«Grob unverantwortlich» - Forschende quittieren Job bei Journal – wegen strittiger Impfstoff-Studie
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«Grob unverantwortlich»Forschende quittieren Job bei Journal – wegen strittiger Impfstoff-Studie

Mehrere Forschende sind als Redaktore eines Fachjournals zurückgetreten, um gegen die Veröffentlichung eines Artikels zu protestieren: In diesem seien «Daten missbraucht worden».

von
Fee Anabelle Riebeling

Darum gehts

  • Impfgegner und Corona-Skeptiker fühlen sich von einer im Fachjournal «Vaccines» veröffentlichten Studie bestärkt.

  • In dieser kommen die Autoren zu dem Schluss, dass auf drei durch Covid-19-Impfung verhinderte Todesfälle zwei durch die Impfung kämen.

  • Dagegen protestierten mehrere Expertinnen und Experten.

  • Die Studie ist mittlerweile zurückgezogen worden.

In der Welt der Wissenschaft hat es einen Knall gegeben. Sechs Forschende aus den Bereichen Virologie, Immunologie Vakzinologie sind von ihren Posten als Redaktor und Redaktorin beim Fachjournal «Vaccines» zurückgetreten. Damit protestieren sie gegen eine am 24. Juni 2021 veröffentlichte Studie.

Die Expertinnen und Experten werfen den Autoren des Artikels den Missbrauch von Daten vor, «um zu dem Schluss zu kommen, dass wir für drei durch Covid-19-Impfung verhinderte Todesfälle zwei durch die Impfung verursachte in Kauf nehmen müssen.» Mittlerweile wurde die beanstandete Studie zurückgezogen.

Scharfe Kritik

«Die Daten wurden missbraucht: Die Autoren machen falsche Annahmen, dass alle Todesfälle, die nach der Impfung auftreten, durch die Impfung verursacht werden», zitiert Sciencemag.com Immunologin Katie Ewer, eine der zurückgetretenen Expertinnen und Experten. In der Folge würden sich nun Impfgegner und Coronaleugner auf die Studie berufen. «Das ist grob unverantwortlich, besonders für eine Zeitschrift, die sich auf Impfstoffe spezialisiert.»

Neben Ewer, die an der Entwicklung des Covid-19-Impfstoffs von AstraZeneca beteiligt war, sind auch Ann Arbor, Gründungsredaktorin von «Vaccines» und die Impfärztin Helen Petousis-Harris, die die Vaccine Datalink and Research Group an der Universität von Auckland leitet, zurückgetreten. Laut ihr ist die Studie ein klarer Fall von «Garbare in, Garbage out» (siehe Box).

Was heisst «Garbage in, garbage out»?

Wörtlich übersetzt bedeutet es «Müll rein, Müll raus». Dabei handelt es sich um eine scherzhafte Phrase aus der Informatik, die besagt, dass ein Rechner mit hoher Wahrscheinlichkeit eine ungültige oder nicht aussagekräftige Ausgabe produziert, wenn die Eingabe ungültig oder nicht aussagekräftig ist.

Weiterer Kritikpunkt an der beanstandeten Arbeit: Keiner der Autoren ist in Impfstoffkunde, Virologie oder Epidemiologie ausgebildet. Stattdessen handele es sich bei Erstautor Harald Walach um einen klinischen Psychologen und Wissenschaftshistoriker, der sich selbst als Gesundheitsforscher beschreibe, bei Rainer Klement um einen Physiker, der ketogene Diäten in der Krebsbehandlung erforsche und bei Wouter Aukema um einen unabhängigen Datenwissenschaftler.

Prompte Reaktion

Fanny Fang, geschäftsführende Herausgeberin des Journals, erklärte, «diesen Fall mit grösster Ernsthaftigkeit zu behandeln». Wenig später veröffentlichten die verbliebenen Redaktorinnen und Redaktoren eine sogenannte «Expression of Concern». Darin heisst es: «Die grösste Sorge ist die falsche Darstellung der Covid-19-Impfbemühungen und die falsche Darstellung der Daten.» Am 2. Juli wurde die Arbeit zurückgezogen.

Auch die drei Fachleute, die die Studie vor der Veröffentlichung begutachtet hatten, meldeten sich zu Wort. Ihrer Meinung nach sei die Arbeit «verantwortungsvoll und ohne Fehler durchgeführt» worden. Einer der drei, der wie ein weiterer Kollege anonym bleibt, ergänzt, die Studie sei «sehr wichtig» und sollte «dringend veröffentlicht werden.»

Die Kritiker überzeugt das nicht: «Es ist sehr offensichtlich aus ihren Bewertungen, dass sie keine thematische Expertise haben. Die Autoren haben das auch nicht. Es ist ein bisschen nachlässig, wenn man keine einzigen Experten für Impfstoffsicherheit in die Studie und die Bewertung einbezieht», so Petousis-Harris.

Die Covid-19-Impfstoffe stehen immer wieder in der Kritik – bislang konnten alle Vorwürfe jedoch widerlegt werden. 

Die Covid-19-Impfstoffe stehen immer wieder in der Kritik – bislang konnten alle Vorwürfe jedoch widerlegt werden.

Getty Images

Studien-Autoren erklären sich

Weitere Kritik äusserte der Leiter der Abteilung Wissenschaft und Forschung des niederländische Pharmakovigilanz-Zentrum Lareb, Eugène van Puijenbroek. Bei seinem Unternehmen werden die Meldungen zu unerwünschten Impfwirkungen gesammelt. Von hier stammen die Daten zu den Impfnebenwirkungen, die die Autoren der beanstandeten Studie für ihre Arbeit nutzten. Noch am Tag des Erscheinens des Artikels forderte er, diese zu korrigieren oder zurückzuhalten.

«Ein berichtetes Ereignis, das nach der Impfung auftrat, ist ... nicht notwendigerweise durch die Impfung verursacht worden», so van Puijenbroek. «Zu suggerieren, dass alle Berichte mit einem tödlichen Ausgang in einem kausalen Zusammenhang stehen, ist weit von der Wahrheit entfernt.» Die Autoren hätten zudem noch einige weitere Fehler gemacht, schreibt Sciencemag.com. Etwa hinsichtlich von Zitierungen.

Die Kritisierten geben sich gelassen: In einer Gegendarstellung schreiben sie, dass sie die Lareb-Daten «dahingehend interpretiert haben», dass jene Berichte, die nicht nachweislich im Zusammenhang mit der Impfung stehen, von Lareb gar nicht aufgeführt worden seien, «sodass die endgültige Datenbasis zumindest einigermassen zuverlässig ist.» Die drei betonen weiter, dass sie an keiner Stelle behaupten würden, dass die von Lareb dokumentierten Nebenwirkungen durch die Covid-19-Impfstoffe verursacht wurden. «Derzeit haben wir nur eine Vermutung.»

Weltweit wurden bereits über drei Milliarden Dosen Covid-19-Impfstoff verabreicht. In welchem Land die meisten vollständig geimpften Personen leben, erfährst du in der obigen Grafik. Alles, was du dafür tun musst, ist, mit dem Cursor darüber zu fahren.

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