Knappes Personal: Flüge annulliert – sind jetzt unsere Sommerferien gefährdet?
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Knappes PersonalFlüge annulliert – sind jetzt unsere Sommerferien gefährdet?

Swiss hat Flüge abgesagt, weil sich das Personal aus Protest krank meldete. Experten schlagen nun Alarm: Weitere Flüge könnten ausfallen – und die Sicherheit der Passagiere sei gefährdet.

von
Marcel Urech
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Das Kabinenpersonal bei Swiss wehrt sich gegen die aus seiner Sicht miesen Arbeitsbedingungen.

Das Kabinenpersonal bei Swiss wehrt sich gegen die aus seiner Sicht miesen Arbeitsbedingungen.

20min/Celia Nogler
Es meldete sich für zwei Flüge von São Paulo nach Buenos Aires krank – wohl aus Protest.

Es meldete sich für zwei Flüge von São Paulo nach Buenos Aires krank – wohl aus Protest.

20min/Celia Nogler
Die Flüge fielen darum aus und Hunderte Menschen mussten ihren Flug umbuchen.

Die Flüge fielen darum aus und Hunderte Menschen mussten ihren Flug umbuchen.

AFP

Darum gehts

Ab ans Meer, um die Sonne und den Strand zu geniessen – so verbringen viele Schweizerinnen und Schweizer ihre Sommerferien. Doch nun ist mitten in die Vorfreude eine Protestaktion geplatzt, die aufhorchen lässt: Die Swiss musste Flüge von São Paulo nach Buenos Aires absagen, weil sich die Kabinencrew krank meldete.

Branchen-Profis werten die Aktion im Gespräch mit 20 Minuten als Warnschuss an das Management: Das Swiss-Personal mache so auf die aus seiner Sicht miesen Arbeitsbedingungen aufmerksam. Denn diese seien so schlecht, dass nun weitere Flugabsagen drohten – und sogar die Sicherheit der Fluggäste sei gefährdet.

«Weitere Flüge werden ausfallen»

In den Sommerferien trifft die knappe Personaldecke auf eine erhöhte Nachfrage nach Flügen. «Ich rechne damit, dass sich das Problem noch verschärfen wird und im Sommer weitere Flüge ausfallen», sagt Hansjörg Bürgi, der Chefredaktor von Skynews.ch. Die Swiss sei aber nicht alleine: Die ganze Branche suche händeringend nach Personal und müsse sich nun auf vermehrte Flugausfälle einstellen.

Ein Aviatik-Experte, der anonym bleiben will, rechnet ebenfalls mit Flugausfällen. Die Ausgangslage für den Sommer sei heikel, und das Potenzial für weitere Annullationen sei definitiv vorhanden.  Die Kabinenpersonal-Gewerkschaft Kapers wollte keine Prognose zu eventuellen Flugausfällen im Sommer machen.

Swiss reagiert

Im Sommer 2021 kündigte Swiss den Abbau von 550 Stellen an. Bereits Ende Jahr wurde aber klar, dass der Airline so das Personal ausgeht. Dieses Jahr werde man neues Kabinenpersonal im dreistelligen Bereich einstellen, sagt die Airline nun auf Nachfrage – viele kehren auch wieder zurück zur Swiss.

Auf Anfrage heisst es, dass der Flugplan für die Ferien nicht gefährdet sei. In San Francisco und Los Angeles kriege das Personal seit Anfang Monat zudem wieder zwei Nächte Aufenthalt statt bloss eine, und die Überstundenpauschale sowie die Spesenentschädigung für Frühabflüge und Spätankünfte seien zurück.

Kabinenpersonal weint vor Erschöpfung

David Martinez, Vizepräsident der Kabinenpersonal-Gewerkschaft Kapers, kennt die Sorgen des Personals: «Es gibt Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter, die nach Flügen weinend zu uns kommen, weil sie total erschöpft sind und nicht mehr können.» Anfällig für Absagen (siehe Box) seien Flüge nach oder über São Paulo, Buenos Aires, Bangkok, Singapur, Los Angeles und San Francisco – vor allem wegen der kurzen Erholungszeit.

Flug abgesagt – was kann ich tun?

Die Situation sei so kritisch, dass Swiss geplante Ferien des Kabinenpersonals im Mai nicht bewilligt habe. Die Airline habe den Angestellten stattdessen vorgeschlagen, diese im November zu beziehen. Dieses Vorgehen habe einen negativen Effekt auf die Erholung und das Sozialleben der Mitarbeitenden. Die Swiss relativiert auf Anfrage: Man habe 84 Prozent aller Ferieneingaben des Kabinenpersonals für Mai bewilligt.

Flugsicherheit ist gefährdet

Laut der Aviatik-Expertin Marion Venus ist auch die Sicherheit gefährdet: Wenn Arbeitstage regelmässig bis zu 14 Stunden lang sind und die Schichten sich ständig ändern, kann es zu einer chronischen Erschöpfung oder zum Sekundenschlaf kommen. Das könne fatal enden: «Wenn ein Triebwerk ausfällt und man es zu spät merkt, kann ein Flugzeug sehr schnell abstürzen». Auch bei Rauch an Bord zähle jede Sekunde.

«Ich empfehle dem Management, drei Monate lang den Job des Kabinenpersonals zu machen», sagt Venus. «Dann würde es schnell merken, dass die Arbeitsbedingungen nicht mehr tragbar sind.»

Image der Reisebranche leidet

«Wenn diese Krankmeldungen tatsächlich eine Art Arbeitskampfdruckmittel waren, besteht offensichtlich grosse Unzufriedenheit beim Kabinenpersonal», sagt Marcus Roller auf Anfrage. Viele Probleme seien aber wohl temporärer Natur, so der Co-Leiter der Forschungsstelle Tourismus an der Universität Bern. Denn die Airline stecke gerade mitten in der schwierigen Umstellung vom Corona- zum Fast-Normalbetrieb.

Roller sagt, dass die Streiks des Flug- oder Bodenpersonals die Nachfrage nach Flügen unter Umständen langfristig negativ beeinflussen könnten. Das Image der Reisebranche als Arbeitgeber habe generell gelitten und viele ehemalige Mitarbeitenden hätten mittlerweile Arbeit in anderen Branchen gefunden.

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