Aktualisiert 11.05.2017 17:05

Offener Brief an ParmelinFrauen fordern «Ende des Sexismus» in der Armee

Ein Schiess-Video mit Schweizer Soldaten sorgte für Empörung. Nun fordern Frauenorganisationen die Armee auf, bei Sexismus null Toleranz walten zu lassen.

Frauenorganisationen reagieren mit einem offenen Brief auf das Video (Video: 20 Minuten).

Das Video zeigt eine Gruppe Soldaten, die in einem Schiessstand auf dem Boden liegen. Hinter ihnen brüllt ihr Vorgesetzter: «Ihr kommt nach Hause und erwischt eure Freundin mit einem anderen im Bett. Wie reagiert ihr?» Die Soldaten eröffnen das Feuer.

Schon Ende April, als 20 Minuten das Video veröffentlichte – dessen Echtheit die Armee inzwischen bestätigt hat –, sorgte es für Wirbel. Nun legen die Frauenverbände der Schweiz nach. Am Mittwoch schickten sie einen offenen Brief an Bundesrat Guy Parmelin, den Vorsteher des Verteidigungsdepartements (VBS), wie der «Tages-Anzeiger» berichtet. Darin prangern mehrere Organisationen zusammen «unhaltbare Zustände» in der Armee an. Und fordern eine öffentliche Verurteilung des Vorfalls durch den VBS-Chef. Ausserdem wurde eine Petition lanciert.

«Sexismus in der Armee verbreitet»

Der Vorgesetzte animiere die Soldaten im Schiessstand, ihre Freundin als Zielscheibe zu benutzen, heisst es im Brief. Das sei ein Aufruf zu häuslicher Gewalt, sagt Kathrin Bertschy, Co-Präsidentin der Frauenorganisation Alliance F. So etwas müsse vom Chef des Verteidigungsdepartements umgehend verurteilt werden, so die Nationalrätin (Grünliberale). Es sei leider Realität, dass solche Vorfälle zur Nachahmung im Zivilleben führten.

Das Video sei nur die Spitze des Eisbergs, sagt Nicolas Zogg vom Verband Männer.ch. Auch die Männerorganisation hat den Brief unterzeichnet. Ihnen gehe es nicht um diesen konkreten Einzelfall, sondern grundsätzlich um ein «grosses Problem» in der Armee: «Jeder, der Dienst geleistet hat, weiss, wie weit verbreitet Sexismus in der Armee ist.» Das dürfe nicht länger toleriert werden.

Die Unterzeichner wollen einen Kulturwandel erwirken. Wie bereits im Umgang mit Extremismus solle die Armee auch gegen Sexismus eine Nulltoleranz-Strategie durchsetzen, lautet eine Forderung im Brief. «Wir wollen insbesondere, dass Vorgesetzte keine solchen Sprüche mehr machen. Und sie auch bei ihren Untergebenen nicht mehr akzeptieren», sagt Zogg. Es brauche eine Sensibilisierungskampagne, ergänzt Bertschy. «Die Armee nimmt heute ihre Verantwortung nicht wahr.»

Parmelin reagiert

Das VBS hat den Brief inzwischen erhalten. Bundesrat Parmelin lässt via seinen Sprecher ausrichten, dass er die Vorkommnisse aufs Schärfste verurteile. Aufruf zu Gewalt gegen Frauen und Sexismus würde von ihm in der Armee nicht toleriert. «Wir werden alles daran setzen, dass solche oder ähnliche Fälle in Zukunft nicht mehr vorkommen werden.» Die im Brief geforderten Massnahmen seien allerdings bereits heute Teil der militärischen Ausbildung der Soldaten und Kader.

Diese Stellungnahme reiche nicht, sagt Nationalrätin Maya Graf (Grüne), die zweite Präsidentin von Alliance F. Erstens komme sie zu spät, und zweitens müsse Parmelin den Vorfall persönlich vor laufender Kamera verurteilen. Dass es weiterhin zu solchen sexistischen Vorfällen komme, zeige zudem, dass die bisherigen Massnahmen der Armee nicht funktionierten.

Nicht die erste Debatte

Kurz nach der Veröffentlichung des Videos hat die Militärjustiz eine Untersuchung eröffnet. Sie bestätigte, dass das Video echt ist und im April aufgenommen wurde. Die Untersuchung laufe noch, teilte eine Sprecherin am Donnerstag mit. Parmelin sagt dazu: «Die Fehlbaren werden die Konsequenzen zu tragen haben.»

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Sexismus-Fall in der Armee schweizweit für Aufsehen sorgt. 1993 musste sich der Ausbildungschef für das Verhalten von Angehörigen der Infanterieschule Luzern entschuldigen. In Zeitungsberichten von damals steht, dass die Rekruten an einer Feier T-Shirts mit dem Schriftzug «Wir schiessen scharf» über einer spärlich bekleideten Frau getragen hätten. Der Bundesrat sprach in diesem Zusammenhang von «Einzelfällen», die es zu verurteilen gelte. Und verzichtete auf die Anordnung von tiefgreifenden Massnahmen.

Übernommen von Tagesanzeiger.ch, bearbeitet von 20 Minuten.

(20 Minuten)

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