15.07.2020 09:31

#LoveIsNotTourism

«Frau Sommaruga muss uns jetzt helfen»

Der Hashtag #LoveIsNotTourism trendet auf Twitter. Auch Schweizer sind seit Monaten von der Freundin oder dem Freund getrennt. Jetzt kämpfen sie dafür, dass Partner aus Drittstaaten wieder einreisen dürfen.

von
Daniel Waldmeier, Helena Müller

Alexandra Hoffmann hat ihren US-Freund seit über 130 Tagen nicht mehr gesehen. (Video: Helena Müller)

Darum gehts

  • Manche binationale Paare können sich seit Monaten nicht sehen.
  • Sie fordern in den sozialen Netzwerken eine Lockerung des Einreiseregimes für Drittstaaten.
  • Betroffene erzählen, was die Trennung für sie bedeutet.

Liebe ist nicht Tourismus – unter diesem Motto kämpfen Paare, die Tausende Kilometer auseinanderwohnen, für eine Lockerung der Einreisebeschränkungen. Die Betroffenen schmücken ihre Profile mit Emojis der Flaggen der beiden Herkunftsländer sowie einem Herz.

Auf Twitter fordern sie die EU-Kommission und die Schweizer Regierung auf, die Corona-Einreisebeschränkungen für unverheiratete Paare ausserhalb des Schengenraumes zu lockern. Beispielsweise können US-Amerikaner oder Bürger südmerikanischer Länder wie Brasilien oder Kolumbien derzeit nicht in die Schweiz einreisen, um ihre Partnerin oder den Partner zu besuchen – es sei denn, sie hätten gemeinsame Kinder.

Drei europäische Länder machen Ausnahme

Ausnahmen für unverheiratete Paare haben bereits Dänemark, Norwegen sowie Österreich beschlossen. In der Schweiz solidarisieren sich jetzt linke und grünliberale und freisinnige Politiker mit der Bewegung. So schreibt Grünen-Präsident Balthasar Glättli auf seinem Blog: «Die Kampagne #LoveIsNotTourism berührt mich. Ich habe mich mit dem Staatssekretariat für Migration in Verbindung gesetzt und darum gebeten, raschmöglichst abzuklären, wie auch in der Schweiz solche Ausnahmeregeln in Kraft gesetzt werden können.»

Unterstützung erhält die Bewegung auch von Matthias Egger, dem Leiter der wissenschaftlichen Covid-Taskforce des Bundes. Er schreibt auf Twitter, das Ansteckungsrisiko sei minimal, wenn die Betroffenen für 14 Tage in Quarantäne gingen.

Doch wie ergeht es den Betroffenen selbst? 20 Minuten hat Schweizer in einer binationalen Beziehung befragt.

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Nora Diggelmann (29) wohnt in Bern, ihr Freund Omar (38) in Los Angeles. Die beiden lernten sich 2016 kennen, seit eineinhalb Jahren sind sie ein Paar. «Unsere Liebe ist stärker als jegliche geschlossenen Grenzen, aber wir brauchen Lösungen», sagt Diggelmann.

Nora Diggelmann (29) wohnt in Bern, ihr Freund Omar (38) in Los Angeles. Die beiden lernten sich 2016 kennen, seit eineinhalb Jahren sind sie ein Paar. «Unsere Liebe ist stärker als jegliche geschlossenen Grenzen, aber wir brauchen Lösungen», sagt Diggelmann.

zvg
Ebenfalls getrennt: Anne aus der Schweiz und ihr Partner Rodrigo aus Mexiko.

Ebenfalls getrennt: Anne aus der Schweiz und ihr Partner Rodrigo aus Mexiko.

zvg
Andrea kommt aus Altstetten, Jeff aus Richmond im US-Bundesstaat Virginia. Die beiden sahen sich zuletzt im Januar dieses Jahres. «Noch nie fühlte ich mich so hilflos und verloren wie im Sumpf der Corona-Pandemie. Ich wünschte mir, die Politiker würden sich ein Leben ohne ihre Frauen oder Partnerinnen vorstellen», sagt Jeff.

Andrea kommt aus Altstetten, Jeff aus Richmond im US-Bundesstaat Virginia. Die beiden sahen sich zuletzt im Januar dieses Jahres. «Noch nie fühlte ich mich so hilflos und verloren wie im Sumpf der Corona-Pandemie. Ich wünschte mir, die Politiker würden sich ein Leben ohne ihre Frauen oder Partnerinnen vorstellen», sagt Jeff.

zvg

«Keine unverbesserlichen Romantiker»

Solange Collet (31) hat ihren kolumbianischen Freund Ende Februar zum letzten Mal gesehen – kurz vor dem Lockdown. Seither hat sie keine Chance mehr, Diego zu treffen. Zusammengekommen sind die beiden im vergangenen Oktober bei einer Wanderung, als Solange während zweieinhalb Monaten Südamerika bereiste. Die lange Zeit der Trennung sei wahnsinnig hart, sagt Collet: «Das Schlimmste ist die fehlende Planungssicherheit. Wenn wir Pech haben, können wir uns noch Monate nicht sehen. Das schlägt aufs Gemüt.» Sie würden häufig telefonieren oder skypen, ansonsten lenke sie sich durch die Arbeit ab.

