Corona-Demo Bern – Forscher zählt höchstens 38'000 Teilnehmende
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Höchstens 38’000 DemonstrierendeForscher zählt nach Kontroverse Teilnehmer an Berner Corona-Demo

Nach der Corona-Demo vom Samstag entbrannten heftige Diskussionen um die Teilnehmerzahl. Nun hat ein Berner Forscher nachgezählt und stellt eine neue Schätzung an.

von
Noah Knüsel

Mehrere Zehntausend Personen demonstrierten am Samstag in Bern.

Video: 20min

Darum gehts

  • Über die genaue Teilnehmerzahl der grossen Corona-Demo in Bern gab es heftige Diskussionen.

  • Nun hat ein Forscher der Uni Bern nachgezählt: Es seien zwischen 27’500 und 38’000 Personen gewesen, schreibt Sprachwissenschaftler und Archäologe Michael Mäder.

  • Für die Analyse habe er seit Samstagabend wohl 40 Arbeitsstunden investiert, sagt Mäder: «Es war cool, einmal etwas zu einem so aktuellen Thema machen zu können.»

Nach dem Aufruf mehrerer massnahmenkritischer Gruppierungen fand am Samstag in Bern eine riesige Demo statt. Im Anschluss entbrannte eine Kontroverse um die Zahl der Teilnehmenden: Während Schätzungen von mehreren Tausend bis über 50'000 Demonstrierenden reichten, gaben die Behörden keine Zahlen bekannt. Der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause sagte nur: «Es war sicher eine der grössten Kundgebungen der letzten Jahre.»

Nun hat ein Forscher der Uni Bern nachgezählt: «Es waren mindestens 27'500 und höchstens 38'000 Teilnehmer», schreibt der Archäologe und Sprachwissenschaftler Michael Mäder in einer Publikation. Es sei unwahrscheinlich, dass die obere Grenze überschritten worden sei, heisst es da. Zudem könne man praktisch ausschliessen, dass weniger als 27'500 Personen teilgenommen hätten.

Michael Mäder forscht am Institut für Sprachwissenschaft an der Uni Bern.

Michael Mäder forscht am Institut für Sprachwissenschaft an der Uni Bern.

privat

«Ein riesiger Zufall»

Herzstück der Analyse bildet ein Video aus der Schauplatzgasse, die vom Berner Bahnhof direkt zum Bundesplatz führt. Über anderthalb Stunden filmte eine Person von einem Baugerüst aus die vorbeiziehenden Menschenmassen. «Dieses Video ist ein Glücksfall», sagt Mäder. Mit den langen, durchgehenden Aufnahmen sei ein grosser Teil der Demo-Teilnehmenden erfasst worden: «Dass es diese gibt, ist ein riesiger Zufall.»

Mit einem speziellen Verfahren (siehe Box) zählte Mäder die Anzahl der Menschen im Video. Er kommt dabei auf 20'961 Personen, die die Gasse passierten: «Es ist eine sehr zuverlässige Zählung, der Fehlerbereich liegt bei wenigen Dutzend Personen», so der Forscher zu 20 Minuten.

So wurde das Video ausgewertet

Mäder hat die Anzahl der Personen mit einem digitalen Verfahren erfasst. Dabei wurde zunächst ein Video-Standbild erstellt: «Dann markierten wir einen Bereich innerhalb, von dem wir alle Köpfe zählen.» Das wiederholte er, sobald keiner der markierten Köpfe mehr auf dem vorgespulten Videobild zu sehen war. So seien über hundert einzelne Standbilder entstanden. Aus diesen habe er per Zufallsauswahl neun herausgepickt: «Dort ergänzte ich manuell Personen, die das Programm nicht erfassen konnte – etwa, weil sie sich hinter Transparenten befanden.» Aus der so aufbereiteten Stichprobe habe er eine statistisch signifikante Hochrechnung für den Rest der Standbilder erstellen können.

40 Stunden investiert

Der zweite Teil der Schätzung sei weniger zuverlässig, so Mäder: «Wir haben dafür verschiedene weitere Videos vom Demotag ausgewertet.» Dabei habe man auch Aufnahmen von verschiedenen Orten zeitlich miteinander abgeglichen: «Das war zum Beispiel beim Einzug der Trychler möglich.»

Für die Analyse habe er seit Samstagabend wohl 40 Arbeitsstunden investiert, sagt Mäder. Normalerweise beschäftigt sich der Archäologe und Sprachwissenschaftler etwa mit urzeitlichen Schriftstücken: «Es war cool, einmal etwas zu einem so aktuellen Thema machen zu können», sagt er. Er betont, auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler würden die absolute Wahrheit nicht kennen: «Wir können uns aber Zeit nehmen, uns ihr anzunähern.» Diese Annäherung müsse aber immer von anderen reproduzier- und widerlegbar sein.

Veranstalter bleiben bei 50’000 Teilnehmenden

Siegfried Hettegger, Co-Kampagnenleiter des Komitees «Gefährliche Covid-Verschärfung NEIN», sagt zu den Zahlen des Forschers: «Wir gehen davon aus, dass die Universität Bern recht konservativ geschätzt hat.» Die Teilnehmerzahl liege weit über den Zahlen, die in den Medien genannt worden seien. Mäders Studie sei aber nicht unplausibel und bestätige die Grössenordnung der von den Organisatoren genannten Teilnehmerzahl. «Die Studie beruht aber nur zum Teil auf zuverlässiger Messung, der Rest ist gemäss Studie unzuverlässige Schätzung. Es ist daher möglich, dass es deutlich mehr Teilnehmer waren.»

Die Organisatoren hätten selber ebenfalls Schätzungen angestellt: «Wir sind auf Basis von Flächenberechnungen sowie dem Zusammentragen von Informationen zahlreicher Teilnehmer auf die 50’000 Teilnehmenden gekommen. Das zeigt, dass die Anzahl der Teilnehmer aus politischen Gründen heruntergespielt wurden», sagt Hettegger.

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