Ungewollte Nacktbilder - «Frauen behandeln mich, als wäre ich ein triebhaftes, schwanzgesteuertes Wesen»
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Ungewollte Nacktbilder«Frauen behandeln mich, als wäre ich ein triebhaftes, schwanzgesteuertes Wesen»

Auch Männer erhalten ungefragt Nacktbilder von Frauen – als erotischen Anreiz oder als Bezahlmethode. Manche empfinden das als sexuelle Belästigung. Wir haben mit betroffenen Lesern gesprochen.

von
Deborah Gonzalez
Zora Schaad
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Dass Frauen oft ungewollt Dickpics zugeschickt bekommen, ist längst kein Tabuthema mehr. Dass aber auch Frauen aus dem Nichts Nacktbilder verschicken und Männer sich davon belästigt fühlen, wird kaum thematisiert. (Symbolbild)

Dass Frauen oft ungewollt Dickpics zugeschickt bekommen, ist längst kein Tabuthema mehr. Dass aber auch Frauen aus dem Nichts Nacktbilder verschicken und Männer sich davon belästigt fühlen, wird kaum thematisiert. (Symbolbild)

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Ob als erotischer Anreiz oder als Bezahlmethode: Manche empfinden das ungebetene Versenden von Nudes als sexuelle Belästigung. Wir haben mit betroffenen Lesern gesprochen.

Ob als erotischer Anreiz oder als Bezahlmethode: Manche empfinden das ungebetene Versenden von Nudes als sexuelle Belästigung. Wir haben mit betroffenen Lesern gesprochen.

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Gürkan ist einer von ihnen. Seine ehemals beste Freundin hat ihm ungefragt Nacktbilder geschickt. Die Freundschaft ist daran zerbrochen.

Gürkan ist einer von ihnen. Seine ehemals beste Freundin hat ihm ungefragt Nacktbilder geschickt. Die Freundschaft ist daran zerbrochen.

Privat

Darum gehts

  • Nicht nur Männer verschicken Nacktbilder. Auch Frauen fotografieren sich gerne entblösst und lassen die Fotos den Männern zukommen – manche ungefragt.

  • Die männliche 20-Minuten-Community erzählt, wie es für sie war, als sie ungewollte Nacktbilder von Frauen erhalten haben.

  • Manche Frauen schicken Nudes um den Empfänger zu erregen, andere wollen ihre Fotos als Zahlungsmethode nutzen.

  • Das kommt nicht gut an: Einige Männer fühlen sich von den Frauen als Objekt behandelt und betrachten die Bilder als sexuelle Belästigung.

Als Gürkan (27) seine Whatsapp-Benachrichtigung auf dem Handy mit einem Wisch öffnet, traut er seinen Augen kaum: Ein Bild eines nackten Hinterns ploppt in einem der Chats auf. Einfach so, aus dem Nichts. Ein Blick auf den Namen der Verfasserin der Nachricht zeigt, dass sie kein Flirt oder Freundin mit gewissen Vorzügen ist. Es ist seine beste Freundin, die ihm Nacktbilder schickt – ohne, dass der Solothurner sie darum gebeten hat. Gürkan möchte die Bilder nicht sehen: «Ich wollte nie wissen, wie meine beste Freundin nackt aussieht!», sagt er.

Kaum ein Wort wird darüber verloren, im Internet wird vergeblich danach gesucht. Doch es gibt auch sie: Männer, die wie Gürkan ungewollt anzügliche Bilder von Frauen erhalten. Frauen, die sich durch Dickpics sexuell belästigt fühlen, äussern sich immer wieder in den (sozialen) Medien – während Männer auffallend still sind. Kaum jemand spricht darüber, wie es ist, im Postfach ungewollt auf Bilder von Brüsten, Pos und Vulvas zu stossen.

«Einfach so Nacktbilder zu erhalten, ist nicht schön»

Gürkan hat ungewollt Nacktbilder von seiner ehemaligen besten Freundin erhalten.

Gürkan hat ungewollt Nacktbilder von seiner ehemaligen besten Freundin erhalten.

Privat

«Vor fünf Jahren hat sie mir zum ersten Mal ein Nacktbild per Whatsapp geschickt. Es fing alles harmlos an. Sie hatte mich gefragt, was ich so mache. Dann kam plötzlich ein Bild von ihr – sie war nackt, aber nur seitlich zu sehen, lediglich ihr entblösster Po war gut erkennbar. Es war nicht allzu obszön, aber ich fühlte mich trotzdem komisch. Also dachte ich, ich ignoriere das Bild einfach. Sie hatte sich bestimmt vertan und es der falschen Person geschickt, dachte ich. Schliesslich hatten wir nie geflirtet oder in irgendeiner Weise sexuellen Kontakt gehabt – anders konnte ich mir das nicht erklären.»

