Aktualisiert 08.02.2010 17:48

VergewaltigungenFrauen in Haiti sind leichte Beute

Mit Frauenrechten war es im Inselstaat noch nie weit her. So gilt Vergewaltigung erst seit 2005 als Verbrechen. Das Erdbeben hat die Situation der Frauen noch verschlimmert. Sie werden vergewaltigt und bestohlen.

von
Paisley Dodds, APN

Bernice Chamblain schläft mit einer Machete unter der Matratze zur Verteidigung und klemmt den kostbaren Sack Reis unters Bein, damit niemand ihrer Tochter das Essen stiehlt. Sie macht kaum noch ein Auge zu, seit sie - wie andere obdachlose Erdbebenopfer - in einem der Zeltlager haust, wo Frauen und Kinder leichte Beute für Verbrecher sind. Frauen hatten es in Haiti noch nie leicht. Jetzt ist es noch schlimmer.

«Ich versuche, nicht einzuschlafen», sagt Chamblain. Die 22-Jährige hat ihren Vater verloren und lebt jetzt mit Mutter und Tanten in einem Lager nahe des Flughafens von Port-au-Prince. «Manche der Männer, die aus dem Gefängnis ausgebrochen sind, kommen in die Lager und machen den Frauen Schwierigkeiten. Wir haben alle Angst, aber was sollen wir machen? Viele unserer Ehemänner, Freunde und Väter sind tot.»

Männer lungern an Waschstellen herum

Die Berichte von Überfällen mehren sich. Frauen werden die Bezugsscheine für die Lebensmittelhilfe geraubt. Gerüchte über Vergewaltigung und Belästigung machen die Runde. In den meisten Lagern wird es bei Einbruch der Nacht stockfinster: Licht spenden nur flackernde Kerzen und Handy-Displays. Viele Familien kauern schutzlos unter Plastikplanen, sanitäre Einrichtungen gibt es so gut wie keine. Oft lungern Männer dort herum, wo Frauen und Mädchen sich an Wassereimern waschen. Halbwüchsige Mädchen schlafen in Gruppen auf offener Strasse, andere wandern allein in den Lagern umher.

Informationsministerin Marie-Laurence Jocelyn Lassegue räumte kürzlich ein, dass Frauen und Kinder gefährdet seien. Die Regierung müsse sich aber zuerst um Nahrung und Obdach kümmern. Hilfsorganisationen richten Schutzräume und Ausgabestellen nur für Frauen ein, damit Männer sie nicht unter Druck setzen können. Doch die Probleme sind immens.

Messerhelden verlangen Coupons

So berichteten Frauen, die sich am Samstag noch vor Morgengrauen um Lebensmittel anstellten, dass sie von Bewaffneten überfallen und beraubt wurden. «Wir waren um vier Uhr morgens hier, und da kam ein Haufen Männer aus einer Gasse», sagt Paquet Marly, die Reis für ihre Grossfamilie holen wollte. «Sie hatten Messer und sagten 'Rückt eure Coupons raus'. Wir mussten sie ihnen geben. Jetzt haben wir gar nichts - keine Coupons und kein Essen.»

Von der Ausgabe der Coupons an Frauen erwarten die Hilfsorganisationen, dass diese wirklich ihre Familien ernähren und die Lebensmittel nicht weiterverkaufen. Sie hielten es für die beste Möglichkeit, die Familien zu erreichen, erklärt Jacques Montouroy, Mitarbeiter eines katholischen Hilfsdienstes. «Bei anderen Verteilaktionen, wo Männer zugelassen waren, stellten wir fest, dass gerade mal die Hälfte der Männer die Lebensmittel so verwendeten, wie es gedacht war.»

«Die Strolche starren sie an»

In vielen Strassen um die Ausgabestellen halten US-Soldaten Wacht, sie können auch nicht immer überall sein. «Die Verteilung der Coupons war die Hölle», sagt Montouroy in Erinnerung daran, wie Scharen von Männern die Frauen bedrängten. Selbst wenn es die Empfängerinnen mit ihren 25-Kilo-Säcken Reis zurück ins Lager schaffen, sind sie die Sorgen noch nicht los. Ein Lager in der Nähe des eingestürzten Präsidentenpalasts bietet Schutzraum für Frauen, mit Zelten, in denen sie sich therapeutisch beraten lassen oder unbeobachtet ihre Säuglinge stillen können.

«Meine Schwester ist bei dem Erdbeben umgekommen. Jetzt muss ich für meine eigenen drei Töchter und für ihre beiden sorgen», sagt die 42-jährige Magda Cayo. «Ich versuche sie nicht aus den Augen zu lassen, aber ich sehe, wie diese ganzen Strolche sie anstarren. Wir sind alle nervös. Das ist nicht gut.»

Zusätzliches Risiko Aids

Mit Frauenrechten ist es in Haiti nicht weit her. Frühzeitige Eheschliessungen sind üblich; das Mindestalter liegt für Frauen bei 15 und für Männer bei 18 Jahren. Einem UN-Bericht zufolge sind schätzungsweise 19 Prozent der jungen Frauen zwischen 15 und 19 Jahren verheiratet, geschieden oder verwitwet. Vergewaltigung gilt erst seit 2005 als Verbrechen.

Weil bei dem Beben so viele Polizeireviere und Ämter zerstört wurden, wüssten viele Frauen nicht, wo sie Übergriffe anzeigen sollten, erklärt Melanie Brooks von der Hilfsorganisation CARE, die Frauen zu schützen versucht. Besonders gefährdet seien Frauen, die bei dem Beben verletzt wurden, weil sie häufig nicht mobil genug seien um zu entkommen. Ein zusätzliches Risiko ist Aids: Haiti hat die höchste HIV-Infektionsrate der Karibik. «Die Frauen, mit denen wir gesprochen haben, erzählen von Vergewaltigung, von Übergriffen, von Männern, die um sie herumschleichen, wenn sie sich waschen», berichtet Brooks. «Diese Geschichten werden jetzt zum Schreckgespenst. Alle schauen sich misstrauisch um.»

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