Aktualisiert 24.03.2020 05:47

Kalender-Geschichte

In der Formel 1 wird es jetzt existenzbedrohend

Die Königsklasse des Motorsports will ab Sommer eventuell zwei Rennen an einem Wochenende fahren. Die Teams fürchten sonst um ihre Einkünfte.

von
René Hauri
In Monaco wird in dieser Saison sicher kein Rennen stattfinden.

In Monaco wird in dieser Saison sicher kein Rennen stattfinden.

Die Formel 1 tut gerade das, was sie neben dem Rennsport am besten kann: diskutieren. Es gibt derzeit auch einigen Bedarf.

Die ersten vier Grands Prix der Saison sind längst verschoben. Mittlerweile ist auch klar: In Monaco findet erstmals seit 1954 kein Rennen statt, Zandvoort und Barcelona werden nicht am geplanten Wochenende durchgeführt, die Premiere in den Niederlanden steht gar ganz auf der Kippe. Und am Montag wurde auch das Rennen in Baku auf unbestimmte Zeit verschoben, weshalb zurzeit Montreal, die eigentlich neunte Station im Kalender, am 14. Juni als Auftakt dasteht.

In einer Telefonkonferenz tauschten sich Vertreter der Formel-1-Besitzerin Liberty Media, des Welt-Automobilverbandes FIA und der zehn Teams Ende letzter Woche aus, wie es weitergehen könnte. Es soll hitzig zu- und hergegangen sein.

Wie die «Daily Mail» schreibt, habe sich Ferrari-Teamchef Mattia Binotto lautstark dagegen gewehrt, die angedachte grosse Reglementsänderung mit neuen Autos von 2021 auf 2022 zu verschieben – er kam mit seinem Ansinnen aber nicht durch. Der grosse Schnitt folgt definitiv erst 2022. Denkbar ist deshalb auch, dass 2021 mit den gleichen Rennwagen gefahren wird wie in dieser Saison – falls heuer überhaupt Rennen stattfinden. Nun bekundete aber gerade Ferrari an den Testtagen in Montmeló nahe Barcelona reichlich Mühe mit seinem SF1000, entsprechend gering ist die Lust, mit diesem auch im nächsten Jahr die Runden zu drehen.

Erst einmal aber treibt die Szene um, ob 2020 überhaupt noch gefahren werden kann. Die Sommerpause wurde in eine Frühlingspause umgewandelt, die Rennställe müssen bis Ende April einen dreiwöchigen Unterbruch einlegen. Ab Montreal Mitte Juni, so der heutige Plan, soll Rennen um Rennen gefahren und sollen möglichst viele der Grands Prix nachgeholt werden.

Zwei Rennen an einem Wochenende?

Denkbar ist offenbar gar, dass zwei Rennen an einem Wochenende ausgetragen werden. Helmut Marko, Motorsportchef bei Red Bull, sagte gegenüber ORF: «Es wurde diskutiert, ob wir nur Zweitagesveranstaltungen machen und das Freitagstraining auslassen. Es ist auch die Rede davon, dass auf gewissen Strecken zwei Rennen durchgeführt werden. Der Plan schaut so aus, dass die abgesagten Grands Prix in einem intensiven Programm über den Sommer und bis in den Dezember hinein nachgeholt werden, sodass wir auf einen Kalender von rund 18 Rennen kommen.» Das klingt nach reichlich Gewürge. Doch die Teams dürften sich trotz der enormen Belastung, die auf sie zukommen würde, kaum dagegen wehren.

Schliesslich sind sie finanziell stark daran interessiert, dass möglichst oft gefahren wird. Zum einen, weil Teamsponsoren bei weniger Betrieb wohl auch weniger zahlen würden und solche, die nur für ein Rennwochenende an den Wagen werben wollten, gar nicht erst berücksichtigt werden könnten.

Zum anderen, und das vor allem: Bei ausbleibenden Rennen brechen die Einnahmen durch die Veranstalter weg, die eine Antrittsgebühr entrichten. Der Grand Prix von Monaco, und daher dürfte der Entscheid auch leichter gefallen sein, das Rennen abzusagen, ist davon ausgenommen. Andere Betreiber wie in Aserbeidschan sollen 40 Millionen Dollar pro Jahr zahlen. Manche reden von 60. Im Durchschnitt sind es wohl rund 30 Millionen Dollar, die die Organisatoren der Formel 1 entrichten. Zudem dürften auch die Fernsehanstalten weniger für die Übertragungsrechte bezahlen, je weniger gefahren wird. Und auch etwaige Einnahmen aus VIP-Zonen fielen weg.

In den vergangenen Jahren war die Formel 1 dank all der Geldquellen stets imstande, rund eine Milliarde Dollar an die Teams auszuschütten. Die Rennställe wurden dabei unterschiedlich berücksichtigt. Ferrari profitierte dank Sonderabkommen am meisten davon und erhielt jeweils rund 200 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Kleinere Teams wie Alfa Romeo kamen auf rund einen Viertel davon.

Und doch würden ausfallende Einnahmen aus diesem Topf gerade sie besonders hart treffen. Bei 50 bis 70 Millionen Dollar, welche die kleineren bis mittleren Rennställe wie Alfa Romeo, Alpha Tauri, Racing Point, Haas oder Williams bislang von der Formel 1 erhielten, macht dieser Betrag schnell einen Drittel des Gesamtbudgets aus. Die derzeitige Situation ist daher nicht nur ärgerlich und unangenehm, sie kann für manche Teams schnell existenzbedrohend werden.

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