Aktualisiert 07.05.2013 10:37

Alt BundesrätinFrau Dreifuss, warum probierten Sie Drogen?

Die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss erzählt im Interview, warum sie Drogen entkriminalisieren will und warum sie Halluzinogene ausprobiert hat.

von
S. Heusser / D. Pomper
Alt Bundesrätin Ruth Dreifuss hat im Rahmen eines Experimentes das Halluzinogen Psilocybin ausprobiert.

Alt Bundesrätin Ruth Dreifuss hat im Rahmen eines Experimentes das Halluzinogen Psilocybin ausprobiert.

Frau Dreifuss, Sie wollen den Drogenkonsum entkriminalisieren. Warum?

Ruth Dreifuss: Heute hat das organisierte Verbrechen die ganze Kette von der Drogenproduktion bis zum Strassendeal fest im Griff. Kämpfe um Territorien und Monopole schüren Gewalt und Korruption. Menschen werden systematisch von Substanzen abhängig gemacht, um die Profite zu sichern.

Doch viel schlimmer ist: Weil die Drogen oft im Untergrund konsumiert werden, sind die Gefahren für die Drogenkonsumenten um ein Vielfaches grösser. Der Drogenkonsum muss entkriminalisiert werden, um an die Menschen, die Hilfe brauchen, überhaupt heranzukommen. Die Frage ist, ob es möglich ist, dem internationalen Verbrechen diesen Markt zu entreissen, indem der Staat ihn reguliert. Davor aber müsste man sorgfältig entsprechende Modelle testen.

Was ist der Auslöser für Ihr Engagement?

In den schlimmsten Jahren, in denen Drogensüchtige verelendeten und starben und die Aids-Epidemie um sich griff, war ich verantwortlich für die Schweizer Drogenpolitik. Die offenen Szenen in Zürich und Bern waren unerträglich. Zwanzig Jahre später können wir feststellen, dass die schlimmsten sozialen und gesundheitlichen Folgen zwar stark zurückgegangen sind. Aber das Problem ist nicht gelöst, solange es von seinen kriminellen Nutzniessern unterhalten wird. Die Schweiz ist natürlich nicht das Land, das am schlimmsten darunter leidet. Denken wir nur an die zehntausende Opfer in Mexico, seitdem der Drogenkrieg ausgerufen wurde.

Befürworten Sie auch die Drogen-Legalisierung in der Schweiz?

Ja. Meine Erfahrungen der letzten zwanzig Jahren in der Schweizer Drogenpolitik bestärken mich darin. Wir haben im gesundheitlichen Bereich viel erreicht. Ein grosser Teil der Drogenabhängigen werden medizinisch betreut, es gibt viele verschiedene Therapien, dank denen Epidemien vermieden und Leben gerettet werden. Doch die Präventionsarbeit wird durch die Kriminalisierung erschwert. Die repressiven Massnahmen sollten sich darauf konzentrieren, das organisierte Verbrechen zu bekämpfen.

Es wird befürchtet, dass eine Drogenlegalisierung falsche Signale aussenden könnte und gesundheitliche Schäden für Jugendliche zur Folge hätte.

In den Ländern, in denen Drogen teilweise entkriminalisiert wurden, konnte man solche negativen Entwicklungen nicht feststellen. Neue Lösungsansätze sollten aber sehr sorgfältig geprüft werden.

Sie haben im Rahmen eines Experiments das Halluzinogen Psilocybin ausprobiert. Warum?

Ich war freiwilliges Versuchskaninchen in einem wissenschaftlichen Experiment. Es ging darum, psychiatrisches Leiden besser zu verstehen und es folglich besser zu behandeln. Als Sozialarbeiterin im Kontakt mit Geisteskranken wollte ich ihre Ängste und Kontaktschwierigkeiten besser verstehen lernen.

Hatten Sie keine Angst, abhängig zu werden?

Nein, obwohl mich diese einmalige Erfahrung auf die Verführungskraft der Drogen aufmerksam gemacht hat.

Würden Sie anderen Menschen einen kontrollierten Drogenversuch empfehlen?

Die wissenschaftlichen Versuche mit Psilocybin oder LSD, die in den 60er Jahren gemacht wurden, haben zu keinem der erwarteten Ergebnissen geführt. Die Versuche dagegen, die stattgefunden haben, bevor die kontrollierte Heroin-Verschreibung ins Betäubungsmittelgesetz aufgenommen wurde, waren sehr nützlich. Es hängt also vom Ziel, dem Forschungsprojekt sowie vom eigenen Gesundheitszustand ab, ob jemand als Probant kandidieren sollte oder eben nicht.

