Nachlässige Apotheker: Frauen kriegen Pille problemlos ohne Rezept
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Nachlässige ApothekerFrauen kriegen Pille problemlos ohne Rezept

Apotheken nehmen es mit der Rezeptpflicht bei der Pille nicht so genau. Zum Ärger von Frauenärzten. Sie warnen davor, dass Patientinnen so die wichtige Jahreskontrolle umgehen.

von
Jessica Pfister
Wer eine gute Ausrede parat hat, bekommt die Verhütungspille in der Apotheke auch ohne Rezept.

Wer eine gute Ausrede parat hat, bekommt die Verhütungspille in der Apotheke auch ohne Rezept.

Weil sie sich von ihrem Freund getrennt hat, setzte die 28-jährige Studentin Angela Bischoff* vor einem Jahr ihre Verhütungspille Mercilon ab. Seit einem Monat ist sie wieder liiert und wollte deshalb möglichst schnell wieder mit der Pilleneinnahme beginnen – ohne den Besuch beim Arzt abzuwarten. Sie ging in die Apotheke und erhielt auch ohne Rezept problemlos eine Monatspackung des gewünschten Verhütungsmittels. Die Apothekerin fragte zwar, ob sie zur frauenärztlichen Kontrolle gehe. Doch ein einfaches Ja genügte.

Eine ähnliche Erfahrung machte die 31-jährige Jennifer Studer*, die zwar ein Pillenrezept besitzt, dieses aber in der Apotheke nicht dabeihatte. Die Pharmaassistentin verkaufte ihr die Pille Yasmin ebenfalls ohne weitere Abklärungen. «Die Assistentin bot mir sogar von sich aus eine Dreimonatspackung an», erzählt Studer.

«Abgabe ohne Rezept ist sehr heikel»

Dass Apotheken es mit der Rezeptpflicht nicht so genau nehmen, beobachtet auch der Berner Frauenarzt Daniel Brügger. «Leider mache ich diese Feststellung, obwohl Apotheker die Pille ohne Rezept laut Gesetz nur in begründeten Ausnahmefällen abgeben sollen», sagt Brügger. Eine akzeptable Begründung könne die Abgabe einer Monatspackung im Falle der Ferien- oder Krankheitsabwesenheit des betreuenden Arztes sein. «Der Apotheker muss die Kundin aber über die Risiken informieren und sollte auch ihre Daten aufnehmen.» In den oben beschriebenen Fällen verlangte jedoch niemand Angaben von den Kundinnen.

Franziska Maurer, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG), hält die Abgabe der Pille ohne Rezept für «sehr heikel». «Die Pille ist ein rezeptpflichtiges Medikament, weil sie Nebenwirkungen hat und im schlimmsten Fall schwere Komplikationen wie Embolien oder Thrombosen entstehen können», so Maurer, selbst Frauenärztin am Bürgerspital Solothurn. Deshalb sei es auch wichtig, dass Frauen, die die Pille nehmen, einmal jährlich zur frauenärztlichen Kontrolle gehen. «Dort klären wir ab, ob sich der Lebensstil der Patientin verändert hat», sagt Maurer. Etwa ob sie an Gewicht zugelegt oder mit dem Rauchen begonnen hat. «Allenfalls müsste man daraufhin die Pille oder sogar die Verhütungsmethode wechseln», so die SGGG-Präsidentin. Ausserdem müsse der Arzt den Blutdruck messen und Gerinnungsstörungen ausschliessen. «Diese Abklärungen sind elementar für die richtige Behandlung einer Patientin.» Wenn Patientinnen durch die rezeptfreie Abgabe der Pille die Kontrolle umgehen können, sei dies gefährlich.

«Ermessen des Apothekers»

Laut Michael Forrer, Apotheker in der Bahnhof Apotheke Zürich, liege es im Ermessen jedes Apothekers, ob er eine Pille auch ohne Rezept herausgebe. «Wenn uns eine Kundin bestätigt, dass sie die Pille regelmässig nimmt und in frauenärztlicher Behandlung ist, geben wir Einmonatspackungen auch ohne Rezept ab.» Allerdings würde man die Daten erfassen, um sicherzugehen, dass eine Kundin nicht immer wieder eine Pille ohne Rezept beziehen könne. «Einen Ausweis zur Kontrolle der Angaben verlangen wir nicht.»

Nicolas Steiner, Leiter der Confarm Apotheke in Basel, gibt den Kundinnen die Pille ebenfalls ohne Rezept ab, wenn diese sich «plausibel erklären» können. «Im Zweifelsfall rufen wir den behandelnden Arzt an», sagt Steiner. Zum Beispiel, wenn eine Kundin nicht einmal wisse, wie ihre Pille genau heisst. In der Centralapotheke Volz in Bern erhalten Stammkundinnen auch Drei-Monats-Packungen problemlos ohne Rezept. «Oft müssen Patientinnen lange auf ihren nächsten Kontrolltermin beim Arzt warten und dann reicht eine Einmonatspackung nicht aus», so die Begründung von Pharmaassistentin Michelle Steiner.

«Nutzen höher als Risiko»

Unterstützung erhalten die Apotheker auch von ihrem Verband Pharmasuisse. «Wir werten den Nutzen einer Abgabe ohne Vorliegen eines Rezepts nach den notwendigen Abklärungen höher als die Risiken einer Ablehung», sagt Generalsekretär Marcel Mesnil. Die Pille sei kein Missbrauchsmedikament: Sie werde zuerst von einem Arzt verschrieben und deshalb reiche es, wenn der Apotheker bei einer nachträglichen Abgabe die Kundin auf die Vorteile der regelmässigen ärztlichen Kontrolle hinweise.

SGGG-Präsidentin Maurer überzeugen diese Argumente nicht. «Die Apotheker müssen sich fragen, inwieweit sie überhaupt abwägen können, ob ihnen Kundinnen die Wahrheit sagen.» Denn bei Komplikationen seien sie es, die die Verantwortung trügen.

*Namen geändert

Haben Sie auch schon die Pille ohne Rezept erhalten? Oder andere Medikamente, die eigentlich rezeptpflichtig sind? Schreiben Sie Ihre Erfahrung ins Kommentarfeld.

Stichwort Pille

Die Antibaby-Pille ist eine beliebte Verhütungsmethode: Schätzungsweise rund 500 000 Frauen in der Schweiz nehmen orale Kontrazeptiva. Doch das seit Anfang der 60er Jahre erhältliche Hormonpräparat hat Tücken: Zwar wurde die Pille im Laufe der vergangenen Zeiten kontinuierlich weiterentwickelt und von vielen ihrer Kinderkrankheiten befreit - doch Nebenwirkungen treten auch bei der neusten Generation niedrig dosierter Präparate auf. Frauen mit Gefässerkrankungen neigen durch die Einnahme der Pille eher zu Thrombosen, Lungenembolien und Schlaganfällen. Raucherinnen gehören ebenfalls zur Risikogruppe.

Ob die Einnahme von Kontrazeptiva die Entstehung von Krebs begünstigt, wurde bereits in diversen Studien untersucht. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Datenlage eher verwirrend: Während für die einen Krebsarten laut dem Horten-Zentrum für praxisorientierte Forschung und Wissenschaftstransfer das Risiko offenbar sinkt, könnten andere bösartige Erkrankungen durch die Einnahme der Pille begünstigt werden.

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