Stadt Zürich: Frau sucht neue Wohnung mit Hilfe von Kinowerbung

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Stadt ZürichFrau sucht neue Wohnung mit Hilfe von Kinowerbung

Weil es schwierig ist, in Zürich eine bezahlbare Wohnung zu finden, greifen manche zu ungewöhnlichen Mitteln. Oder sie müssen dem Vormieter für viel Geld Möbel abkaufen.

von
rom
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Mit dieser Werbung auf Zürcher Kinoleinwänden hofft Frau Reinhard auf eine bezahlbare Wohnung.

Mit dieser Werbung auf Zürcher Kinoleinwänden hofft Frau Reinhard auf eine bezahlbare Wohnung.

Gigantische Schlange von Wohnungssuchenden bei der Besichtigung einer Musterwohnung der Wohnungssiedlung Kronenwiese im Zuercher Quartier Unterstrass  am Freitag, 3. Juni 2016. Auf der Kronenwiese erstellt die Stadt bis Ende 2016 ihre bisher juengste Wohnsiedlung. Im Bau sind insgesamt 99 2?- bis 5?-Zimmer-Wohnungen sowie sechs Geschaeftsraeume. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Gigantische Schlange von Wohnungssuchenden bei der Besichtigung einer Musterwohnung der Wohnungssiedlung Kronenwiese im Zuercher Quartier Unterstrass am Freitag, 3. Juni 2016. Auf der Kronenwiese erstellt die Stadt bis Ende 2016 ihre bisher juengste Wohnsiedlung. Im Bau sind insgesamt 99 2?- bis 5?-Zimmer-Wohnungen sowie sechs Geschaeftsraeume. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Keystone/Walter Bieri

«Frau Reinhard sucht eine neue Bleibe! Sie vermieten 65 m2 und mehr? Ich schicke Ihnen gern meine Doku: 65undmehr@gmail.com.» Ein Inserat mit diesem Text und einer hübschen Zeichnung flimmert dieser Tage im Arthouse-Kino Le Paris und im Riffraff während des Werbeblocks vor dem Film über die Leinwand.

Das Ganze ist kein Jux, sondern ernst gemeint. «Ich brauche auf Anfang Oktober dringend etwas und suche seit Monaten erfolglos nach einer neuen Bleibe», sagt die Frau zu 20 Minuten. Als Kino-affine Person sei ihr die Idee mit diesem Inserat gekommen, und dafür habe sie ein paar Hundert Franken in die Hand genommen. «Vielleicht spricht es per Zufall die richtige Person an.»

«Ich gehe sehr ungern»

Der Umzug geschieht nicht freiwillig. Das Haus im Kreis 4, in dem die Frau wohnt, wird totalsaniert. «Ich gehe sehr ungern. Das Parkett ist zwar löchrig und die Küche stammt aus den 1980er-Jahren, aber meine Altbau-Wohnung hat wahnsinnig viel Charme», sagt sie. Vor allem aber bezahle sie für die 2,5 Zimmer auf 75 Quadratmetern nur 1400 Franken.

Weil sie aus beruflichen Gründen nicht zu weit weg vom HB wohnen möchte, suche sie in den umliegenden Stadtkreisen nach einer neuen Wohnung. «Ich bin auch bereit bis zu 2000 Franken monatlich zu bezahlen für die neue Wohnung – trotzdem hatte ich auf dem freien Markt bis jetzt kein Glück.»

150 Formulare in 10 Minuten weg

Kürzlich sei beispielsweise eine 2,5-Zimmer-Wohnung für 1650 Franken in der Nähe ihrer jetzigen Wohnung ausgeschrieben gewesen. «Eine halbe Stunde vor dem Besichtigungstermin war ich dort und die Warteschlange war bereits riesig», sagt sie. Die 150 Anmeldeformulare waren innerhalb von zehn Minuten weg. «Ich habe zwar noch eines ergattert und der Verwaltung zudem einen herzerweichenden, handgeschriebenen Brief geschickt – aber ohne Erfolg.»

Mehr Glück habe eine Nachbarin von ihr gehabt. «Sie fand nun eine bezahlbare Wohnung», sagt die Frau. Allerdings auch nur, weil der aktuelle Wohnungsmieter sie dazu verdonnert hat, 3000 Franken für die Übernahme diverser Möbel zu bezahlen. Notabene Möbel, die sie gar nicht gebrauchen konnte. «Wäre die Nachbarin nicht darauf eingestiegen, hätte der jetzige Mieter sie nicht empfohlen und die Wohnung wäre weg gewesen.»

Laut Mieterverband eine «Sauerei»

Ein solches Vorgehen des Vormieters bezeichnet Walter Angst, Sprecher des Zürcher Mieterverbandes, als «Sauerei». Es grenze an unlauteren Wettbewerb. «Besser wäre es, gar nicht auf so etwas einzusteigen», sagt er. Der Mieterverband wisse zwar von solchen «unsittlichen Geschichten», es komme aber zum Glück selten vor.

Die Idee mit dem Kino-Inserat findet Angst sympathisch und kreativ: «Klar ist es keine Lösung für jeden. Würden dies alle tun, wäre die Wirkung verpufft.» Nach wie vor sei ein gutes Netzwerk bei der Wohnungssuche das A und O. «Aber wenn dies erschöpft ist, muss man zu anderen Mitteln greifen.» Dazu gehörten mittlerweile Flugblätter, ja sogar ganze Bewerbungsdossiers oder eben dieses Inserat.

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