«Folterhexe» von Abu Ghraib: «Rumsfeld wusste alles»
Aktualisiert

«Folterhexe» von Abu Ghraib: «Rumsfeld wusste alles»

Sie war die «Folterhexe» von Abu Ghraib: Erstmals seit ihrer Haftentlassung hat sich Lynndie England zu den Vorgängen im irakischen Gefängnis geäussert. Ihre Vorgesetzten bis hinauf zum Verteidigungsminister seien informiert gewesen.

In den fünf Jahren seit Beginn des Irak-Kriegs hat nichts das Image der USA als «Befreier» mehr ruiniert als die Folter-Fotos aus dem Gefängnis Abu Ghraib in Bagdad. Zu trauriger Berühmtheit brachte es vor allem die Soldatin Lynndie England. Bilder, auf denen sie einen Gefangenen an der Leine hält oder grinsend und mit Zigarette im Mund auf die Genitalien von nackten Häftlingen zeigt, verschafften ihr den Übernamen «Folterhexe».

Im September 2005 wurde Lynndie England zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Ihr Freund Charles Graner, der Anführer der Folterer, erhielt zehn Jahre Haft. Im März 2007 wurde England vorzeitig entlassen. Nun hat die heute 25-jährige Ex-Soldatin sich in einem Interview mit dem deutschen Magazin «Stern» erstmals ausführlich zu den Praktiken im Folter-Knast geäussert.

Vorgesetzte waren informiert

Ihre Vorgesetzten, die straffrei davonkamen, waren über die Vorgänge informiert, behauptet England – und zwar inklusive Verteidigungsminister Donald Rumsfeld: «Wir wussten doch, dass unsere Vorgesetzten davon wussten, auch unsere Sergeants. Wir dachten, wenn unsere Vorgesetzten davon wissen, wissen es auch die ganz oben. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass auch Rumsfeld alles wusste. Er war in Abu Ghraib während meiner Zeit. Wie soll er nicht davon gewusst haben? Und Bush? Der steht an der Spitze.»

Ihre Einheit habe nach ihrer Ankunft im Frühherbst 2003 lediglich fortgesetzt, was in Abu Ghraib anscheinend zuvor schon üblich war: «Als wir eintrafen im September waren die Gefangenen schon nackt, sie trugen schon Frauen-Unterwäsche, sie waren schon in Stress-Positionen gebracht worden. Das lief schon eine ganze Weile so, lange vor uns. Wir übernahmen diese Praktiken von unseren Vorgängern», erklärte England im «Stern».

Der Missbrauch sei vom Militär und den Geheimdienstlern sogar ausdrücklich abgesegnet worden. «Soften them up» (kocht sie weich), sollen die Männer England zufolge gesagt haben. «Sie gaben genaue Instruktionen über Schlafentzug, Essen oder auch darüber, dass der Gefangene nackt in der Zelle auf dem Boden schlafen solle.»

«Vielleicht Tausende getötet»

Reue zeigt England im «Stern»-Interview kaum. Sie habe sich die ganze Zeit «nicht richtig schuldig gefühlt, weil ich Befehlen folgte». Der schockierenden Wirkung der Fotos war sie sich allerdings bewusst: «Ich dachte, hoffentlich kommen die Fotos nie raus! Die Menschen werden einen anderen Blick auf den Krieg und Amerika kriegen. Und so ist es dann auch passiert.» Immerhin gibt England zu, sie habe «vielleicht tausende Menschen getötet, aber nicht direkt». Es sei das Resultat der Fotos gewesen: «Nachdem das publik wurde, griffen Iraker die Amerikaner und Briten an, und die schlugen zurück, und irgendwann töteten sie sich gegenseitig.»

Vieles, vor allem das Posieren, habe sie aus Liebe zu Charles Graner getan: «Ich hatte schon damals ein ungutes Gefühl. Aber ich folgte Graner. Ich tat alles, was er wollte. Ich wollte ihn nicht verlieren.» Von ihm hat Lynndie England den heute drei Jahre alten Sohn Carter Allan, mit dem sie bei ihren Eltern in West Virginia lebt. Sie ist arbeitslos und noch heute eine Gefangene der Fotos: «Ich kann nirgendwo hingehen, weil mich alle erkennen. Ich habe meine Haare gefärbt, aber trotzdem hat mich jeder erkannt. Mich erkennen sie sogar, wenn ich Hut und Sonnenbrille trage.»

(pbl)

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