Dank der Bewegung #LoveIsNotTourism schöpft Collet jetzt neue Hoffnung. Mit 60 bis 70 weiteren Betroffenen aus der Schweiz tauscht sie sich über Facebook oder Whatsapp aus. «Wir sind nicht allein und auch keine unverbesserlichen Romantiker, sondern wollen einfach auch unsere Liebsten sehen. Manche sind so verzweifelt, dass sie ein Einreisegesuch zwecks Vorbereitung einer Hochzeit gestellt haben.» Das könne aber nicht die Lösung sein, sagt Collet. Sie hofft, dass die EU die Liebespaare bald erhört und Partner aus Drittstaaten wieder einreisen lässt. «Dänemark oder Österreich machen es vor. Frau Sommaruga muss sich jetzt für uns einsetzen.»

Solange Collet und Diego.

Solange Collet und Diego.

zvg

«Wir geben nicht auf»

Kennen gelernt haben sich Alexandra Hoffmann (30) und ihr Freund aus Florida, der in Boston studiert, im März 2019 in London. Aus dem Bumble Date wuchsen schnell echte Gefühle, wie sie im Video oben erzählt. Das letzte Mal konnte die Basler Musical-Darstellerin ihren Freund vor 137 Tagen in den USA umarmen. «Damals sprach dort noch niemand von Corona. Kurze Zeit nach dem Rückflug liess US-Präsident Donald Trump Reisende aus Europa nicht mehr ins Land.»

Dabei hatte Alexandra Hoffmann bereits ein Praktikum in den USA. Die Pläne vom gemeinsamen Leben seien von einem Tag auf den anderen über den Haufen geworfen worden. «Man weint viel. Aber das tut gut.» Mit jedem weiteren Tag des Wartens wachse die Sehnsucht. «Wir geben aber nicht auf, komme, was wolle.» Ein Treffen in London wäre zwar möglich, da US-Bürger dort einreisen dürfen, wenn sie für zwei Wochen in Quarantäne gehen. «Flüge und Hotel gehen aber ins Geld, zudem wollen wir keine Ferien machen, sondern ein normales Leben führen.»

Das Paar hat sogar angefangen – ganz altmodisch –, Liebesbriefe zu schreiben. «Ich hoffe, dass wir sie irgendwann zusammen lesen.»

«Wir gehen in Quarantäne»

Nathan (27) aus dem Kanton Bern ist seit rund einem Jahr mit der Hawaiianerin Marina (21) zusammen. Kennen gelernt haben sie sich, als der Schweizer eine Missionsschule auf der Insel besuchte. «Ich bin Ende März nach Hause geflogen, da die Schule abgebrochen wurde und der Bundesrat die Schweizer Bürger zur Heimkehr ermutigte. Damals hätte ich nie gedacht, dass ich Marina so lange nicht sehen werde.» Nathan leistete dann Zivildienst und nahm einen Temporärjob an.

«Natürlich macht man sich in dieser Phase Gedanken, ob sich der Kampf lohnt», sagt Nathan. «Das Schwierigste ist, dass man nie weiss, wie lange der Zustand noch dauert. Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle.» Aus Facebook-Gruppen wisse er, dass die Situation einigen Betroffenen so stark zusetze, dass sie mit psychischen Problemen zu kämpfen hätten. Aus epidemiologischer Sicht spreche aber nichts gegen eine Ausnahme für unverheiratete Paare: «Wir würden gerne einen Test machen oder zwei Wochen in Quarantäne gehen.»

Marina und Nathan führen eine Beziehung über die maximale Distanz.

Marina und Nathan führen eine Beziehung über die maximale Distanz.

Lockerung ab 20. Juli geplant

Die Schweiz plant weitere Grenzöffnungen per 20. Juli. So sollen etwa Australien, Japan, Kanada, Kroatien, Rumänien oder Thailand von der Liste der Risikoländer gestrichen werden. Der EU-Rat hatte empfohlen, die Einreisebeschränkungen für 15 Länder zu lockern.

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302 Kommentare
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Aha

15.07.2020, 13:29

Drum prüfe sich, wer ewig bindet, dass sich Herz zu Herzen findet..... Bleibt noch ein bisschen länger getrennt :).

So so

15.07.2020, 13:04

So so ! Und ich wurde damals von meinem Ex Freund belogen und betrogen und hintergangen und bin damals noch für ihn durch die Hölle gegangen und wer hilft mir dann nun jetzt??!!

Punkt

15.07.2020, 12:48

Wenn wir nicht raus dürfen, dürfen andere auch nicht rein.