14.08.2020 19:03

Bisher Verdacht, jetzt erwiesenForscher weisen erstmals intakte Coronaviren in Aerosolen nach

Dass Schwebeteilchen in der Luft Viruspartikel enthalten können, ist schon länger bekannt. Nun haben Forscher erstmals aktive Sars-CoV-2-Viren in ihnen entdeckt.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Lüften, lüften, lüften – das war die vielleicht wichtigste Empfehlung, welche 239 Wissenschaftler kürzlich in ihrem offenen Brief an die WHO gaben. 

Lüften, lüften, lüften – das war die vielleicht wichtigste Empfehlung, welche 239 Wissenschaftler kürzlich in ihrem offenen Brief an die WHO gaben.

Getty Images/iStockphoto
Der Grund für ihr Schreiben: Die Möglichkeit der Übertragung von Sars-CoV-2 durch Aerosole sei bisher nicht ausreichend berücksichtigt worden. In Innenräumen sei die Gefahr jedoch beträchtlich. 

Der Grund für ihr Schreiben: Die Möglichkeit der Übertragung von Sars-CoV-2 durch Aerosole sei bisher nicht ausreichend berücksichtigt worden. In Innenräumen sei die Gefahr jedoch beträchtlich.

Screenshot: Clinical Infectious Diseases
Forscher der University of Florida in Gainesville stützen nun die Befürchtungen mit wissenschaftlichen Daten. Die Forscher hatten Proben der Raumluft aus der Umgebung zweier Covid-19-Patienten … (Im Bild: Peabody Hall, das zum University of Florida Campus Historic District zählt)

Forscher der University of Florida in Gainesville stützen nun die Befürchtungen mit wissenschaftlichen Daten. Die Forscher hatten Proben der Raumluft aus der Umgebung zweier Covid-19-Patienten … (Im Bild: Peabody Hall, das zum University of Florida Campus Historic District zählt)

Wikimedia Commons/Ebyabe/CC BY-SA 3.0

Darum gehts

  • Lange wurde es vermutet und davor gewarnt, nun haben US-Forscher den Nachweis erbracht: Aerosole können infektiöses Virusmaterial transportieren.
  • Sie warnen davor, dass 1,5 bis 2 Meter Abstand halten allein nicht ausreicht.
  • Unklar bleibt allerdings weiterhin, ob die Viruslast in Aerosolen tatsächlich ausreicht, um weitere Menschen mit Sars-CoV-2 anzustecken.
  • Dennoch nennt Aerosol-Expertin Linsey Marr die Erkenntnisse einen «ziemlich eindeutigen Beweis».

US-Forscher haben in Versuchen bestätigt, dass von Corona-Infizierten ausgestossene Aerosole intakte Viruspartikel enthalten können. Das sei eine Bestätigung dafür, dass Sars-CoV-2 wahrscheinlich auch über die winzigen, lange in der Luft verbleibenden Schwebeteilchen übertragen werden könne.

Vor diesem Umstand warnten unlängst 239 Experten aus aller Welt und forderten entsprechende Anpassungen. Christian Garzoni, Klinikleiter des Spitals Moncucco, Infektiologe und Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung, sprach sich ob der Übertragung durch Aerosole sogar für eine Maskenpflicht in Büros aus.

Premiere

Auch die Autoren der aktuellen Arbeit gehen davon aus, dass in Räumen anderthalb oder auch zwei Meter Distanz zwischen Personen nicht ausreichen könnten. Darauf deuten auch Erkenntnisse aus der Analyse der Ansteckungen im deutschen Schlachtbetrieb Tönnies hin, wonach dort Ansteckungen über acht Meter Entfernung erfolgten. Ein zu geringer Sicherheitsabstand könnte ein falsches Gefühl von Sicherheit vermitteln, heisst es in der Studie. Diese ist allerdings noch nicht in einem Fachjournal, sondern bisher nur auf dem Preprint-Server MedRxiv.org veröffentlicht und damit noch nicht von unabhängigen Gutachtern geprüft (siehe Box).

Dass die Tröpfchen, die in der Regel einen Durchmesser von weniger als fünf bis zehn Mikrometern haben, mitunter virale Bestandteile enthalten, ist schon länger bekannt. Komplette Lebendviren konnte man darin allerdings noch nicht nachweisen – bis jetzt.

Virus im Überlebenskampf

Die Forscher um John Lednicky von der University of Florida in Gainesville hatten Proben der Raumluft aus der Umgebung zweier Covid-19-Patienten in einem Klinikzimmer untersucht. Selbst aus Proben, die in fast fünf Meter Abstand zu den Patienten genommen worden waren, seien noch aktive Sars-CoV-2-Partikel isoliert worden, berichten die Forscher. Über genetische Analysen sei bestätigt worden, dass diese von dem Patienten mit Covid-19-Atemwegssymptomen im Raum stammten – und nicht etwa aus einem anderen Bereich der Klinik eingetragen wurden.

Unklar bleibt allerdings weiterhin, ob die Viruslast in Aerosolen tatsächlich ausreicht, um weitere Menschen mit Sars-CoV-2 anzustecken – und wenn ja, welche Rolle dieser Übertragungsweg im Hinblick auf das gesamte Infektionsgeschehen spielt. Schliesslich beginnt mit dem Verlassen des Körpers für das Virus eine Art Überlebenskampf. So kann es unterwegs zum nächsten Wirt etwa austrocknen oder weggeweht werden. Kurz: Die Studie zeigt erst mal nur, dass Aerosole infektiöses Virusmaterial transportieren können.

Eine «smoking gun»

Superspreader-Ereignisse etwa bei Chorproben, im deutschen Schlachtbetrieb Tönnies oder in Restaurants weisen allerdings schon seit längerem darauf hin, dass Viruspartikel in Aerosolen die Infektion vieler Menschen im Umkreis zur Folge haben können.

Aerosol-Expertin Linsey Marr von der Virginia Polytechnic Institute and State University hält die Ergebnisse der Studie indes für wegweisend: Die Isolierung des Lebendvirus aus Atemluft sei eine «smoking gun» – ein ziemlich eindeutiger Beweis – twitterte die US-Forscherin, die nicht selbst an der Studie beteiligt war.

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233 Kommentare
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Daniel

15.08.2020, 22:54

So eine lange Zeit um deren Nachweisung und bald soll der Impfstoff kommen?! Man kann eigentlich sehen das wir doch noch nicht viel über diesen Virus wissen, aber einige es noch immer herunter spielen.

Oliver

15.08.2020, 21:58

Der schwedische Arzt Sebastian Rushworth M.D.: Corona ist in Schweden praktisch vorbei! Ich leugne nicht, dass Covid für die Menschen, die wirklich krank werden, oder für die Familien der Menschen, die sterben, ebenso schrecklich ist wie für die Familien von Menschen, die an Krebs, oder Grippe. Aber der Umfang der Reaktion war in den meisten Teilen der Welt (Schweden nicht eingeschlossen) völlig unverhältnismäßig zum Ausmaß der Bedrohung. Mehr auf seinem Blog!

berti

15.08.2020, 21:05

ich machs wie in italien und spanien, geh nur mit maske raus schuetze mich selber, weiche oft aus auf trottoir, zieh die einsamkeit durch, gibt ja noch telefon, umarmen tu ich meinen hund momentan, ist eigentlich eine gute uebung ohmm