Bitte an Behörden: Flüchtlingskinder wollen in Schweizer Familien leben

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Bitte an BehördenFlüchtlingskinder wollen in Schweizer Familien leben

Weil es keinen Platz für sie hat, leben viele Flüchtlingskinder zusammen mit Erwachsenen in Asylheimen. Doch sie möchten lieber zu einer Schweizer Familie.

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Minderjährige Flüchtlinge kommen oft ohne Eltern in die Schweiz. Sie möchten am liebsten in Schweizer Familien leben.

Minderjährige Flüchtlinge kommen oft ohne Eltern in die Schweiz. Sie möchten am liebsten in Schweizer Familien leben.

Sie flüchten ohne Eltern in die Schweiz und leben gemeinsam mit erwachsenen Aylsuchenden in einem Heim. Doch sie wünschen sich ein normales Zuhause – bei einer Schweizer Familie. Mit dieser Bitte haben sich Flüchtlingskinder ans Staatssekretariat für Migration (SEM) gewandt, wie die «Sonntagszeitung» schreibt.

Das Problem wird stetig grösser. Seit Jahren kommen immer mehr jugendliche Asylsuchende in die Schweiz. Doch in vielen Kantonen fehlen separate Unterkünfte für elternlose Minderjährige. Die Behörden wollen den Vorschlag der Flüchtlingskinder deshalb prüfen, sagt Margrith Hanselmann, Generalsekretärin der Sozialdirektorenkonferenz zur Zeitung.

Zahl an Minderjährigen nimmt jährlich zu

Nach dem Treffen mit den minderjährigen Flüchtlingen am Freitag letzter Woche hat SEM-Vizedirektor Pius Betschart Kontakt mit der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SHF) aufgenommen. Diese ist für die Platzierung von erwachsenen Asylbewerbern bei Familien zuständig. Betschart wolle wissen, ob das Projekt auch auch Jugendliche ausgeweitet werden könnte. Das SHF sei offen dafür, lautete die Antwort. Ein Dutzend Familien seien bereit, Kinder und Jugendliche bei ihnen aufzunehmen.

Die Platzierungen könnten rasch vorgenommen werden – das käme auch den Kantonen entgegen, denn ihr Problem wird sich verschärfen: Im Sommer steigt die Zahl der Flüchtlinge, die übers Meer nach Europa gelangen. Mit ihnen nimmt auch die Zahl an Minderjährigen zu. Ihre Gesuche steigen seit fünf Jahren: 2010 waren es noch 212, im letzten Jahr bereits 795. Die Flüchtlingskinder stammen mehrheitlich aus Eritrea, Afghanistan, Somalia und Syrien.

Sklavenarbeit und sexueller Missbrauch

Hinter diesen Zahlen und Fakten versteckt sich immer auch ein Schicksal. Viele Jugendliche haben ihre Eltern seit Jahren nicht mehr gesehen. Sie wissen nicht, ob Vater und Mutter überhaupt noch leben. Nicht nur Kriegserlebnisse belasten die Jungen, manche mussten auch Sklavenarbeit verrichten, um sich die Überfahrt nach Europa zu finanzieren. Andere wurden sexuell missbraucht.

Genannt werden diese Kinder offiziell «unbegleitete minderjährige Asylsuchende» (UMA). Ihnen soll – einmal in der Schweiz – ein sicheres und kindgerechtes Aufwachsen ermöglicht werden. Dazu ist die Schweiz laut der UNO-Kinderrechtskonventionen verpflichtet. Doch vor allem kleinere Kantone haben Mühe, geeignete Unterkünfte bereitzustellen: «Grössere Kantone führen Zentren für Minderjährige. Im Aargau beispielsweise leben 15-Jährige mit Erwachsenen zusammen. Das widerspricht den Kinderschutzbestimmungen», sagt SFH-Sprecher Stefan Frey.

«Komplett ihrem Schicksal überlassen»

Der Geschäftsführer des Jugenddachverbands SAJV, Andreas Tschöpe, findet es «beschämend, dass einzelne Kantone ihre Verantwortung für die elternlosen Kinder nicht wahrnehmen.» Sein Verband hatte das Treffen der jugendlichen Asylbewerber mit dem SEM und den Kantonen eingefädelt. Er sieht in der Unterbringung bei Familien die Chance für die Behören, endlich ihrer «Pflicht zum Schutz der Kinder» nachzukommen.

