Aktualisiert

Stagnierende Gleichstellung«Frauen haben das Gefühl, es geschafft zu haben»

Früher stellten Politikerinnen für andere Frauen eine Motivation dar, ebenfalls zu kandidieren. Heute ist es umgekehrt.

von
Santina Russo
Drei Frauen im Bundesrat: Das erweckt laut Experten den Eindruck, die Gleichstellung in der Politik sei bereits erreicht, doch in den meisten Gremien sind Frauen untervertreten.

Drei Frauen im Bundesrat: Das erweckt laut Experten den Eindruck, die Gleichstellung in der Politik sei bereits erreicht, doch in den meisten Gremien sind Frauen untervertreten.

Auch wenn in der Schweiz in vielen Bereichen die Gleichstellung der Geschlechter herrscht: In der Politik sind Frauen schlecht vertreten. Das zeigte kürzlich eine Rangliste des World Economic Forum (WEF). Je nach Gremium liegt hierzulande der Frauenanteil bei 20 bis 29 Prozent – Tendenz sinkend.

Woran das liegt, untersuchte Politikwissenschaftler Fabrizio Gilardi von der Uni Zürich. Er analysierte am Beispiel des Kantons Zürich, wie sich die Zusammensetzung in politischen Gremien seit der Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts im Jahr 1970 verändert hat.

Dabei entdeckte Gilardi einen starken Vorbild-Effekt: In 60 Prozent der Gemeinden, in denen 1970 eine Frau gewählt wurde, kandidierte in den nächsten Wahlen eine weitere Frau. Ausserdem bewarb sich in zehn Prozent der Nachbargemeinden ebenfalls eine Kandidatin. «Zu jener Zeit erlebten viele Frauen, die gewählt werden wollten, persönliche Anfeindungen», sagt Gilardi. «Deshalb waren Vorbilder besonders wichtig.»

Frauenanteil stagniert seit 1995

Jedoch flaute dieser Effekt rasch ab und hat sich heute sogar ins Gegenteil verkehrt: Stellt sich eine Frau zur Wiederwahl, hält das andere Frauen von einer Kandidatur ab. Der Grund: «Nach dem schnellen Erfolg in den 70er- und 80er-Jahren kam das Gefühl auf, es geschafft zu haben», sagt Gilardi. Das habe die Wahrnehmung verändert: «Für viele Leute entsteht heute bereits dann der Eindruck von Gleichstellung, wenn nur eine Frau in einem Gremium sitzt.» Kein Wunder also, dass der Frauenanteil seit 1995 nicht mehr gestiegen ist.

«Junge Frauen finden Engagement nicht notwendig»

Weshalb stehen auch heute noch weniger Frauen als Männer auf den Wahllisten? Andrea Gisler*: Männer melden sich meist freiwillig. Frauen dagegen muss man oft zu einer Kandidatur motivieren. Für sie sind die Hürden höher: Noch immer übernehmen Frauen den grössten Teil der Kinderbetreuung und Hausarbeit. Das erschwert es, neben Beruf und Familie ein Amt auszuüben.

Weshalb stehen auch heute noch weniger Frauen als Männer auf den Wahllisten? Andrea Gisler*: Männer melden sich meist freiwillig. Frauen dagegen muss man oft zu einer Kandidatur motivieren. Für sie sind die Hürden höher: Noch immer übernehmen Frauen den grössten Teil der Kinderbetreuung und Hausarbeit. Das erschwert es, neben Beruf und Familie ein Amt auszuüben.

Aber auch junge, kinderlose Frauen haben an politischen Ämtern wenig Interesse. Warum das?

Das hat mit dem bisherigen Erfolg in der Gleichstellung zu tun. Jungen Frauen stehen zunächst alle Türen offen. Sie halten es deshalb nicht für notwendig, sich zu engagieren. Erst später, wenn sie Kinder bekommen oder Karriere machen möchten, merken sie, dass nach wie vor ein Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau herrscht.

Wie kann man sie schon vorher motivieren, politisch aktiv zu werden?

Beispielsweise mit unserem Mentoring-Programm, in dem junge Frauen ein Jahr lang erfahrene Politikerinnen begleiten können.

*Andrea Gisler ist Präsidentin der Frauenzentrale Zürich.

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