Bis dahin seien Gürkan und sie sehr gute Freunde gewesen und hätten auch mit der Familie des jeweils anderen ein gutes Verhältnis gepflegt. Dass sie nun plötzlich auf eine flirty Ebene gewechselt habe, habe Gürkan schockiert.

«Nachdem ich nicht reagiert hatte, schickte sie ein weiteres Bild. Auf diesem sah man alles! Ich konfrontierte sie damit und fragte, was das solle. Von ihr kam nur: ‹Gefällt es dir nicht?› Darum ging es aber nicht und das sagte ich ihr auch. Sie sei eine gute Freundin, mehr aber auch nicht. Sie entspricht nicht mal meinem Typ. Also habe ich ihr angeboten, das Ganze zu vergessen und es niemandem zu sagen.»

Trotzdem sei die Freundschaft daran zerbrochen, wie Gürkan erzählt. Der Kontakt sei immer weniger geworden, bis die beiden gar nicht mehr miteinander geschrieben haben. «Es ist sehr schade um die Freundschaft, aber irgendwie war auch klar, dass es soweit kommen würde. Eine Abfuhr ist nie schön. Genauso wenig schön ist es aber, einfach so Nacktbilder geschickt zu bekommen.»

«Mindestens einmal pro Woche erhalte ich Bilder von Frauen in eindeutiger Pose»

Auch Noel* kennt das Problem mit den ungewollten Nacktbildern. Früher haben die ungefragt zugesandten Bilder dem Zürcher geschmeichelt. Doch heute ist Noel vergeben und möchte keine Nudes von anderen Frauen sehen – trotzdem bekommt er wöchentlich welche zugeschickt:

«Ich weiss nicht, ob es damit zusammenhängt, aber vielleicht ja schon: Ich bin beruflich recht erfolgreich, verdiene gut. Und ich war schon immer ein Frauenschwarm. Es gab Phasen in meinem Leben, in denen ich das ausgenutzt habe. Aber heute interessiert es mich nicht mehr. Ich habe eine Freundin und zwei Kinder, ich bin glücklich. Trotzdem erhalte ich mindestens einmal pro Woche ein Bild einer Frau in anzüglicher Pose. Es sind ehemalige Arbeitskolleginnen, Nachbarinnen oder verflossene Affären, die mir sexy Selfies schicken. Und das, ohne dass ich mit ihnen etwas am Laufen habe oder mit ihnen flirten würde.»

Die Bilder, die er auf seinem Handy zeigt, sind eindeutig. Auf einem Bild räkelt sich eine auf dem Sofa, blickt mit halb geöffnetem Mund verführerisch in die Kamera. Eine andere schickte Boobiepics, also Bilder, auf denen ausser ihrem blanken Busen nicht viel zu sehen war. Auch Ganzkörper-Nudes erhalte er immer wieder ungefragt. «Letzte Woche habe ich ein Foto gekriegt, auf dem eine Bekannte mir ihr nacktes Hinterteil präsentierte – total aus dem Nichts. Ich habe sie gefragt, warum sie das tue. Ihre Antwort: ‹Einfach so, weil ich es wollte.›»

Die Diskussion um die sexuelle Belästigung, die Frauen durch ungewollt zugesandte Dickpics erfahren, habe ihn aufgerüttelt: «Was mir passiert, ist genau dasselbe. Ich will diese Geschlechtsteile nicht sehen, trotzdem sind meine Messenger voll davon. Die Frauen behandeln mich, als wäre ich ein triebhaftes, schwanzgesteuertes Wesen, das sofort in alles einwilligt, wenn sie mir nur ihre Brüste zeigen. Das nervt und verletzt mich – und auch meine Freundin findet es alles andere als cool.» Dass Frauen gegen die Absender von Dickpics vermehrt Anzeige erstatten, findet Noel gut. «Ich wünsche mir aber, dass öffentlich anerkannt wird, dass auch Männer Opfer sein können.»

Das ungefragte Zusenden der Bilder fällt unter Pornografietatbestand

Jolanda Spiess-Hegglin, die sich als Aktivistin gegen Hetze im Internet einsetzt, hat vor wenigen Monaten den ersten Schweizer Anzeige-Generator lanciert. Das Tool, mit dem Empfängerinnen von Dickpics innert 60 Sekunden eine Anzeige erstellen können, trifft einen Nerv. «Die meisten Opfer von sexueller Belästigung durch ungewollt zugeschickte Bilder sind Frauen. Bei unserem Anzeigengenerator #NetzPigCock sind Männer aber durchaus mitgemeint, auch sie können unser Tool nutzen, müssen dann einfach den Text ein bisschen anpassen.»

