Pole-Position: Formel 1: Massas Karriere auf Messers Schneide
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Pole-PositionFormel 1: Massas Karriere auf Messers Schneide

Kimi Räikkönen und Felipe Massa haben ihre ersten Gehversuche in der Formel 1 im Team von Peter Sauber gemacht. Seit 2007 fahren sie gemeinsam für Ferrari. Formel-1-Experte Peter Haab weiss: Massa steht nach zwei Nullern zum Saisonauftakt am Sonntag beim GP von Bahrain massiv unter Druck.

Schon bei Sauber hat sich abgezeichnet, dass Kimi Räikkönen über aussergewöhnliches Talent verfügt: Mit der Erfahrung von lediglich 24 Autorennen in der Formel Renault liess sich der coole Finne 2001 bei seinem Formel-1-Debüt weder von der üppigen Motorleistung noch von der schieren Bremskraft des Boliden beeindrucken. Kimi präsentierte sich beim Hinwiler Team von Beginn weg als absoluter Musterschüler. Seine ruhige, stets analytische Arbeitsweise kam bei den Sauber-Ingenieuren gut an. Räikkönen lieferte den Technikern schon in seiner Anfangszeit erstaunlich detaillierte Informationen.

Anders Felipe Massa. Der junge Brasilianer hatte in der Saison 2002 Mühe, sein südamerikanisches Temperament zu zügeln. Er verfügte zwar einerseits über eine verblüffende Grundschnelligkeit, zeigte aber auch Schwächen in Sachen methodischer Arbeitsweise. Er ignorierte öfter mal die Vorgaben seines Renningenieurs, was mit der Zeit für erhebliche Spannungen zwischen dem Fahrer und seinem Technik-Team sorgte. Massa flog mit schlecht abgestimmtem Auto auch öfters mal ab. Das bedeutete Überstunden für die Mechaniker-Crew und war der ohnehin angespannten Stimmung im Team wenig förderlich. Massa hatte schon nach einem Saisondrittel den Ruf des unverbesserlichen Heiss-Sporns.

Massa nach Sauber nur Testfahrer

Ganz unterschiedlich verlief für die beiden auch der Abschied von Sauber: Kimi Räikkönen wurde von McLaren-Mercedes für 30 Millionen Franken abgeworben. Obwohl das englisch-deutsche Team eine Option auf Räikkönens damaligen Teamkollegen Nick Heidfeld gehabt hätte. Felipe Massa landete für die Saison 2003 in Maranello, wo er als Ferrari-Testfahrer unter den Fittichen von Michael Schumacher erstaunlich schnell dazulernte. Technisch gereift und als Persönlichkeit gefestigt kehrte der Brasilianer 2004 als geläuterter Stammpilot zu Sauber zurück.

Räikkönen kam Anfang 2007 von McLaren-Mercedes als Schumacher-Ersatz zu Ferrari. Massa hatte bereits ein Jahr zuvor als Ersatz für Rubens Barrichello in Maranello angeheuert. Dieser Wissensvorsprung seines Teamkollegen hinderte Kimi aber nicht daran, Massa bei Ferrari im Handumdrehen zu überflügeln: Schon in seinem ersten Dienstjahr für die Roten reichte es zum WM-Titel. Und nach zwei Grand Prix in der Saison 2008 ist die Hierarchie wieder klar: der 27-jährige Finne ist unbestrittener Teamleader. Massa die klare Nummer 2. Auch wenn es bei Ferrari im offiziellen Wortlaut keine Nummer 1 und Nummer 2, sondern zwei gleichberechtigte Piloten gibt.