Auch bürgerliche Politiker üben Kritik am bisherigen Vorgehen. FDP-Nationalrat Jacques Bourgeois hat einen Vorstoss eingereicht. Seiner Meinung nach werden junge Asylbewerber in einigen Kantonen «komplett ihrem Schicksal überlassen.» Zusammen mit Freisinnigen aus der Romandie und dem Tessin pocht er auf die Einhaltung der Kinderrechte. Und er verlangt, dass das SEM seinen Asylentscheid erst nach Abschluss einer Ausbildung der Kinder fällt.

Herr Frey*, womit muss eine Familie rechnen, wenn sie ein Flüchtlingskind bei sich aufnimmt?

Stefan Frey: Viele dieser Kinder sind traumatisiert, haben Schreckliches gesehen und mitgemacht. Nimmt eine Familie ein Flüchtlingskind bei sich auf, muss sie für diese ausserordentlichen Umstände eine gewisse Sensibilität aufbringen und offen für eine professionelle Begleitung sein. Ideal wären bereits gemachte Erfahrungen.

Das Projekt, Flüchtlingskinder bei Schweizer Familien unterzubringen, ist ja aber neu. Wie sollen die Eltern denn bereits Erfahrung auf diesem Gebiet gesammelt haben?

Es gibt viele Familien in unserem Land, die bereits Erfahrungen mit Pflegekindern gemacht haben. Ein traumatisiertes Kind aus einem Land wie Afghanistan oder Syrien kann zwar kaum mit einem Kind aus einer schwierigen Familiensituation in der Schweiz verglichen werden, aber es gibt doch gewisse Parallelen. Zum Beispiel beim Zuzug von Fachleuten aus dem Vormundschaftswesen (heute KESB) oder aus Psychologie und Psychiatrie. Auch diese Kinder haben oft traumatische Erlebnisse gemacht und brauchen eine besondere Betreuung. Erfahrene Pflegefamilien eignen sich daher sicher am besten für die Aufnahme von Flüchtlingskindern.

Welche anderen Voraussetzungen sollte eine Familie mitbringen, damit sie ein Flüchtlingskind bei sich aufnehmen kann?

Wenn bereits Kinder in einem ähnlichen Alter im Haushalt leben, ist das ein Vorteil. Der Flüchtling – Kind oder Jugendlicher – hat ein Gspändli, das schnell zu einer Art Verbündeter werden kann. In St. Gallen und auch in der Waadt nahmen Familien einen jungen Afghanen beziehungsweise Eritreer bei sich auf. Die Flüchtlingskinder freundeten sich rasch mit den Kindern der Familie an und haben sich sehr gut eingelebt.

Eine allein stehende Frau hat also keine Chance, einem solchen Jugendlichen ein Zuhause zu geben?

Das würde ich so nicht sagen. Jeder Fall muss sicher einzeln überprüft werden, Kind und Familie müssen zusammen passen. Wenn es sich bei der allein stehenden Frau um eine Person handelt, die bereits viel Erfahrung mit Kindern oder Pflegekindern hat, eventuell beruflich in diesem Bereich tätig gewesen ist und über die geeigneten Räumlichkeiten verfügt, kann es durchaus sein, dass sie sich als Pflegemutter eignet.

Kann es denn nicht vorkommen, dass Eltern überfordert sind mit einem Kind, das jede Nacht schweissgebadet, von Albträumen verfolgt erwacht?

Die Aufnahme eines Flüchtlingskindes stellt sicher eine Herausforderung dar. Aber diese Familien stehen ja nicht allein da. Es ist vorgesehen, dass sie eng von professionell ausgebildeten Personen begleitet werden, die sie vorbereiten und ihnen beistehen. Auch wenn im Einzelfall die private Unterbringung eine gute Sache sein kann, so sind es die Kantone, die grundsätzlich für eine Kinder- und Jugendgerechte Unterbringung von unbegleiteten Minderjährigen verantwortlich sind.

*Stefan Frey ist Sprecher der Schweizerischen Flüchtlingshilfe

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