Prozess in Bern: Gericht verurteilt Giftmörder zu 14 Jahren Haft

14 Jahre Haft für Giftmörder«Sie waren unsterblich in diese deutlich jüngere Frau verliebt»

Vor dem Berner Regionalgericht muss sich diese Woche ein 51-Jähriger wegen Mordes verantworten. Er soll seine Frau vergiftet haben. 20 Minuten berichtet live.

von
Simon Ulrich
Zoé Stoller

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Donnerstag, 19.01.2023
15:59

Der Prozess ist zu Ende

Nach der Verkündung des Urteils ist der Prozess zu Ende. Sowohl der verurteilte Mörder als auch die Privatklägerschaft und die Staatsanwaltschaft haben nun zehn Tage Zeit, um Berufung einzulegen und das Urteil anzufechten.

Unverständlichkeit beim Gericht

«Uns bleibt Ihr Verhalten unverständlich. Wie kann ein so schlauer Mann, der mitten in seinem Leben steht, eine so kaltblütige Tat gegenüber seiner eigenen Frau ausüben? Wir verstehen es bis jetzt nicht», so die Worte der Richterin. «Bis ans Ende Ihres Lebens werden Sie mit dieser Tat leben müssen. Und nun haben Sie auch noch eine Autoimmunkrankheit.»

15:58

«Gefühlskaltes» Verhalten

«Dieses Verhalten war gefühlskalt», sagt die Richterin und verweist darauf, dass der Mann sich eines Giftes bedient habe, das zwingend und über mehrere Tage zum Tod führt. Der Täter «hat die Medizin mit dem Gift im Internet bestellt, alles bereitgehalten und den geeigneten Moment abgewartet.» So habe er das Vertrauen seiner Frau ausgenutzt und abgewartet, bis seine Frau langsam aber sicher gestorben sei.

«Während dieser Zeit schmiedeten Sie Pläne mit Ihrer Geliebten und machten einen Termin beim Schönheitschirurgen aus», so die Richterin weiter. So sei der Tatbestand Mord wegen der Art der Tat und der Gefühlskälte erfüllt.

15:57

Gründe für den Mord

Der Berner hatte bereits früher eine Affäre mit einer anderen Frau. «Damals sah er jedoch keinen Grund, seine Frau loszuwerden.» Aufgrund der guten finanziellen Situation des Täters lasse sich ausschliessen, dass der Mann finanzielle Motive gehabt habe.

Spontan oder geplant?

Laut Suchverläufen befasste sich der Mörder bereits seit längerer Zeit vor dem Tod seiner Frau mit tödlichen Substanzen. Der Mann sagte aber aus, er habe sich spontan dazu entschieden, das Gift einzusetzen. Dies kann das Gericht nicht eindeutig widerlegen. «Das Nachtatverhalten des 51-Jährigen lässt darauf schliessen, dass es eher spontan war», heisst es vom Gericht. So könne man davon ausgehen, dass ein solch schlauer Mann diese Tat minutiös hätte planen können, was nun nicht der Fall war.

15:55

Sein Verhalten, nachdem er das Gift verabreichte

Obschon sich das Verhalten seiner Ehefrau schnell drastisch verschlechterte, löste dies im Täter offensichtlich keine Panik aus. So klärte er die Ärzte nicht über das verabreichte Gift auf. Er muss wohl gewusst haben, dass es gegen das Gift kein Gegenmittel gab und dass seine Frau auf jeden Fall sterben werde.

Während seine Ehefrau im Sterben lag, chattete der Täter «munter» mit seiner Geliebten weiter, schlug eine Übernachtung in Lugano vor und machte einen Termin bei einem Schönheitschirurgen aus. Ausserdem googelte er Ferienoptionen in Schottland und Mallorca. Das Gericht befindet dies alles als «auffälliges Nachverhalten».

Geplante Tat?

Bereits mehrere Wochen vor dem Tod seiner Frau muss der Mörder die Medikamente und Spritzen bestellt haben, die in seiner Wohnung gefunden wurden. «Wir haben es hier mit einem schlauen, analytisch denkenden Informatiker zu tun.» So sei auszuschliessen, dass er seine Frau ohne Absicht vergiftet habe.

Gesundheit der Verstorbenen vor ihrem Tod

Laut Untersuchungen war die Ehefrau des Täters vor ihrem Tod in guter Verfassung. Es gebe keine Hinweise auf gesundheitliche Probleme. Dennoch fand man zahlreiche Medikamente in der Wohnung. Dass der Täter die Medikamente nicht selbst eingenommen hatte, ergaben Haarproben definitiv.

Beziehung mit seiner Angestellten

Aus Chat-Nachrichten, die der Verurteilte mit seiner Angestellten austauschte, entnimmt das Gericht, dass der Mann sich regelmässig mit einer anderen Frau traf. Seiner Ehefrau gegenüber sagte er jedoch, er sei auf Geschäftsreisen. All das deutet das Gericht wie folgt: «Wir kommen zum Schluss, dass Sie unsterblich in diese deutlich jüngere Angestellte verliebt waren.»

