«Grenzt an Selbstjustiz» – Frau prangert Bruder mit Brief an Nachbarn als pädophil an
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«Grenzt an Selbstjustiz» Frau prangert Bruder mit Brief an Nachbarn als pädophil an

Um Nachbarn vor ihrem angeblich pädophilen Bruder zu warnen, schrieb eine Frau Briefe an sein ganzes Quartier. Das grenze an Selbstjustiz, sagt die Kantonspolizei Aargau.

von
Joel Probst
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Ein Brief von Helen W. (im Bild) sorgt in Hägglingen AG für Aufregung.

Ein Brief von Helen W. (im Bild) sorgt in Hägglingen AG für Aufregung.

Screenshot: Tele M1
Im Brief warnt sie vor ihrem Bruder, der erst vor wenigen Monaten in das Aargauer Dorf gezogen ist.

Im Brief warnt sie vor ihrem Bruder, der erst vor wenigen Monaten in das Aargauer Dorf gezogen ist.

Screenshot: Tele M1
Ihr Schreiben schickte sie an das ganze Quartier ihres Bruders.

Ihr Schreiben schickte sie an das ganze Quartier ihres Bruders.

Screenshot: Tele M1

Darum gehts

  • Helen W. warnte in einem Brief vor ihrem angeblich pädophilen Bruder.

  • Diesen schickte sie an sein ganzes Quartier; seither herrscht in Hägglingen AG Aufruhr.

  • Die Kantonspolizei hat Kenntnis vom Brief und kritisiert das Vorgehen von W.

Die Dorfbewohnerinnen und -bewohner von Hägglingen AG sind in Aufruhr. Grund für die Aufregung ist der Inhalt eines Briefes, der in den letzten Tagen in den Briefkästen eines ganzen Quartiers gelandet ist. Darin warnt Helen W. vor ihrem Bruder, der erst vor wenigen Monaten in das Aargauer Dorf gezogen ist. Sie beschuldigt ihren Bruder im Brief an seine Nachbarn und Nachbarinnen der Pädophilie und wirft ihm vor, er habe bereits mehrfach Kinder sexuell missbraucht.

«Es geht mir in erster Linie darum, dass es endlich aufhört, dass mein Bruder nicht noch mehr Leid zufügen kann», sagt Helen W. gegenüber «Tele M1». Wie W. sagt, sei sie in jungen Jahren selbst Opfer von sexualisierter Gewalt ihres Bruders geworden – laut W. genauso wie andere Kinder aus dem Umfeld ihres Bruders. Gemäss ihren eigenen Angaben liegen «Tele M1» die Akten des Strafverfahrens gegen den Bruder von W. wegen der mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern vor. Das Verfahren sei allerdings wegen Verjährung eingestellt worden.

Kapo: «Grenzt an Selbstjustiz»

Die Kantonspolizei Aargau hat Kenntnis vom Warnbrief von Helen W. «Es sind schwere Vorwürfe, die hier im Raum stehen. Wir gehen dem logischerweise nach», sagt Sprecherin Aline Rey. Sie betont allerdings: «Schliesslich gilt die Unschuldsvermutung.» Das Vorgehen von W. kritisiert die Polizistin: «Es grenzt schon ein wenig an Selbstjustiz, was wir kategorisch ablehnen.»

Auch R. W., der Bruder von Helen W., äussert sich gegenüber «Tele M1» zum Brief: «Ich möchte meine Schwester und die Allgemeinheit bitten, gebt mir eine Chance, um noch zu leben.» Wer eine Frage habe, solle auf ihn direkt zukommen und nicht hintenrum reden. Sein Umzug nach Hägglingen sollte laut «Tele M1» ein Neuanfang für R.W. werden.

W. bereut Brief nicht

Helen W. sagt, sie wolle ihrem Bruder keine Steine in den Weg legen und habe sogar ein Gespräch mit ihm geführt. Ihr Schreiben bereue sie allerdings nicht: «Zum ersten Mal seit sehr, sehr langer Zeit hatte ich das Gefühl, ich habe das Richtige getan», so W.

Bist du minderjährig und von sexualisierter Gewalt betroffen? Oder kennst du ein Kind, das sexualisierte Gewalt erlebt?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Kokon, Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene

Castagna, Beratungsstelle bei sexueller Gewalt im Kindes- und Jugendalter

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Bist du selbst pädophil und möchtest nicht straffällig werden? Hilfe erhältst du bei Forio und bei den UPK Basel.

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