Forscher nach Doppel-Nein: Viele «Jugos» - viele Nein-Stimmen
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Forscher nach Doppel-Nein: Viele «Jugos» - viele Nein-Stimmen

Drei Faktoren haben laut dem Forschungsinstitut gfs.bern das Ergebnis der Abstimmung über die Einbürgerungsvorlagen beeinflusst

Die regionale politische Kultur, der Anteil von Leuten aus dem Gebiet des ehemaligen «Jugos»lawien und in der Deutschschweiz der Anteil industrieller Kultur.

In seiner am Montag publizierten Erstanalyse beschränkt sich gfs.bern auf die Vorlage zur Einbürgerung der zweiten Generation, da dort die Gegensätze besser zum Ausdruck kämen. Bei der Abstimmung über die Einbürgerung der dritten Generation ergäben sich die gleichen Schlussfolgerungen in abgeschwächter Form, heisst es im Bericht.

Den Befund eines «Röstigrabens» bestätigt auch gfs.bern. Bereits der Stadt-Land-Unterschied gelte aber nur bedingt - nämlich vor allem für die Deutschschweiz. In der Romandie gebe es ländliche Gebiete, die eindeutig positiver zur erleichterten Einbürgerung stünden als im gesamtschweizerischen Mittel.

Politische Kultur ausschlaggebend

gfs.bern hebt drei Faktoren hervor, die die Abstimmung über die Einbürgerungsvorlagen beeinflusst haben. Dazu gehört einerseits die regionale politische Kultur: Je mehr eine Region die Öffnung der Schweiz zum Ausland befürworte, desto stärker falle auch die Zustimmung zu den Einbürgerungsvorlagen aus.

Auch die Haltung der Schweizerinnen und Schweizer gegenüber Ausländerinnen und Ausländern stehe im selben Zusammenhang: Je stärker die regionale politische Kultur auf die Privilegierung der Einheimischen ausgerichtet sei, desto deutlicher seien die Einbürgerungsvorlagen verworfen worden.

«Jugos» als Sündenböcke

Es treffe dagegen nicht zu, dass ein hoher Anteil an ausländischer Bevölkerung generell mit einem hohen Anteil an Nein-Stimmen korrelliere. Auch könne das Votum nicht als Protest gegenüber der bisherigen Einbürgerungspraxis verstanden werden.

Die Frage nach dem Einfluss des ausländischen Bevölkerungsanteils müsse differenziert gestellt werden. Es sei seit längerem bekannt, dass sich fremdenkritische Positionen meist an einer besonders exponierten Gruppe entzündeten.

Ein eindeutiger Zusammenhang besteht laut gfs.bern zwischen dem Bevölkerungsanteil von Menschen aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien: Je grösser der Anteil der Personen aus diesen Ländern sei, desto stärker sei auch die erleichterte Einbürgerung abgelehnt worden. Bei anderen ausländischen Bevölkerungsgruppen sei der Zusammenhang eindeutig geringer.

In der Deutschschweiz hat laut gfs.bern ein dritter Faktor eine Rolle gespielt: Je mehr Personen in einer Region im industriellen Sektor beschäftigt waren, desto deutlicher wurde die erleichterte Einbürgerung abgelehnt. Dieser Zusammenhang tritt in der Romandie dagegen nicht zutage.

Faktoren ergänzen sich

gfs.bern kommt weiter zum Schluss, dass sich die drei Faktoren ergänzen: Je eher alle drei miteinander gegeben seien, desto wahrscheinlicher sei die erleichterte Einbürgerung verstärkt abgelehnt worden.

Die deutlichsten Unterschiede fänden sich in den Bezirken Entlebuch (LU), Kulm (AG) und Oberrheintal (SG) einerseits mit 80 Prozent Ablehnung und La Vallée (VD), Lausanne und Nyon (VD) andererseits mit 20 Prozent Nein-Stimmen.

(sda)

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