Lausanne - Forschende entdecken Antikörper, der gegen alle Sars-CoV-2-Varianten wirkt
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LausanneForschende entdecken Antikörper, der gegen alle Sars-CoV-2-Varianten wirkt

Westschweizer Forschende haben einen Antikörper gegen das Sars-CoV-2-Spike-Protein entdeckt. Dieser soll gegenüber anderen Antikörpern einen entscheidenden Vorteil haben.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Schwere Covid-19-Verläufe gilt es zu verhindern.  

Schwere Covid-19-Verläufe gilt es zu verhindern.

Fabian Strauch/dpa
Möglich machen das zum Beispiel Antikörper. 

Möglich machen das zum Beispiel Antikörper.

Unsplash
Solche hat etwa Roche gemeinsam mit dem US-Biotech-Unternehmen Regeneron geschaffen. 

Solche hat etwa Roche gemeinsam mit dem US-Biotech-Unternehmen Regeneron geschaffen.

AFP

Darum gehts

  • Lausanner Forschende haben einen Antikörper entdeckt, der besser gegen Covid-19 wirken soll als alle bisherigen.

  • Er kann auch die derzeit vorherrschende und hochansteckende Delta-Variante neutralisieren.

  • Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können sich mehrere Anwendungen vorstellen.

Impfungen, Medikamente, Antikörpertherapien: Die Palette an Möglichkeiten gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 wird immer grösser. Forschende des Unispitals Lausanne (CHUV) und der ETH Lausanne (EPFL) haben einen neuen Antikörper entdeckt, der alle bekannten Varianten des Virus neutralisiert – auch die aktuell dominierende Delta-Mutante. Von ihrem Fund berichten sie im Fachjournal «Cell».

Die Entdeckung eröffnet «neue therapeutische Anwendungen als Medikament zum Schutz von Risikopersonen, wie etwa immungeschwächten Patienten», teilt die EPFL mit. Zudem könne der neue Antikörper auch als Teil einer Kombinationstherapie eingesetzt werden, um den Schweregrad der Krankheit bei Menschen, die mit Sars-CoV-2 infiziert sind, zu verringern.

Hamster blieben gesund – trotz hochinfektiöser Virusdosis

Der neu entdeckte Antikörper wurde aus Lymphozyten eines Covid-19-Patienten im Rahmen der ImmunoCoV-Studie isoliert, die von der Abteilung für Immunologie und Allergologie des CHUV durchgeführt wurde. Laut Angaben des Teams handelt sich um einen der wirksamsten Antikörper, die bisher gegen Sars-CoV-2 identifiziert wurden. Seine Strukturanalyse zeigt, dass er an einer Stelle bindet, die nicht anfällig für Mutationen des viralen Spike-Proteins ist.

Durch diese enge Wechselwirkung blockiert der Antikörper wirksam die Bindung des Spike-Proteins an Zellen, die ACE2-Rezeptoren produzieren, auf die das Virus abzielt, um in Lungenzellen einzudringen und sie zu infizieren. Auf diese Weise stoppt der Antikörper den viralen Vervielfältigungszyklus und führt zur Eliminierung des Virus durch das Immunsystem. Die Schutzwirkung wurde in vivo – also im lebenden Organismus – nachgewiesen, als mit dem Antikörper behandelte Hamster infektionsfrei blieben, nachdem man sie einer hochinfektiösen Dosis des Virus ausgesetzt hatte.

Ema prüft Antikörper von Roche

Die europäische Arzneimittelbehörde Ema prüft die Zulassung eines weiteren Corona-Medikaments. Das Schweizer Pharmaunternehmen Roche habe einen Antrag auf Zulassung seiner Antikörper-Therapie Ronapreve gestellt, teilte die Ema am Montag in Amsterdam mit. Mit dem aus zwei Wirkstoffen (Casirivimab und Imdevimab) bestehenden Mittel, das vom US-amerikanischen Hersteller Regeneron Pharmaceuticals mitproduziert wurde, sollen Menschen ab zwölf Jahren behandelt werden, die mit dem Coronavirus infiziert sind und ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf haben. Zusätzlich kann das Mittel nach Angaben der Hersteller auch bei Menschen eingesetzt werden, die ein akutes Ansteckungsrisiko haben, etwa weil sie mit einem Infizierten in einem Haushalt leben. Erst kürzlich hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Cocktail aus Casirivimab und Imdevimab zur Vorbeugung einer schweren Covid-19-Erkrankung bei infizierten Risikopatienten empfohlen. In Deutschland wird diese Antikörper-Kombination bereits in speziellen Fällen für Corona-Patienten eingesetzt. Die Schweiz hat im Mai 2021 erstmals 3000 Dosen bekommen.

Die Experten und Expertinnen der Ema bewerten nun alle vorgelegten Daten und wägen Vorzüge und Nachteile des Präparates gegeneinander ab. Mit einem Ergebnis werde in zwei Monaten gerechnet. Die Experten und Expertinnen hatten bereits Forschungsergebnisse des Herstellers geprüft, bevor dieser einen offiziellen Antrag gestellt hatte. Dadurch wird das Zulassungsverfahren verkürzt. Bisher ist in der EU nur das Arzneimittel Remdesivir als spezielles Corona-Medikament zugelassen. (Dpa)

Extralange Wirkung

Die Forschenden haben den Antikörper zudem so konzipiert, dass er beim Menschen eine lange Wirkungsdauer hat. Ein unveränderter klassischer Antikörper hat eine Schutzwirkung von drei bis vier Wochen. Bei der neuen Therapiemöglichkeit jedoch wirkt der entwickelte Antikörper vier bis sechs Monate lang. Dies macht ihn zu einer sehr attraktiven präventiven Option, um gefährdete ungeimpfte Personen oder geimpfte Personen, bei denen keine Immunreaktion hervorgerufen werden konnte, zu schützen.

Immungeschwächte Personen, Organtransplantationspatienten und gewisse Krebspatientinnen und -patienten können mit einer Injektion des Antikörpers zwei- bis dreimal pro Jahr geschützt werden, heisst es von Seiten des CHUV. Bis es soweit ist, wird es aber noch dauern. Die klinischen Versuche sollen Ende 2022 beginnen.

Die Entwicklung dieses neuen neutralisierenden Antikörpers stellt einen grossen Fortschritt im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie dar und ebnet den Weg für eine verbesserte Behandlung schwerer Formen der Krankheit sowie für neue prophylaktische Massnahmen, insbesondere für Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Die Entdeckung soll jedoch nicht die Impfung ersetzen, die nach wie vor die wirksamste Methode zum Schutz vor einer Infektion ist.

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