Tragödie von Ustica: «Franzosen schossen das Flugzeug ab»

Aktualisiert

Tragödie von Ustica«Franzosen schossen das Flugzeug ab»

28 Jahre nach dem mysteriösen Absturz eines Passagierflugzeugs vor Sizilien redet der damalige italienische Staatschef Francesco Cossiga Klartext. Der in Zürich wohnhafte Musiker Pippo Pollina, der sich seit Jahren für die Hinterbliebenen einsetzt, versteht die Beweggründe für das sensationelle Eingeständnis.

von
Tina Fassbind

Heute vor 28 Jahren, am 27. Juni 1980, startete ein Passagierflugzeug der italienischen Fluggesellschaft Itavia von Bologna in Richtung Palermo. An Bord befanden sich 81 Menschen - darunter dreissig Kinder. Sie sollten nie in Palermo ankommen. Kurz vor 21 Uhr setzte das Flugzeug seinen letzten Funkspruch ab. Danach stürzte es nördlich von Sizilien, nahe der Ortschaft Ustica, ins Meer. Die genauen Umstände, wie es zu diesem Flugzeugunglück kam, blieben bis heute ungeklärt – und höchst mysteriös (mehr dazu finden Sie hier).

Vor rund einem Jahr wurden die Ermittlungen rund um die «Tragödie von Ustica» ad acta gelegt – nun will die Staatsanwaltschaft in Rom das Verfahren nochmals aufnehmen. Den Grund dafür lieferte der ehemalige italienische Staatschef Francesco Cossiga. Er behauptete in einem Interview mit der italienischen Zeitung «La Repubblica», dass das Passagierflugzeug von französischen Jagdflugzeugen abgeschossen worden sei. «Unsere Geheimdienste haben mich und den damaligen italienischen Minister Giuliano Amato darüber informiert, dass es die Franzosen waren, die von einem Marineflugzeug aus eine Rakete abgefeuert haben. Die Franzosen wussten, dass ein Flugzeug mit Gaddafi dort unterwegs war. Die Wahrheit ist, dass der Diktator sich retten konnte, weil der italienische Militärgeheimdienst Sismi ihn gewarnt hatte», so Cossiga.

Häppchenweise Wahrheit

Die Hinterbliebenen der Opfer der Flugzeugtragödie haben diese Enthüllungen wenig überrascht. «Hinter vorgehaltener Hand hat Cossiga schon früher solche Aussagen gemacht», weiss der italienische Musiker Pippo Pollina, der unlängst im Auftrag der Hinterbliebenen die Oper «Ultimo volo» über das Unglück von Ustica komponiert hat. Der Liedermacher, der auch hierzulande sehr populär ist, steht seit drei Jahren in engem Kontakt mit den Angehörigen und hat sich vertieft mit der Materie befasst.

Dass Cossiga mit diesen Informationen erst jetzt an die Öffentlichkeit gelangt, hat für Pollina zwei Gründe: «Cossiga ist alt geworden und will das Geheimnis nicht mit ins Grab nehmen. Ausserdem hat er einen ungeheuren Drang, im Mittelpunkt zu stehen. Ich gehe davon aus, dass er nun jeden Monat ein weiteres Geheimnis lüften wird.»

Ausserdem hat sich die politische Lage seit den 80er-Jahren massiv verändert: «Der kalte Krieg ist vorbei. Heute ist nicht mehr Gaddafi der Feind, sondern Bin Laden. Viele Generäle jener Zeit sind mittlerweile gestorben und die aufgeheizte Lage hat sich mittlerweile beruhigt. Deswegen konnte Cossiga getrost eine solche Aussage machen, ohne Gefahr zu laufen, das politische Gleichgewicht ins Wanken zu bringen», sagt Pollina.

