26.06.2020 02:56

Rorschacherberg SG

Frau fragt auf Facebook nach überschüssiger Muttermilch

Eine Frau bittet auf Facebook andere Mütter um überschüssige Muttermilch. Grund dafür ist ihre Bekannte, die nicht natürlich stillen kann. Auch Anja Zeidler ist von dem Problem betroffen.

von
Jil Rietmann
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Anja Brunner hat auf Facebook einen Aufruf gestartet, in dem sie andere Mütter bittet, ihr überschüssige Muttermilch abzugeben.

Anja Brunner hat auf Facebook einen Aufruf gestartet, in dem sie andere Mütter bittet, ihr überschüssige Muttermilch abzugeben.

Foto: Privat
Weil ihre Kleine nicht aus der Flasche trinkt, sammelt sich die ungebrauchte Milch im Tiefkühler von Brunner. Deshalb habe sie ihre Milch auf der Facebook-Seite «Stillen Schweiz» angeboten.

Weil ihre Kleine nicht aus der Flasche trinkt, sammelt sich die ungebrauchte Milch im Tiefkühler von Brunner. Deshalb habe sie ihre Milch auf der Facebook-Seite «Stillen Schweiz» angeboten.

Foto: Privat
Es habe sich dann ein Mami gemeldet, die ihr Baby nicht selbst stillen kann.

Es habe sich dann ein Mami gemeldet, die ihr Baby nicht selbst stillen kann.

KEYSTONE

Darum gehts

  • Eine Mutter aus Rorschacherberg SG hat auf Facebook einen Aufruf gestartet, in dem sie andere Mütter um Muttermilch bittet.
  • Sie spendet einer anderen Mutter ihre überschüssige Milch, weil die Frau ihr Baby nicht selbst stillen kann.
  • In der Schweiz gibt es nur wenige offizielle Frauenmilchbanken. Zwei davon sind in der Ostschweiz.
  • Die überschüssige Milch wird im Ostschweizer Kinderspital ausschliesslich für Frühgeborene oder kranke Babys verwendet.
  • Gemäss einer Pflegefachfrau soll man sich gut erkundigen, bevor man die Muttermilch einer fremden Frau annimmt.

«14 Wochen nach der Geburt meiner Tochter ging ich wieder arbeiten. Es war geplant, meine Muttermilch an die Kita weiterzugeben, doch es stellte sich heraus, dass meine Kleine nicht aus der Flasche trinkt», erzählt Anja Brunner aus Rorschacherberg SG. Um im Zyklus zu bleiben, pumpt die 34-Jährige die Milch im Alltag ab. Diese sammle sich nun im Tiefkühler an. «Ich wusste nicht mehr, wohin damit.» Deshalb habe sie ihre Muttermilch auf der Facebook-Seite «Stillen Schweiz» angeboten. Sie sei kurz davor gewesen, die Milch wegzuwerfen, doch das wollte sie nicht. «Ich musste meine Eckdaten angeben, ob ich gesund bin oder Allergien habe», so die Mutter. Es habe sich dann tatsächlich ein Mami gemeldet, das an ihrer Milch interessiert war.

Die Frau könne stressbedingt keine eigene Muttermilch produzieren. Dazu kam, dass sie eine Stillberaterin gehabt habe, die ihr geraten hatte, auf Milchpulver umzusteigen. Das habe ihr Baby aber nicht vertragen. «Ich denke, sie hat sich damit abgefunden, ihr Kind nicht selbst an der Brust stillen zu können, aber sie will trotzdem das Beste für das Kleine, deshalb sucht sie sich auf diese Art und Weise Hilfe», sagt Brunner.

Sechs Mütter geben bereits Milch ab

Die verzweifelte Mutter erhalte bereits von sechs verschiedenen Frauen Muttermilch für ihr Baby. Das Problem sei, dass bei allen Frauen irgendwann die Milch ausgeht. Das dreieinhalb Monate alte Baby brauche aber mindestens noch einen weiteren Monat frische Muttermilch. Deshalb habe sich Brunner dazu entschlossen, auf einer Ostschweizer Facebook-Seite einen Aufruf zu starten. «Ich habe die schöne Möglichkeit, meine restliche Muttermilch einer Mama zu geben, die ihr Baby nicht selbst stillen kann. Wer hat noch restliche Muttermilch zu Hause, die nur Platz wegnimmt? Ein kleines Baby wäre froh», schreibt sie. Dass ein fremdes Baby ihre Muttermilch zu sich nimmt, findet Brunner überhaupt nicht komisch. «Mir ist es egal, welches Kind meine Milch trinkt. Abstammung oder Geschlecht spielen mir überhaupt keine Rolle, Hauptsache, ich kann helfen», sagt sie. Und das tut sie auch dem Mami, das immer aus der Innerschweiz in den Rorschacherberg reist, um ihrem Baby Muttermilch geben zu können.

