Kein zusätzliches Engagement

Am zweitmeisten Teilnehmer (36,7 Prozent) waren der Meinung, die Schweiz müsse sich in der Flüchtlingsdiskussion nicht stärker engagieren. «Diese Haltung ist in vielen Ländern anzutreffen», erklärt Casasus. Dieser Ansatz bringe langfristig aber nichts: «Man kann nicht einfach die Probleme ignorieren.»

Entwicklungshilfe

22,2 Prozent der Befragten antworteten, dass die Schweiz sich stärker mit «sonstigen Hilfeleistungen» engagieren müsse. Konkret forderten die meisten zusätzliche Entwicklungshilfe vor Ort. Doch auch diese Lösung hat laut Casasus ihre Tücken: «Entwicklungshilfe ist ein gutes Mittel, um die Nebenerscheinungen einer Krise zu bekämpfen, aber nicht deren Ursachen.» Deshalb komme solche Hilfe sehr schnell an ihre Grenzen, wenn man auf längere Zeit etwas bewirken wolle.

Hilfe an Italien und die EU

Rund 15 Prozent gaben an, dass die Schweiz finanzielle Hilfe an Italien leisten solle. «Dies zeigt, dass die Schweizer ein neues Bewusstsein für das Flüchtlingsproblem entwickelt haben», erklärt Casasus. Die Schweizer hätten endlich gemerkt, dass Italien die Flüchtlingskrise nicht allein bewältigen könne. «Italien ist direkt betroffen und deshalb der erste Adressat für finanzielle Hilfe.» Diese Lösung sei durchdacht und könne ein Stück weit erfolgreich sein.

Einige wenige Teilnehmer der Umfrage (9 Prozent) sind der Meinung, dass die Schweiz finanzielle Hilfe direkt an die EU leisten sollte. Für Casasus ist klar, warum nur wenige für diese Lösung plädieren: «Die Diskussionen über konkrete Lösungen in der EU sind noch im Säuglingsstadium.» Deshalb seien viele Schweizer skeptisch gegenüber der Fähigkeit der EU, die Flüchtlingskrise zu bewältigen. Das Blatt könne sich allerdings zugunsten der EU wenden, wenn der Präsident der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker endlich einen seriösen Verteilschlüssel aufstellen würde. «Damit würde sie eine führende Rolle in der Lösungssuche einnehmen.»

Aufnahme von Flüchtlingen

Nur eine Minderheit von 14,6 Prozent ist der Meinung, dass die Schweiz mehr Flüchtlinge aufnehmen sollte. Casasus sagt: «Viele Schweizer sind gegen die Flüchtlingsaufnahme, bis sie selber am Schicksal eines Flüchtlings teilhaben.» Ein Projekt der Flüchtlingshilfe zeigt jedoch, dass es durchaus Schweizer gibt, die für eine Aufnahme von Flüchtlingen sogar ihr eigenes Heim zur Verfügung stellen würden. Einem entsprechenden Aufruf der Flüchtlingshilfe folgten hunderte Schweizer.

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