Beharrlichkeit brachte Licht ins Dunkel

Den Hinterbliebenen ist es egal, warum Cossiga zur Presse ging. Sie wollen nur eines: Endlich eine Erklärung für das tragische Ereignis. «Die Regierung hat den Absturz ursprünglich als reines Unglück abgetan», so Pollina, «nur durch die Beharrlichkeit und die Ausdauer der Angehörigen kamen nach und nach immer neue Fakten ans Licht. Die Beweise verdichteten sich, und heute weiss jeder in Italien, dass das Flugzeug nicht verunglückt ist, sondern abgeschossen wurde.»

In Italien ist die «Tragödie von Ustica» auch nach 30 Jahren ein Politikum. Deswegen wunderte es Pollina auch nicht, dass die Aufführung von «Ultimo volo» auf Sizilien nur mit viel Mühe realisiert werden konnte. «Noch nie wurde in so grossem Stil an diese Tragödie erinnert, obwohl die meisten Passagiere aus Sizilien stammten. Die Hinterbliebenen der Opfer haben private Gelder gesammelt, um die Aufführung zu ermöglichen. Von Seiten der Regierung kam keine Unterstützung.»

«Ultimo volo»: Endlich auch auf Sizilien

Am 2. Juli wird die Oper in Palermo gezeigt – dann wird erstmals auch eine Vielzahl der Angehörigen im Publikumsraum sitzen. «Vor der Aufführung werden wir gemeinsam eine Medienkonferenz geben. Wir wollen vermitteln, dass durch gemeinsame Anstrengungen viel erreicht werden kann. Die Hinterbliebenen sind alle froh, dass der Prozess nun neu ins Rollen kommt. Wir glauben alle, dass die Wahrheit gefunden werden kann.»

Alles über die mysteriösen Umstände des Flugzeugunglücks von Ustica finden Sie hier.

Trailler zur Oper «Ultimo volo» (Quelle: YouTube)

Die Tragödie von Ustica

Fast 30 Jahre nach dem mysteriösen Absturz eines italienischen Flugzeugs vor Sizilien werden die Ermittlungen zu der "Tragödie von Ustica" wieder aufgenommen.

Die Staatsanwaltschaft von Rom habe neue Ermittlungen eingeleitet, nachdem der ehemalige Staatschef Francesco Cossiga ausgesagt habe, die Maschine sei mit einer französischen Rakete abgeschossen worden, berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa am Samstag.

Cossiga hatte demnach im Februar gesagt, die Passagiermaschine vom Typ DC 9 sei am 27. Juni 1980 in der Nähe der nördlich von Sizilien liegenden Insel Ustica ins Meer gestürzt, nachdem die französische Marine sie beschossen habe. Diese Information gab ihm demnach der frühere italienische Minister Giuliano Amato.

Bei dem Absturz waren 81 Menschen ums Leben gekommen. Ein italienisches Berufungsgericht hatte im Januar vergangenen Jahres dem juristischen Streit um das Unglück einen vorläufigen Schlusspunkt gesetzt. Es lehnte die Berufung der damaligen Mitte- links-Regierung von Ministerpräsident Romano Prodi ab, die eine Entschädigung für die Angehörigen der Opfer hatte erstreiten wollen.

Die Regierung hatte sich gegen den Freispruch von zwei italienischen Generälen gewandt, denen Behinderung der Ermittlungen durch Falschaussagen und Beseitigung von Beweisen im Fall des Absturzes vorgeworfen worden war.

Damals war gemutmasst worden, dass am Tag des Absturzes Jagdflieger der französischen und der US-Luftwaffe ein oder zwei libysche Flugzeuge verfolgten. Um nicht auf deren Radarschirmen geortet werden zu können, folgten sie der Theorie zufolge der DC 9. Die Passagiermaschine sei dann entweder versehentlich abgeschossen worden oder mit einem der Militärflugzeuge zusammengestossen.

Die Entdeckung des Wracks einer libyschen MIG-23 im Juli 1980 in den Bergen der süditalienischen Region Kalabrien hatte diese Theorie untermauert. Frankreich und die USA hatten stets eine Verwicklung ihrer Luftwaffe in das Unglück zurückgewiesen.

SDA

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