Bis jetzt habe sich noch kein Mami gemeldet, um ihre Milch abzugeben. Sie habe aber reichlich Likes auf ihren Post bekommen. «Ich finde es traurig, dass es für Mütter, die nicht stillen können, keine Anlaufstelle gibt, wo sie sich melden können», sagt Brunner.

Zwei Frauenmilchbanken in der Ostschweiz

Gemäss Pflegefachfrau und Still- und Laktationsberaterin Claudia Piccolotto aus dem Ostschweizer Kinderspital in St. Gallen gibt es acht offizielle Frauenmilchbanken in der Schweiz. Diese seien an Kliniken angeschlossen, die extrem frühgeborene Kinder behandeln. In St. Gallen gibt es zwei Milchbanken, eine im Ostschweizer Kinderspital und eine auf der Neonatologie der Frauenklinik am Kantonsspital St. Gallen. Ausser der Frauenmilchbank an der Universitätsklinik nehme man aber keine Milch von externen Frauen an.

Die gespendete Frauenmilch wird im Ostschweizer Kinderspital ausschliesslich für frühgeborene oder kranke Kinder verwendet. «Frauen, die ihre Kinder zu früh geboren haben, müssen anfangs noch abpumpen, weil die Kinder noch zu klein sind, um gestillt zu werden», sagt Piccolotto. Falls es dann einen Milchüberschuss gebe, werde diese Milch von den Frauen oft für eine Spende zur Verfügung gestellt. Im Ostschweizer Kinderspital wird die abgepumpte Milch pasteurisiert und somit keimfrei gemacht, die Spenderin mittels Blutentnahme auf Infektionskrankheiten abgeklärt und die Muttermilch bakteriologisch untersucht. Die Spendermilch kann sechs Monate im Tiefkühler gelagert und gebraucht werden.

Die Still- und Laktationsberaterin weist ausdrücklich darauf hin, dass Frauen, die ihre Kinder nicht natürlich stillen können, gut über die Risiken informiert werden müssen, wenn sie die Muttermilch einer fremden Frau annehmen möchten. «Es kann gefährlich für das Kind werden, wenn man nicht weiss, ob die Frau gesund ist», so Piccolotto. Man müsse den gesundheitlichen Zustand der Mutter abklären, ob die Spenderin raucht oder Medikamente einnimmt. Weiter gilt es sicherzustellen, dass die Milch nicht bakteriell belastet ist und sie hygienisch einwandfrei aufbewahrt wurde.

Anja Zeidler hat zu wenig Milch

Auch Selflove-Influencerin Anja Zeidler kann ihre Tochter Jela nur bedingt stillen. Mitte März offenbarte sie ihre Still-Probleme auf Instagram. Am Anfang habe es auch bei ihr ganz normal geklappt, sie hatte sogar einen grossen Milcheinschuss, dass es während des Stillens bei der anderen Brust nur so runterlief. «Es schien, als laufe meine Milch endlos», so Zeidler. Doch Jela nahm mit der Zeit viel zu wenig an Gewicht zu. Das Baby brauchte nicht selten drei Stunden an der Brust. Schliesslich gab ihr ihre Hebamme den Rat, auf Zusatznahrung umzusteigen. «Das brach mir das Herz.» Sie sei auch enttäuscht gewesen von sich selbst. Inzwischen setzt auch Zeidler auf Spendermilch einer Kollegin, wie es im «Blick» heisst. Diese habe selbst ein Baby im ähnlichen Alter.

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23 Kommentare
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eva

26.06.2020, 06:14

es gibt sicher Frauen die Arbeiten MÜSSEN,aber es gibt auch leider Frauen/Paare die auf nichts verzichten WOLLEN! da liegt der Unterschied!habe 2kinder mit nur einem Gehalt aufgezogen und dementsprechend auf vieles verzichtet! würde es wieder so machen !und kommt mir bitte nicht mit dem Spruch ES WAREN ANDERE ZEITEN!! übrigens der Beruf meines Mannes:einfacher Handwerker!es geht wenn man WILL!alles andere sind ausreden!

Unnötig

26.06.2020, 06:10

Stressbedingt kann sie keine Milch produzieren? Aber ein Kind in dieser stressigen Zeit zu produzieren war dringend nötig?

Jolly

26.06.2020, 05:55

Merkt Euch: Frauen und Mütter müssen immer und überall unterstützt werden und dem Mann gegenüber klar Bevorzugt oder il Vorteil sein! Alles andere ist ja "sexistisch" oder sonst was.....