Aktualisiert 27.08.2015 07:20

29 LektionenFrauen brauchen viel mehr Fahrstunden als Männer

Eine Umfrage unter 570 Fahrschülerinnen und Fahrschülern zeigt: Frauen gehen länger zur Fahrschule, bevor sie die Prüfung wagen. Das heisst aber nicht, dass Männer bessere Autofahrer sind.

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num
Frauen üben so lange mit dem Fahrlehrer, bis sie sich sicher fühlen.

Frauen üben so lange mit dem Fahrlehrer, bis sie sich sicher fühlen.

Claude Prigent

Frauen nehmen im Durchschnitt 29 Fahrstunden, bevor sie sich an die Prüfung wagen – bei Männern sind es lediglich 20. Das hat das Portal Fahrlehrervergleich.ch in einer Umfrage unter 570 Fahrschülerinnen und Fahrschülern erhoben. Teilgenommen haben Männer und Frauen zu gleichen Teilen.

Die Unterschiede wirken sich auf die Kosten aus: Fahrschülerinnen zahlen bis zur Prüfung 800 bis 900 Franken mehr als ihre männlichen Kollegen. Insgesamt geben Frauen laut dem Portal in der Schweiz jedes Jahr rund 40 Millionen Franken mehr für Fahrstunden aus als Männer. Doch bedeutet dies auch, dass Frauen schlechtere Autofahrerinnen sind? Nein, sagen Experten. Zu erklären sei der grosse Unterschied mit dem Sicherheitsbedürfnis, das die Frauen vor der Prüfung erlangen wollen.

Männer üben mehr privat

Fahrlehrer Karl Peter Meier von der Fahrschule Florin sagt: «Die jungen Burschen drängen eher darauf, an die Prüfung zu gehen. Die müssen wir manchmal bremsen, denn es ist längst nicht immer so, dass sie schon prüfungsreif sind.»

Fahrlehrerin Halide Studer sagt zum Umfrageresultat: «Das liegt nicht daran, dass die Frauen schlechter sind im Autofahren, sondern dass Männer es als Wettbewerb sehen und für die Frauen hat es einfach keine Priorität.» Hinzu komme, dass Männer viel mehr privat übten als Frauen.

Männer prahlen mit Fahrstunden

Das Elternhaus sei dabei nicht unschuldig. Fahrlehrerin Sani Rüdisühli hat von ihren Schülerinnen gar gehört, dass Eltern lieber mit dem Sohn als mit der Tochter Autofahrenüben gehen – aus Angst vor einem Unfall. Und Studer sagt: «Männer sind viel ehrgeiziger und wollen alles sofort können.»

Bei den Durchfallquoten an der Fahrprüfung zeigen sich die Unterschiede zwischen den Geschlechtern aber nicht, wie Roger Volgger, Chefexperte Führerprüfungen beim Strassenverkehrsamt des Kantons Zürich, sagt. Und er glaubt, dass bei solchen Erhebungen die Männer nicht ganz ehrlich bei ihrer angegeben Anzahl der Fahrstunden seien. «Eine Frau schämt sich nicht dafür, eine solide Ausbildung genossen zu haben, während Männer gern damit prahlen wollen, wenig Fahrstunden genommen zu haben.»

Weniger räumliches Vorstellungsvermögen

Fahrlehrerin Rüdisühli fasst zusammen: «Talent hat nichts mit dem Geschlecht zu tun.» Allerdings, räumt sie ein, gebe es einzelne Manöver, bei denen Frauen wegen des räumlichen Vorstellungsvermögens mehr Mühe hätten. Fahrlehrer Meier sagt, dass Frauen, die zum ersten Mal im Auto sässen, die Grösse des Fahrzeugs schlechter abschätzen könnten als Männer.

Halide Studer verweist auf einen weiteren Charakterzug, der beim Autofahren manchmal hinderlich – manchmal aber auch förderlich ist: Die Vorsicht der Frauen. «Sie überlegen, was alles schieflaufen könnte. Männer trauen sich mehr zu und geben einfach mal Gas.»

Männer bauen mehr Unfälle

Insgesamt wird die höhere Risikofreudigkeit den Männer aber zum Verhängnis. Sie sind laut Statistik häufiger in schwere Unfälle verwickelt als Frauen. Und verursachen auch mehr Blechschäden, wie die Versicherung Axa Winterthur ausgewertet hat. Pro Jahr verzeichnet sie zwischen 220'000 bis 250'000 Schadensfälle. Rund 40 Prozent der Schäden stammen von Frauen, 60 Prozent von Männern.

Insgesamt verursachen Frauen, wenn man die Schadenhäufigkeit betrachtet rund 5 Prozent weniger Schäden als Männer. Laut einer Sprecherin sei der Unterschied bei jungen Lenkerinnen und Lenkern noch ausgeprägter.

«Frauen fahren sicherer als Männer»

Herr Gerhard*, warum brauchen Frauen mehr Fahrstunden?

Aus zwei Gründen: Zum einen sind Frauen aus biologischer Sicht sicherheitsorientierter als Männer. Ihnen ist wichtig, dass sie gute und sichere Autofahrerinnen werden, eine Schnellbleiche genügt ihnen nicht. Und der andere Grund ist, weil sie bei einigen Manövern mehr Zeit als Männer brauchen, um sie zu lernen. Zum Beispiel haben sie ein schlechteres räumliches Vorstellungsvermögen, das ist wissenschaftlich bewiesen. Und das merkt man beim seitlich einparkieren. Damit haben Frauen mehr Mühe.

Also sind Männer doch bessere Autofahrer?

Nein, das kann man nicht sagen. Frauen fahren übrigens sicherer im Strassenverkehr, sind in weniger Unfälle verwickelt und begehen bedeutend weniger Regelverstösse als Männer. Bei den Fahrstunden ist es halt so, dass Männer nun mal gerne prahlen und sich damit brüsten, mit wie wenig Fahrstunden sie durch die Prüfung gekommen sind. 15 Fahrstunden gilt bei einigen schon als viel.

Warum verursachen Männer mehr Unfälle?

Männer gehen mehr Risiko ein als Frauen, das ist auch biologisch erklärbar. Früher mussten sie auf die Jagd gehen und gefährliche Tiere jagen, was ein grösseres Risiko ist als im Garten Gemüse anzupflanzen.

* Urs Gerhard ist Verkehrspsychologe an der Uni Basel

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