Wichtig sei, dass den Leuten klar werde, dass das ungefragte Zusenden solcher Bilder unter den Pornografietatbestand von Artikel 197, Absatz 2, des Schweizerischen Strafgesetzbuchs falle und somit verboten sei. «Betroffene Männer können sich gerne ebenfalls an mich wenden, falls sie Hilfe bei einem Strafantrag brauchen», so die Zugerin. Auch wenn es derzeit nicht ihre oberste Priorität ist: «Ich kann mir vorstellen, #NetzPigCock mittelfristig so umzugestalten, dass sich alle Gender angesprochen fühlen.»

«Frauen haben versucht, mit den Nudes ihr Tattoo zahlen zu können»

Die Frauen, die Gürkan und Noel Bilder geschickt haben, hatten den Männern gegenüber wahrscheinlich romantische Gefühle. Es gibt aber auch Frauen, die sich selbst nackt fotografieren und damit ein ganz anderes Ziel verfolgen. «Ich bin Tätowierer und es ist schon einige Male vorgekommen, dass Frauen mir Nacktbilder geschickt haben, um damit Tattoos oder Skizzen zu bezahlen», sagt etwa Leser Mark*.

Unabhängig davon, ob ihm die Bilder gefallen, empört er sich über dieses Verhalten: «Es nagt an mir, wenn die Frauen denken, dass ich mich damit zufrieden geben könnte. Schliesslich leiste ich meine Arbeit und versuche, immer fair zu bleiben. Deshalb sollte die Gegenseite genauso fair sein und nicht versuchen, mich mit erotischen Bildern abzuspeisen.»

*Name und einige Angaben geändert

«Ungewollt Nacktbilder zu erhalten ist sexuelle Belästigung!»

David Aebischer, Berater vom Männerbüro mit Einzugsgebiet Mittelland.

David Aebischer, Berater vom Männerbüro mit Einzugsgebiet Mittelland.

Privat

Herr Aebischer, kann man in den geschilderten Fällen von sexueller Belästigung sprechen?

Ja, auf jeden Fall! Sobald man intime Bilder ohne Einwilligung erhält, ist es eine Belästigung – dabei ist es egal, ob diese von einer Frau oder einem Mann stammen.

Das Männerbüro dient als Anlaufstelle für Männer, die mit verschiedenen Problemen zu kämpfen haben. Gehören ungewollte Nacktbilder dazu?

Ich weiss, dass es das gibt, und zwar mehr als man denkt, aber wir haben wenig Erfahrung damit. Es ist noch niemand mit diesem Anliegen zu uns gekommen.

Woran könnte das liegen?

Das Thema ist noch immer tabu. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung herrscht die Vorstellung vor, dass Männer sich solche sexy Bilder gerne ansehen – dass sie sich dabei auch schlecht fühlen können, daran denken die wenigsten. Auch Stolz und Scham spielen eine grosse Rolle. Der Mann denkt, dass er der starke Part ist und schämt sich, einzugestehen, dass da etwas passiert, was er eigentlich nicht will. Es ist ähnlich wie bei Gewalt in einer Beziehung: Geschlagene Männer wollen darüber nicht sprechen und es dauert viel länger, bis sie realisieren, dass sie ein «Opfer» sind – bei Frauen geht das in der Regel schneller.

Wieso schicken Frauen ungefragt Nacktbilder?

Wenn eine Frau sich dazu entscheidet, einem Bekannten ein Nacktbild zu senden, dann passiert das wohl mit Hintergedanken. Sie hat den Wunsch, dass sich daraus etwas entwickelt. Bei unbekannten Frauen gehe ich eher davon aus, dass sie mit den Bildern provozieren wollen.

Wie sollte man reagieren?

Ich denke, dass ein persönliches Gespräch Sinn macht. Betroffene Männern sollten auf die Absenderin zugehen und sie fragen, ob ein Missverständnis vorliege. Sie sollen der Frau klar machen, dass sie sich unwohl fühlen und nicht auf ihren Sexualtrieb reduziert werden möchten – nur weil man ein Mann ist, heisst das noch lange nicht, dass man automatisch an fremden nackten Körper Gefallen hat.

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, sexuell belästigt?

Hier findest du Hilfe:

Belästigt.ch, Onlineberatung bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz

Verzeichnis von Anlaufstellen

Online- und Einzelchatberatung für Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder

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