Streunende Tiere: «Flüchtlingskatzen aus der Ukraine verschärfen das Elend in der Schweiz»
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Streunende Tiere«Flüchtlingskatzen aus der Ukraine verschärfen das Elend in der Schweiz»

Eine Tierschutzorganisation schlägt Alarm: Unkastrierte Katzen aus der Ukraine drohen, das so schon grosse Katzenelend in der Schweiz zu verschärfen.

von
Daniel Graf
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Die Tierschutzorganisation NetAP befürchtet, dass das Katzenleid in der Schweiz sich verschlimmern könnte. 

Die Tierschutzorganisation NetAP befürchtet, dass das Katzenleid in der Schweiz sich verschlimmern könnte. 

NetAP 
Grund für die Befürchtung sind nicht kastrierte Katzen, die ukrainische Geflüchtete in die Schweiz bringen.

Grund für die Befürchtung sind nicht kastrierte Katzen, die ukrainische Geflüchtete in die Schweiz bringen.

NetAP 
Ein Beispiel ist Katze Lucy. Sie ist mit einer ukrainischen Familie aus der Ukraine geflohen.

Ein Beispiel ist Katze Lucy. Sie ist mit einer ukrainischen Familie aus der Ukraine geflohen.

Privat

Darum gehts

Viele Geflüchtete aus der Ukraine haben ihre Haustiere mitgebracht. Allein im Kanton Zürich wurden bis letzte Woche 195 ukrainische Katzen registriert. Die Tierschutzorganisation Network for Animal Protection (NetAP) geht von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. Nun schlägt die Tierschutzorganisation Alarm: Werden die ukrainischen Katzen nicht kastriert, ist nach Ablauf der dreimonatigen Quarantänezeit mit vielen ungewollten Schwangerschaften und dadurch mit einer Verschärfung des bestehenden Katzenelends zu rechnen.

«Schon jetzt gibt es in der Schweiz ungefähr 300’000 herrenlose Katzen», sagt Esther Geisser, Gründerin und Präsidentin der Tierschutzorganisation. Tierheime seien von Frühling bis Herbst regelmässig überfüllt – auch ohne die zusätzlichen Tiere aus der Ukraine.

«Aus einem Katzenpaar können 80 Millionen Katzen werden»

Wird eine Katze nicht kastriert, vermehrt sie sich rasant. Geisser rechnet vor: «Rein rechnerisch werden aus einem einzigen unkastrierten Katzenpaar in zehn Jahren 80 Millionen Katzen.» Diese hohe Fruchtbarkeit und die vielen streunenden Tiere führten zu grossem Elend: «Viele Tiere verwahrlosen oder gehen an Krankheiten und Hunger zugrunde. Nicht selten werden überzählige Kätzchen auch getötet.» Nur Kastrationen können laut Geisser diesen Kreislauf unterbrechen.

Auch Edith Zellweger von der Zellweger Animal Foundation spricht von einem «Riesenproblem». «Schon heute finden wir teilweise keinen Platz für verwilderte Katzen, die wir aufnehmen und kastrieren. Doch obwohl es immer mehr herrenlose Tiere gibt, gibt es in der Schweiz bislang keine Kastrationspflicht. Das Elend droht so immer grösser zu werden.»

Die unkontrollierte Vermehrung der Katzen könne auch für Schweizerinnen und Schweizer, die Geflüchtete beherbergen, zum Ärgernis werden: «Unkastrierte Katzen markieren ihr Revier häufiger, sowohl draussen als auch drinnen, was zu Problemen in den Unterkünften oder bei Gastfamilien führen kann.»

Kastrierte Katzen verunfallen und verletzen sich weniger

Die Kastration eines Katers kostet rund 100 Franken, bei weiblichen Katzen ist der Eingriff ungefähr doppelt so teuer. Weil viele Katzenhalterinnen und -halter aus der Ukraine sich das nicht leisten könnten, sorgt NetAP dafür, dass die ukrainischen Flüchtlingskatzen ohne Kostenfolge für die Halterinnen und Halter kastriert werden können.

Auf der Homepage der Organisation findet sich eine Liste mit Tierärztinnen und -ärzten, die solche Kastrationen ermöglichen. Ein Teil der Kosten wird der Tierarztpraxis durch NetAP rückerstattet. Mit einem Flugblatt auf Ukrainisch macht NetAP die ukrainischen Geflüchteten auf das Angebot und die Dringlichkeit der Kastration aufmerksam.

Kastrationspflicht 2019 abgelehnt

Die Kastration hat laut Geisser nur Vorteile für die Tiere: «Kastrierte Katzen haben kleinere Reviere und seltener Revierstreitigkeiten. Sie stecken sich seltener mit Viruskrankheiten an und das Unfallrisiko sinkt. Auch hormonelle Krankheiten wie Gesäugetumore, Zysten oder Gebärmuttererkrankungen gibt es viel seltener.» Ausserdem markieren kastrierte Katzen weniger und ihr Urin rieche weniger stark, was insbesondere in Wohnungen wichtig sei.

Beide Frauen hoffen, dass viele ukrainische Geflüchtete vom Angebot profitieren werden. Um das Problem nachhaltig zu lösen, hilft laut Geisser aber nur die von NetAP und vielen weiteren Organisationen geforderte Kastrationspflicht: «Es ist tragisch, dass die Schweiz im Gegensatz zu vielen anderen Ländern keine solche Pflicht kennt.» Das Parlament hatte die von NetAP lancierte Petition mit über 115'000 Unterschriften und die entsprechende Motion 2019 abgelehnt.

Politische Vorstösse für die Kastrationspflicht

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