Jobstress: Fördern flexible Arbeitszeiten Burn-outs?
Aktualisiert

JobstressFördern flexible Arbeitszeiten Burn-outs?

Die neuste Arbeitskräfteerhebung des Bundes zeigt: Flexible Arbeitsmodelle sind auf dem Vormarsch. Die Gewerkschaften zeigen sich beunruhigt.

von
Kaspar Wolfensberger
Die Arbeitszeiten werden immer flexibler.

Die Arbeitszeiten werden immer flexibler.

Die Schweizer Arbeitswelt wird immer flexibler. Im vergangenen Jahr hatten 44,6 Prozent der Arbeitnehmer keine fixen Arbeitszeiten. Das ist im Vergleich zu 2013 eine Zunahme, waren es doch mit 41,7 Prozent damals noch etwas weniger. Es fällt ausserdem auf: Männer haben öfter flexible Arbeitszeiten als Frauen (51,1 Prozent gegenüber 37,6 Prozent), wie die aktuelle Arbeitskräfteerhebung des Bundesamts für Statistik zeigt.

Dies bedeutet, dass für immer mehr Angestellte in der Schweiz die Arbeitszeiten als Wochen-, Monats- und Jahresarbeitszeiten oder sogar komplett ohne feste Vorgaben definiert sind. Somit verwischt die Grenze zwischen Arbeits- und Freizeit immer mehr. Eine klare Trennung ist in immer weniger Berufen der Standard.

Bevormundung bringt nichts

Der Unternehmer und FDP-Nationalrat Ruedi Noser begrüsst den Wandel. Dieser bringe vor allem für die Mitarbeiter Vorteile. Forderungen des Bundesrates, die Arbeitszeit wieder strenger zu erfassen, hält Noser für kontraproduktiv. «Als Unternehmer sehe ich, dass es nichts bringt, die Mitarbeiter zu bevormunden», so der Politiker.

Noser erklärt weiter: «Will ein Mitarbeiter am Mittwoch Ski fahren gehen und dafür am Samstag arbeiten kommen, so macht das für mich grundsätzlich keinen Unterschied.» Wenn es das Projekt erfordert, dann müsse der Mitarbeiter natürlich da sein, die Arbeit müsse erledigt werden. Aber ihm als Chef sei es egal, wann genau die Mitarbeiter ihren Verpflichtungen nachkämen.

Gewerkschaften warnen vor Burn-out

Anderer Meinung sind die Gewerkschaften. Duri Beer vom Verband des Personals der Öffentlichen Dienste (VPOD) beispielsweise zeigt sich ob des Flexibilisierungstrends besorgt. «Wenn die Arbeitszeit nicht mehr klar erfasst wird und der Job mit der Freizeit verwischt wird, dann führt das häufig zu mehr Stress.» Dies wiederum führe zu einer Häufung der Burn-out-Fälle sowie allgemein zu einem Anstieg der gesundheitlichen Probleme bei den Angestellten.

Am meisten Probleme gebe es, wenn die Leute auf Abruf arbeiten müssen. «Dann wird es ganz schwierig, eine vernünftige Work-Life-Balance zu finden», so der Gewerkschafter. Er plädiere daher für eine strikte Erfassung der Arbeitszeit. Nur in wenigen Ausnahmen könne auf eine solche verzichtet werden. Wie Beer ausserdem am Beispiel der Stadt Zürich erklärt, sind vom aktuellen Flexibilisierungstrend auch die Staatsangestellten betroffen. Erst kürzlich habe dort der Stadtrat eine Anpassung der Arbeitszeitmodelle erwirkt.

Bessere Rahmenbedingungen

Die Gewerkschaft Unia wiederum fordert, dass flexible Arbeitszeitformen immer mit den Beschäftigten ausgehandelt werden und auf Freiwilligkeit beruhen sollten. Dazu brauche es Gesamtarbeitsverträge, insbesondere auch in den Branchen, wo atypische Arbeit häufig vorkommt, wie zum Beispiel im Detailhandel. Für Arbeitnehmer mit Kindern fordert die Unia ausserdem bessere Rahmenbedingungen wie bessere Kinderbetreuung.

Mehr Teilzeitarbeit

Der Anteil der Teilzeiterwerbstätigen ist von 31,7 Prozent im Jahr 2004 auf 36,0 Prozent im Jahr 2014 gestiegen. Bei den Männern, von denen lediglich 15,9 Prozent eine Teilzeitstelle innehaben, hat die Bildungsstufe nur wenig Einfluss auf den Beschäftigungsgrad. Die Frauen arbeiten mehrheitlich Teilzeit (59,2 Prozent). Der Teilzeitanteil ist bei Frauen mit einem Abschluss auf Sekundarstufe II (Maturität, Lehre) oder Tertiärstufe (62,9 Prozent bzw. 57,3 Prozent) höher als bei Frauen mit einem Abschluss auf Sekundarstufe I (50,7 Prozent).

Quelle: Bundesamt für Statistik

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