Aktualisiert 10.07.2016 15:58

ItalienFortuna starb, weil alle schwiegen

Fortuna Loffredo (6) stürzt in Neapel aus dem achten Stock einer Wohnsiedlung. Erst zwei Jahre später bricht eine Zeugin ihr Schweigen.

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Fortuna Loffredo (6) stürzte am 24. Juni 2014 aus dem achten Stock einer Wohnsiedlung in Caivano bei Neapel. Im April 2016 erzählte eine Freundin des Opfers erstmals den Behörden, was damals passiert war.

Fortuna Loffredo (6) stürzte am 24. Juni 2014 aus dem achten Stock einer Wohnsiedlung in Caivano bei Neapel. Im April 2016 erzählte eine Freundin des Opfers erstmals den Behörden, was damals passiert war.

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Raimondo Caputo (44), Vater der Augenzeugin, wird verdächtigt, Fortuna vergewaltigt und dann aus dem Fenster geworfen zu haben.

Raimondo Caputo (44), Vater der Augenzeugin, wird verdächtigt, Fortuna vergewaltigt und dann aus dem Fenster geworfen zu haben.

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Doch lange führten die Ermittlungen der Polizei zu keiner Verhaftung, denn alle Beteiligten schwiegen - von Caputos Lebenspartnerin bis zu den Nachbarn.

Doch lange führten die Ermittlungen der Polizei zu keiner Verhaftung, denn alle Beteiligten schwiegen - von Caputos Lebenspartnerin bis zu den Nachbarn.

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Italien steht wegen mehrerer Missbrauchsfälle unter Schock. Die Staatsanwaltschaft von Neapel hat gegen Raimondo Caputo (44) Anklage wegen Mordes und sexuellen Missbrauchs an Fortuna Loffredo (6) erhoben. Der Verdächtige soll sich zudem an seiner Tochter vergangen haben. Sie und Fortuna waren beste Freundinnen.

Die kleine Fortuna stürzte am 24. Juni 2014 aus dem achten Stock einer Wohnsiedlung in Caivano bei Neapel. Bis anhin tappte die Polizei im Dunkeln, denn Caputos Lebensgefährtin Marianna Fabozzi (32) hatte stets geschwiegen — auch dann, als im April 2013 ihr Sohn Antonio Giglio (3) ums Leben gekommen war. Wie später die kleine Fortuna war auch er aus einem Fenster desselben Gebäudes gestürzt.

Caputos Tochter erzählt jetzt alles

Geschwiegen hatten aber auch die Nachbarn, die nie die geringste Auffälligkeit bemerkt haben wollen. Das dürfte auch an der Siedlung Parco Verde liegen. Sie wird von Drogendealern kontrolliert, wie «GQ Italia» schreibt. Mit der Polizei redet hier möglichst niemand.

Was im Fall von Antonio nach einen Unfall ausgesehen hatte, überzeugte die Ermittler im Fall von Fortuna aber nicht mehr. Zum einen war ihr rechter Schuh am Tatort nicht zu finden, was gegen einen Sturz aus dem Fenster sprach. Zum anderen zeigte sich, dass das Kind sexuell missbraucht worden war. Zunächst führten die Ermittlungen zu keinem Resultat: Niemand hatte was gehört oder gesehen.

Erst der Mut von Caputos Tochter brachte die Ermittler weiter. Nachdem das Mädchen selber Opfer sexuellen Missbrauchs wurde, kam es im März in die Obhut der Behörden. Den Psychologen erzählte die Kleine, wie ihr Vater Fortuna vergewaltigt und dann aus dem Fenster geworfen hatte.

Familie fordert Gerechtigkeit

Im Laufe der Ermittlungen waren Fortunas Zeichnungen analysiert worden. Darin tauchte immer wieder ein «Monster» auf, die Häuser hatten keine Türen, die Fenster waren vergittert, weibliche Figuren durchgestrichen. Die Zeichnungen zeigten ein Ausmass an Aggressivität und Gewalt, die für ein sechsjähriges Kind unüblich seien, erklärte Sara Cordella, eine grafologische Gutachterin, im «Corriere della Sera».

Raimondo Caputo sitzt mittlerweile in U-Haft in Rom, während Fabiana Fabozzi unter Hausarrest steht. Der Lebenspartnerin wird Beihilfe zu sexueller Gewalt vorgeworfen, weil sie als mutmassliche Mitwisserin Caputo nicht angezeigt hat.

«Einerseits bin ich froh, dass nun Gerechtigkeit hergestellt wird. Andererseits wünsche ich mir, dass die beiden im Gefängnis verrotten», erklärte Fortunas Mutter Domenica Guardato. Ihr Mann Pietro Loffredo (40) sitzt zurzeit im Knast. «Ich will wissen, warum er Fortuna getötet hat», sagt er.

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