Räikkönen unbestrittener Teamleader

Fakt ist: Räikkönen bestimmt, welche Dinge am Auto geändert werden. Die Ferrari-Crew richtet die gesamte technische Weiterentwicklung auf die Vorlieben des Finnen aus. Neue Leistungs-Teile werden immer zuerst in Räikkönens Auto eingebaut. Das ist nachvollziehbar. Denn nach zwei Rennen hat der amtierende Weltmeister elf WM-Punkte und liegt punktgleich mit Nick Heidfeld nur drei Zähler hinter WM-Leader Lewis Hamilton. Massa seinerseits ist bei den ersten beiden Rennen ausgeschieden. Nach diesen zwei Nullern steht der 26-jährige Brasilianer endgültig im Ruf, in entscheidenden Situationen regelmässig zu versagen. Zu Massas Entlastung ist zu erwähnen, dass er in Melbourne letztlich vom Ferrari-Motor im Stich gelassen wurde. Aber der dumme Fahrfehler in der ersten Kurve nach dem Start (Frontflügel beschädigt) und die Kollision mit David Coulthard (hauptsächlich Massas Fehler) haben nicht geholfen, die ständig wiederkehrenden Vorwürfe zu entkräften. Aus Sicht vieler Formel-1-Insider ist Massa auf Grund seiner hohen Fehlerquote selbst mit dem besten Auto im Feld kein Anwärter auf den WM-Titel.

Litt der Brasilianer beim Auftakt in Melbourne noch an mangelnder Zuverlässigkeit seines Ferraris, warf er beim GP von Malaysia in Sepang durch eigenes Verschulden wichtige Punkte weg. Nach Angaben seines Teams war der Dreher im Rennen auf einen Fahrfehler und nicht auf einen technischen Defekt zurückzuführen. Auch als TV-Beobachter gewann man den Eindruck, dass sich Massa an sicherer zweiter Stelle liegend einen simplen Fahrfehler leistete. Es schien, dass er in dieser Kurve etwas zu früh, und vor allem zu schnell zu viel Gas gegeben hat. Noch letzte Saison wäre da gar nichts passiert. Die Traktionskontrolle hätte den Fehler des Piloten umgehend mit der Reduktion der Antriebskraft auf die Hinterräder korrigiert. Doch in dieser Saison ist die Traktionskontrolle verboten. Deshalb hat Massa nach seinem Fehler die Kontrolle über den Ferrari verloren.

Massas Schonfrist abgelaufen

Es gibt kein Wenn und Aber: Die Ferrari waren in Malaysia derart überlegen, dass ein Doppelsieg Pflicht gewesen wäre. So sieht es auch die Teamleitung der Italiener. Massa hat einmal mehr gepatzt. Genau diese leichtsinnig verschenkten Punkte könnten Ferrari beim Kampf um den WM-Titel bei den Konstrukteuren am Saisonende fehlen.

Jetzt ist Massas Schonfrist abgelaufen. Vor dem GP von Bahrain am nächsten Sonntag in Manama steht der Ferrari-Pilot gewaltig unter Druck. Schon im dritten Saisonrennen kämpft er um den Fortbestand seiner Formel-1-Karriere. Denn wenn der sympathische Bursche ausSao Paulo die Negativspirale auch in Bahrain nicht stoppen kann, wird's kritisch. Ferrari wird sich in diesem Fall mit sämtlichen Ressourcen auf Räikkönens Titelhoffnungen konzentrieren und Massa am Saisonende mit grosser Sicherheit verabschieden. Dies, obwohl sein Ferrari-Vertrag bis 2010 läuft. Die Formel 1 ist ein schnelllebiges Geschäft. Da gibt es keinen Platz für Sentimentalitäten. Wenn ein Rennstall einmal das Vertrauen in einen Piloten verloren hat, ist der Vertrag ein nutzloses Stück Papier.

Peter Haab, 20minuten.ch

Der Kolumnist

Peter Haab ist Sportjournalist und befasst sich seit 30 Jahren mit der Formel 1 und dem Motorsport im Allgemeinen. Für 20minuten.ch gibt er jeweils am Donnerstag sein Insiderwissen preis und kommentiert oder erklärt die aktuellen Vorkommnisse der F1-Szene.

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