So war die Beziehung des Täters mit seiner Frau

Die Familie der Ermordeten beschreibt die Beziehung: «Mal war sie gut und intakt, mal gab es Phasen, in denen sie über Trennung und Scheidung sprachen.» Von einer Scheidung sei jedoch nie die Rede gewesen. Die Aussagen des Mörders unterschieden sich jedoch stark von dieser Beschreibung.

Die Getötete hatte laut Chatverläufen vermutet, dass ihr Mann sich habe scheiden lassen wollen und hatte vermutet, dass er eine Affäre mit einer anderen Frau hatte.

Deshalb wurde der Berner verurteilt

Das Gericht begründet seinen Entscheid wie folgt: «Die erste Frage, die wir uns stellten, war: Was war der Angeklagte vor dem Tod seiner Frau für ein Mensch?» Die Befragten hätten den Täter beschrieben mit den Adjektiven: «Ruhig, introvertiert, grossherzig, hilfsbereit, liebenswürdig, überlegt, analytisch, nicht impulsiv und ohne jegliche Aggresivität, hochintelligt.»

14:29

Genugtuung für Angehörige

Ebenfalls bezahlen muss der Mann 13'000 Franken für die amtliche Verteidigung. Die geforderte Genugtuung der Angehörigen der ermordeten Frau wird gutgeheissen: Der Bruder des Opfers erhält 6500 Franken, die Mutter 39‘000

14 Jahre für Mord

Das Gericht verkündet gleich zu Beginn das Urteil. Es verurteilt den Mann wegen Mordes zu 14 Jahren Haft. 356 Tage davon hat er bereits in Untersuchungshaft abgesessen. Zusätzlich muss der 51-Jährige die Verfahrenskosten von 80'900 Franken übernehmen.

Urteilsverkündung

Nach der Verhandlung am Montag kommt es heute vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland zur Urteilsverkündung. Es wird um 14 Uhr bekannt gegeben.

Montag, 16.01.2023
16:09

Ende

Damit ist die Verhandlung beendet. Das Urteil folgt am Donnerstag. Dank fürs Mitlesen!

16:00

Verteidiger plädiert auf fahrlässige Tötung

Sein Klient sei während des ganzen Bestellungsprozesses nie auf einen Hinweis gestossen, wonach eine Überdosierung von Colchicin tödlich sein könne. Dass das Pulver tödlich sein kann, war einfach ausserhalb seiner Vorstellungskraft, so der Verteidiger. Den Tod seiner Frau habe er nicht in Kauf genommen, der Eventualvorsatz sei daher nicht gegeben.

Der Beschuldigte sei folglich vom Vorwurf des Mordes und der vorsätzlichen Tötung freizusprechen und lediglich wegen fahrlässiger Tötung zu einer angemessenen Freiheitsstrafe zu verurteilen.

15:14

Intelligent und wenig emotional

Es folgt das letzte Plädoyer, jenes des Verteidigers des Angeklagten. Es sei bedauerlich, dass sich der Gesundheitszustand seines Klienten bis zur Verhandlung nicht verbessert habe, sodass sich die Befragung durch das Gericht nicht wie erhofft gestaltet habe, so der Verteidiger.

Sein Klient werde von seinem Umfeld als ruhig, freundlich, hilfsbereit und sehr intelligent beschrieben. Er sei aber auch introvertiert, wenig kommunikativ und wenig emotional.

14:48

6-fache tödliche Menge

Auch der Rechtsanwalt geht auf die Behauptung des Beschuldigten ein, der Verstorbenen nur einen Kaffeelöffelspitz Colchicin verabreicht zu haben. Bei der Blutmessung seien 216 mg/l gemessen worden – bereits ein Sechstel davon wäre tödlich. Für diese Menge seien zwischen 240 bis 480 Tabletten nötig. «Einen solchen Pulverhaufen brächte man nicht einmal in eine Suppenkelle.» Die Kaffeelöffelspitz-Version sei daher alles andere als glaubhaft.

14:41

«Er scheute keine Mühe»

Der Beschuldigte habe keine Mühe gescheut, um an das in der Schweiz nicht erhältliche Colchicin zu gelangen und seine Spuren zu verwischen. Beispielsweise habe er einen Tor Browser zwecks anonymen Surfens installiert. Das spreche gegen einen Affektunfall.

Weiter sei in Anbetracht seiner Intelligenz höchst unwahrscheinlich, dass er das Colchicin auf Vorschlag von Alibaba bestellt habe, offenbare doch bereits eine rudimentäre Internetrecherche das Todesrisiko dieses Stoffs.

14:29

«Vielleicht war es einfach ihre Zeit»

Der Anwalt liest aus einer SMS des Beschuldigten an ein befreundetes Ehepaar vor, wenige Tage nachdem seine Frau verstorben war. Sie sei «leider von uns gegangen», heisst es darin. Und: «Vielleicht war es einfach ihre Zeit. Ich werde sie trotzdem immer in positiver Erinnerung behalten.» Dies sei eine eher befremdende Reaktion eines Witwers.