Dreifuss' Kampf gegen den Drogenkrieg

Nichts geringeres als den längsten Krieg des 20. Jahrhunderts will Altbundesrätin Ruth Dreifuss beenden: Den war on drugs. Der Kampf gegen die Drogen, den der US-Präsident Richard Nixon 1971 erklärte, habe verheerende Folgen für Menschen und Gesellschaften rund um den Globus. Ob der Drogenkrieg in Mexiko oder Hinrichtungen in Thailand – der Umfang des illegalen Drogenhandels, mit all seinen Konsequenzen, habe die Politik an einen Punkt der Verzweiflung gebracht.

«Man glaubt, mit Zwang und Verboten erreiche man eine Welt ohne Drogen und eine Menschheit ohne Sucht», sagt Dreifuss gegenüber der ZEIT. «Doch das funktioniert nicht.» Es gehe darum, anzuerkennen, dass das weltweite Drogenproblem kein Krieg sei, der gewonnen werden könne. Sie setzt sich jetzt mit der Weltkommission für Drogenpolitik für ein radikales Umdenken bei den politischen Entscheidungsträgern der Welt ein.

Millionen von Menschen in Gefängnissen

Die Kommission, in der neben Ruth Dreifuss unter anderem auch Kofi Annan, der Milliardär Sir Richard Branson, sowie ehemalige Präsidenten von Brasilien, Mexiko und Kolumbien sitzen, will dafür sorgen, dass Drogenkonsumenten nicht länger kriminalisiert werden. Staaten sollen versuchsweise den Drogenmarkt regulieren und damit die Macht des organisierten Verbrechens untergraben.

Während der vergangenen 40 Jahre, in denen versucht wurde, mittels Strafverfolgung den Drogenmarkt auszutrocknen, habe der illegale Drogenhandel drastisch zugenommen. Millionen von Menschen sässen in Gefängnissen, ohne dass damit die Verfügbarkeit von Drogen oder die Macht der kriminellen Organisationen eingeschränkt worden wäre, schreibt die Kommission. Dreifuss’ Ziel ist der nächste Drogen-Gipfel der UN im Jahr 2016. Dann sollen die Weichen für eine neue globale Drogenpolitk gestellt werden.

«Nein, es braucht mehr Polizei»

Der Drogenexperte Roger Zahner von der Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich ist seit Jahren mit den praktischen Ergebnissen unterschiedlicher Drogenpolitik-Vorgaben konfrontiert. Er findet Dreifuss’ Vorhaben gut: «Mit der Kriminalisierung der Konsumenten wurde nichts erreicht. Zum Teil verhindert die Illegalität die Präventionsarbeit. Eine Legalisierung wäre eine gute Sache». Auch die SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr stellt sich hinter die ehemalige Bundesrätin, die mit ihrer Arbeit gegen die Drogen in den 1990er Jahren einen starken Leistungsausweis erworben habe: «Man kommt dem Milliardengeschäft Drogenhandel nur bei, indem man den illegalen Markt zerstört.» Machthaber würden mit Drogen sehr viel Geld verdienen und hätten darum kein Interesse an einer Entkriminalisierung, ist die Gesundheitspolitikerin überzeugt.

Fehrs Kommissionskollege Jürg Stahl von der SVP will von einer Legalisierung nichts wissen: «Ein Staat muss Leitplanken aufstellen. Mit dem Verbot von Drogen schützen wir unsere Jugend vor gesundheitlichen Schäden.» Den Krieg gegen die Drogen nicht beenden, sondern sogar intensivieren will Max Hoffmann vom Verband Schweizer Polizeibeamten: «Wir sind gegen eine Liberalisierung des Drogenkonsums. Das wäre ein falsches Zeichen und ginge gegen den Volkswillen. Man sollte der Polizei zusätzliche Mittel zur Verfügung stellen um Personal einzustellen.» Einig sind sich alle befragten Personen darin, dass Dreifuss eine hohe Fachkompetenz mitbringe. Sogar der Umstand, dass sie selber im Rahmen eines Experimentes das Halluzinogen Psilocybin ausprobiert hatte, tue dem keinen Abbruch: «Das schmälert nicht ihre Glaubwürdigkeit», sagt SVP-Nationalrat Stahl.

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