Antibiotikaresistenzen - Forschende entdecken in Deutschland erstmals hochresistente Bakterien
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AntibiotikaresistenzenForschende entdecken in Deutschland erstmals hochresistente Bakterien

Besorgniserregend – so bezeichnen deutsche Forschende ihre Entdeckung. In ihrer Studie sind sie auf Spitalkeime gestossen, gegen die selbst der Hoffnungsträger unter den Antibiotika nicht mehr wirkte.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Erstmals haben Forschende in Deutschland hochresistente Bakterien entdeckt.

Erstmals haben Forschende in Deutschland hochresistente Bakterien entdeckt.

Symbolbild/Unsplash
Gegen sie kann selbst der Hoffnungsträger unter den Antibiotika nichts ausrichten, berichtet ein Team der Universität Giessen und des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) in Braunschweig. 

Gegen sie kann selbst der Hoffnungsträger unter den Antibiotika nichts ausrichten, berichtet ein Team der Universität Giessen und des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) in Braunschweig.

Unsplash
Bei den hochresistenten Keimen handelt es sich um die sogenannten Enterobakterien, zu denen etwa die Darmkeime der Art Escherichia coli, kurz E. coli (Bild) …

Bei den hochresistenten Keimen handelt es sich um die sogenannten Enterobakterien, zu denen etwa die Darmkeime der Art Escherichia coli, kurz E. coli (Bild) …

Wikimedia Commons/PD

Darum gehts

  • In Deutschland wurden erstmals hochresistente Bakterien nachgewiesen.

  • Die sogenannten Enterobakterien zeigen sich sogar unempfindlich gegenüber einer in Deutschland noch nicht eingesetzten Wirkstoffkombination.

  • Das heisst: Multiresistente Bakterien entwickeln sich schneller als neue Wirkstoffkombinationen gefunden werden.

Antibiotikaresistenzen (siehe Box) nehmen weltweit zu. Damit wächst die Gefahr, an einst problemlos behandelbaren Infektionen oder kleinen Verletzungen zu sterben. Laut einem wegweisenden Bericht von 2016 könnten es 2050 schon zehn Millionen Tote im Jahr sein. Die Weltgesundheitsorganisation warnt angesichts der Entwicklung vor einer Post-Antibiotika-Ära.

Das heisst Antibiotikaresistenz

Bei Antibiotika handelt es sich um Medikamente, die das Wachstum von Bakterien verhindern oder Bakterien abtöten. Doch immer häufiger zeigen sich die Keime diesen gegenüber unempfindlich. Sie haben also Resistenz gebildet. Schätzungen von Expertinnen und Experten zufolge sind rund die Hälfte dieser Resistenzen auf die falsche Anwendung von Antibiotika zurückzuführen. So bekommen Patienten und Patientinnen Antibiotika bei Virusinfektionen, obwohl sie nur bakterielle Infektionen be­kämpfen oder ein Breitbandantibiotikum, wenn ein zielgerichteteres Medikament besser wäre.

Wie ernst zu nehmen das ist, zeigt nun auch eine im Fachjournal «Antimicrobial Agents and Chemotherapy» veröffentlichte Studie von Forschenden der Universität Giessen und des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) in Braunschweig. Darin berichtet das Team um Trinad Chakra­borty vom Fund von Bakterien, die nicht nur gegen häufig eingesetzte Antibiotika, sondern auch gegen eine viel­versprechende Wirkstoffkombination von Reserveantibiotika resistent sind.

Resistent gegen Hoffnungsträger

Konkret handelt es sich dabei um sogenannte Enterobakterien, die zu den Spitalkeimen gehören und schwere Infektionen des Verdauungs- und Harntraktes auslösen. Diese Keime werden immer resistenter gegen die hierzulande eingesetzten Antibiotika. Um die Enterobakterien dennoch behandeln zu können, setzen Forschende auf eine neue, in Deutschland bis­her nicht eingesetzte Kombination aus zwei Wirkstoffen – dem älteren Antibiotikum Aztreonam und dem neueren Hemmstoff Avibactam.

«Das ist besorgniserregend, denn diese Wirkstoffkombination wird hier noch nicht klinisch eingesetzt»

Trinad Chakra­borty, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie der Universität Giessen

Doch auch gegen diesen Hoffnungsträger weisen die Spitalkeime Resistenz auf, wie Chakra­borty und sein Team in ihrer Beobachtungsstudie in Deutschland nachwiesen. Es sei das erste Mal, dass solche resistenten Erreger auch in Deutschland nachgewiesen wurden. «Das ist besorgniserregend, denn diese Wirkstoffkombination wird hier noch nicht klinisch eingesetzt», so Chakra­borty. Das heisst: Eigentlich dürften die Bakterien noch keine Abwehrmechanismen dagegen entwickelt haben. Multiresistente Bakterien entwickeln sich schneller als neue Wirkstoffkombinationen gefunden werden, urteilt die Hochschule.

Weiteres Problem

Im Jahr 2016 gründete der Internationale Pharmaverband (IFPMA) eine Industrie-Allianz, um geschlossen die Resistenzen anzugehen. Rund 100 Pharmakonzerne, darunter die grössten der Welt, verpflichteten sich damals, die Forschung in diesem Bereich voranzutreiben. Doch im Jahr 2019 wurde bekannt: Fast die Hälfte der Firmen, die damals beigetreten sind, hat sich zwischenzeitlich von dem Thema abgewandt – «weil es zu wenig lukrativ ist», wie Andreas Kronenberg vom Institut für Infektionskrankheiten der Universität Bern und Leiter des Schweizerischen Zentrums für Antibiotikaresistenzen damals gegenüber 20 Minuten erklärte.

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