Aktualisiert 10.03.2005 16:34

Frankreich lahm gelegt

Mit Streiks und Demonstrationen haben hunderttausende Franzosen für höhere Löhne mobil gemacht und Premierminister Jean-Pierre Raffarin weiter unter Druck gesetzt.

Vielerorts brach der öffentliche Nahverkehr zusammen, Züge und Flüge fielen aus. Lehrer blieben dem Unterricht fern und beteiligten sich an den landesweit 150 Demonstrationen, die sich auch gegen eine Aufweichung der 35-Stunden-Woche richteten.

In Paris quälten sich Pendler durch Staus mit einer Gesamtlänge von 219 Kilometern. In dem Verkehrschaos bahnten sich Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees ihren Weg, um Sportstätten zu begutachten. Die französische Hauptstadt hofft auf einen Zuschlag für die Spiele 2012. Zehntausende demonstrierten am Nachmittag im Osten der Hauptstadt, die Route des Protestzugs wurde so gewählt, dass die IOC-Funktionäre möglichst nicht behindert wurden.

«Frankreich lahm gelegt», titelte die Zeitung «Le Figaro». In mehr als 20 Städten fuhr gar kein Bus oder höchstens einer von vieren. In Toulouse, Bordeaux und Marseille demonstrierten nach Gewerkschaftsangaben 200.000 Menschen, die Polizei zählte gut 70.000. Im staatlichen Rundfunk Radio France und dem Fernsehsender France-3 fielen Sendungen aus.

Im Grossraum Paris wurden mehr als zwei Drittel der Züge gestrichen, in der Métro drängten sich die Pendler in die wenigen Bahnen. Im Fernverkehr rollten die Züge etwas besser, der grenzüberschreitende Verkehr mit Deutschland sowie die Thalys- und Eurostar-Verbindungen nach Köln und London waren nicht betroffen.

An dem Ausstand beteiligten sich auch Fluglotsen. Am Pariser Flughafen Charles-de-Gaulle fielen nach Medienberichten zahlreiche Flüge aus, es kam zu Verspätungen bis zu zwei Stunden. Air France strich neun Flüge zwischen Lyon beziehungsweise Paris und Frankfurt, wie die Flughafengesellschaft Fraport mitteilte. Lufthansa-Passagiere mussten Verspätungen in Kauf nehmen, neun Flüge von Partnergesellschaften wurden gestrichen.

Zweiter Massenprotest binnen fünf Wochen

Auch jeder siebte Mitarbeiter der Post liess die Arbeit ruhen. An den Schulen streikte nach Gewerkschaftsangaben die Hälfte der Lehrer. Die Regierung gab die Beteiligung dagegen mit 30 bis 40 Prozent an.

Die Gewerkschaftsführer Bernard Thibault (CGT), François Chérèque (CFDT) und Jean-Claude Mailly (FO) marschierten an der Spitze der Pariser Demonstration. Auf einer Banderole hiess es: «Erhöhung der Gehälter, Senkung der Arbeitszeit, gegen Deregulierung und Arbeitslosigkeit».

Bereits Anfang Februar hatten die Gewerkschaften mit einem landesweiten Aktionstag Hunderttausende gegen die Arbeits- und Sozialpolitik der konservativen Regierung Raffarin mobilisiert. Chérèque verlangte am Donnerstag, der Premierminister müsse für den öffentlichen Dienst umgehend Gehaltsverhandlungen aufnehmen. Arbeitnehmervertreter wiesen darauf hin, dass die französischen Unternehmen zum Teil Rekordgewinne erzielt hätten.

Raffarin hatte die Unternehmen kürzlich aufgerufen, die Beschäftigten an ihren Profiten teilhaben zu lassen. Von der geplanten Abschwächung und Flexibilisierung der 35-Stunden-Woche, einer der zentralen Sozialreformen von Raffarins sozialistischem Vorgänger Lionel Jospin, will sich die bürgerliche Regierung aber nicht abbringen lassen. (dapd)

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