Aktualisiert 28.05.2013 05:34

Krieg in SyrienFranzösische Reporter spürten das Giftgas

So langsam zweifelt niemand mehr daran, dass im syrischen Bürgerkrieg Giftgas eingesetzt wird. Ein Journalist von «Le Temps» hat dies jetzt am eigenen Leib erfahren.

von
gux
Das syrische Chemiewaffenprogramm wurde ab den 70er-Jahren mit Hilfe der Sowjetunion entwickelt, um die Abschreckung gegen das Nachbarland Israel zu erhöhen. Zuvor nie eingesetzt, kommt es Jahrzehnte später im Bürgerkrieg zur Anwendung.

Das syrische Chemiewaffenprogramm wurde ab den 70er-Jahren mit Hilfe der Sowjetunion entwickelt, um die Abschreckung gegen das Nachbarland Israel zu erhöhen. Zuvor nie eingesetzt, kommt es Jahrzehnte später im Bürgerkrieg zur Anwendung.

Jean-Philippe Rémy ist Journalist bei «Le Temps». Zusammen mit einem Photografen der französischen Tageszeitung «Le Monde» war er für zwei Monate nach Syrien gereist, um vom Bürgerkrieg zu berichten. Jetzt ist er zurück – und hat neben den vielen Gräueln offenbar auch noch eine Giftgas-Attacke miterlebt.

Rémy schreibt, dass er und sein Begleiter Laurent Van der Stockt im April im Bezirk Dschorbar mit Rebellen unterwegs gewesen seien. Wie aus dem Nichts dann die Giftgas-Attacke der Regimetruppen: «Es klang, als ob eine Dose mit Cola auf den Boden fällt», so Rémy. Das austretende Gas sei absolut geruchsfrei gewesen, so dass die Kämpfer der Freien Syrischen Armee zu spät begriffen, dass sie Chemikalien ausgesetzt waren. «Die Männer husten heftig, die Augen brennen, die Pupillen ziehen sich zusammen, die Sicht schwindet», so Rémy.

Tagelange Atemprobleme

Einige der Männer seien in Ohnmacht gefallen, andere hätten sich übergeben müssen. Die, die die grösste Ladung abbekommen hätten, kriegten kaum Luft und drohten zu ersticken. Sie musste so schnell wie möglich ins Spital gebracht werden. Auch Rémy und sein Fotograf kriegen die geballte Ladung Chemie zu spüren: Tagelang hätten sie unter Atemproblemen gelitten und sei ihre Sicht eingeschränkt gewesen.

Der Franzose ist sicher: Das war kein herkömmliches Tränengas, mit dem da geschossen wurde. Rémys Recherchen legen tatsächlich Perfides nahe: So soll das Assad-Regime Tränengas mit viel giftigeren Gasen mischen, um einen Chemiewaffen-Einsatz zu verschleiern. Das auch der Grund, wieso Assads Soldaten Tränengas nicht in grossen Massen, sondern nur ganz gezielt einsetzten – ein Nachweis von Giftgas soll möglichst vertuscht werden.

Rémy reiste in mehrere Spitäler des Landes und befragte dort Ärzte und Patienten. Immer wieder berichteten ihm diese von Eingelieferten mit Erstickungsanfällen. Oft seien auch Kleinkinder betroffen gewesen.

US-Präsident Obama bestätigte unlängst, dass es Belege für den Giftgaseinsatz in Syrien gebe. Bevor er über eine Reaktion entscheide, müssten aber genauere Informationen und Beweise vorliegen - rote Linie hin oder her. Auch Israel, Frankreich und Grossbritannien beschuldigten Assad: Der syrische Machthaber – der das weltweit grösste Chemiewaffenlager besitzt - soll die Rebellen mit dem Gas Sarin attackiert haben.

Wie für diesen ganzen Krieg symptomatisch, gibt es keine Gewissheiten. So beschuldigt das Assad-Regime die Rebellen, Giftgas gegen seine Soldaten einzusetzen. Auch Uno-Ermittlerin Del Ponte will dafür Belege haben.

Interview mit Jean-Philippe Rémy:

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