Aktualisiert 11.11.2015 08:49

Kritik von Lehrern und Politik

Franz-Lehrmittel ist für Experten «völlig konfus»

Die Berner Lehrmittel für Frühfranzösisch seien ein Flop und viel schlechter als herkömmliche, sagen Lehrer und Politiker. Deshalb sollen sie nun einem Vergleichstest unterzogen werden.

von
Nadine Ellis

Lernen vor dem Computer statt mit der Familie Châtelain: Seit 2011 beginnen Kinder im Kanton Bern den Französischunterricht bereits in der 3. Klasse und mit den Lehrmitteln «Mille Feuilles» und «Clin d'oeil». Diese sorgen bei Lehrern und Politikern für Verdruss. Der Vorwurf: Die Sprösslinge sprechen schlechter Französisch als Kinder, die erst ab der 5. Klasse mit dem früheren Lehrmittel «Bonne Chance» gelernt haben.

Dabei hatte man sich von den neuen Büchern Grosses erhofft: «Das Versprechen war, dass die Schulkinder durch das Wegfallen von Wörtlipauken und Grammatiktests offener mit der Sprache umgehen und besser sprechen könnten», so der Bieler GLP-Stadtrat und Oberstufenlehrer Alain Pichard. Er unterrichtet seit kurzem erstmals Siebtklässler, die bereits in der dritten Klasse mit dem Französischpauken begonnen haben.

«Unwissenschaftlich» und «konfus»

Pichard, der seit 38 Jahren unterrichtet, hat sich intensiv mit dem «Clin d'oeil» beschäftigt: «Es ist höchst unwissenschaftlich und völlig konfus, der Wortschatz wird zufällig aufgebaut. Zudem wird das grammatikalische Gerüst, das man für den Sprachgebrauch benötigt, vernachlässigt.» Den Lehrer erstaunte es auch, dass seine Schüler die französische Aussprache kaum beherrschen.

Pichard kritisiert zudem die Kosten, die die neuen Unterrichtsmittel mit sich bringen: «Es sind die teuersten Lehrmittel, die es je gegeben hat.» Grund dafür seien die Einwegmaterialien und die Kosten für die Computer. «Bonne Chance» möchte er dennoch nicht zurück: «Es ist völlig veraltet, man hat viel zu lange mit dem Buch gearbeitet. Das Prinzip war damals aber ein grosser Fortschritt und ist noch heute gut.»

Test soll Klarheit bringen

Auch der Berner SVP-Grossrätin Sabina Geissbühler-Strupler sind das Frühfranzösisch und die neuen Lehrmittel ein Dorn im Auge: «Der Unterricht, die neuen Lehrmittel und die Weiterbildung der Lehrpersonen kosten mit 18 Millionen Franken pro Jahr zu viel.» Geissbühler-Strupler bemängelt zudem die Didaktik: «Die Lernmethode ist darauf ausgelegt, dass Kinder die Sprache durch Zuhören erlernen. Dafür sind aber zwei bis drei Lektionen pro Woche zu wenig.»

Nun reagiert die pensionierte Lehrerin: Am kommenden Montag wird sie zusammen mit anderen Ratskollegen eine dringliche Motion zum Frühfranzösisch einreichen. Darin wird eine wissenschaftliche und kostenneutrale Studie durch die Uni Bern oder durch die PH Bern gefordert. Geissbühler-Strupler: «In den Tests sollen Schulkinder, die ab der dritten Klasse mit den neuen Lehrmitteln unterrichtet worden sind, mit jenen Schulkindern verglichen werden, die Französisch ab der 5. Klasse mit dem Lehrmittel ‹Bonne Chance› gelernt haben.» Die Abklärung müsste rasch durchgeführt werden: Nach dem Schuljahr 2016/17 verschwindet das alte Lehrmittel komplett aus dem Unterricht – ein Vergleich ist danach nicht mehr möglich.

Lehrmittel ersetzen

«Sollten die Evaluationstests zeigen, dass die Frühfranzösischkinder trotz zusätzlicher Kosten und früher Sprachförderung nicht signifikant besser abschneiden, soll der Regierungsrat beauftragt werden, das Passepartout-Projekt zu kündigen und die Lehrmittel zu ersetzen», so die Grossrätin.

Bis über die Motion entschieden wird, hat Lehrer Pichard eine eigene Lösung gefunden: «Ich unterrichte meine 7.-Klässler nun auch im grammatischen Aufbau der Sprache.» Die Reaktionen der Eltern und Kinder seien sehr positiv. «Endlich lerne ich etwas», habe ein Schüler zu ihm gesagt.

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