Aktualisiert 03.06.2013 10:53

Tantramassagen-Boom

Frauen legen ihre Sexualität in fremde Hände

Eine neue Art der sexuellen Selbstbestimmung der Frau erobert die Schweiz: Immer mehr Frauen gehen zur Tantramassage, um sexuelle Höhenflüge zu erleben. Das kann Männer verunsichern.

von
Deborah Sutter
Bei der Tantramassage wird der gesamte Körper miteinbezogen – Intimbereich inklusive.

Bei der Tantramassage wird der gesamte Körper miteinbezogen – Intimbereich inklusive.

Es riecht nach Massageölen, die Schritte werden von einem Teppich gedämpft, Frauen huschen barfuss durch den Gang. Die Atmosphäre erinnert an ein Wellnessstudio – auf den ersten Blick zumindest. Denn in den mit bunten Tüchern und Wandmalereien ausgestatteten Zimmern geht es heisser zu, als während einer normalen Sportmassage: Frauen massieren hier andere Frauen von Kopf bis Fuss, nackt, Intimbereich inklusive.

Diese so genannte Tantramassage scheint einen Nerv zu treffen: «Noch vor fünf Jahren kamen keine Frauen zu uns – mittlerweile sind es sogar rund 10 Frauen pro Woche», sagt Didi Liebold, der zusammen mit Janine Hug das International Institute für Sexological Bodywork in Zürich betreibt. Den Trend können auch Lea Söhner, Inhaberin des Instituts Dakini in Zürich, und Evita, die in Bubikon den Dahar Tempel betreibt, bestätigen.

Orgasmus kann, muss aber nicht

Gründe für diesen Boom gebe es viele, erzählt Evita. «Tantra ist im Gegensatz zum Besuch bei einer Prostituierten nicht Sex oder etwas Gegenseitiges. Vielmehr geht es darum, Personen zu berühren - sowohl seelisch als auch körperlich.» Dabei könne es zum Orgasmus kommen, müsse aber nicht: «Es gibt kein vordefiniertes Ziel.»

Die Frauen kämen zu ihr, weil es keinen Leistungsdruck gebe, sie nichts zurückgeben müssten, sondern sich einfach verwöhnen lassen könnten. Und Didi Liebold, der auch Tantramasseure ausbildet, sagt: «Einige Frauen beschäftigen sich mit konkreten Themen, die sie in der Körperarbeit anschauen wollen, wie etwa Orgasmusschwierigkeiten.» Andere seien einfach neugierig und möchten ihren Körper besser kennenlernen oder etwas lernen. «Frauen kennen ihren eigenen Körper oft nicht so gut, schon gar nicht «da unten»», so Liebold. Dazu komme, dass die Sexualität für viele zwar nicht erfüllend sei, sie sich aber nicht getrauten, dies ihrem Partner so zu sagen. Auch die Tantramassage machen viele im Verborgenen: «Meine Kundinnen erzählen ihren Partnern oft nicht, dass sie zu mir kommen», so Evita.

Eine kleine sexuelle Revolution

Dass sich auch Frauen ihre Wünsche und Sehnsüchte vermehrt ausserhalb von Beziehungen erfüllen, komme «einer kleinen sexuellen Revolution gleich», sagt der Sexualberater Bruno Wermuth. Die Tantramassage sei dem ganzen Wellness- und Lifestylebereich sehr nahe, darum spreche sie die Frauen überhaupt an – «im Gegensatz zu Callboys». Evita bekräftigt: «Meist kommen die Frauen mit Kolleginnen zusammen, als eine Art Wellness-Vormittag.»

Laut Wermuth ist es nicht erstaunlich, dass sich Frauen lieber von anderen Frauen berühren lassen als von Männern: «Eine Frau, die zur Tantramassage geht, muss nicht zwingend sexuell motiviert sein. Vielleicht möchte sie einfach ihren Körper und die Lust, berührt zu werden, geniessen. Dazu kommt, dass es in den Köpfen vieler Frauen weniger einem Fremdgehen gleichkommt, wenn sie sich von Frauen intim berühren lassen.»

Druck auf Partner wird erhöht

Doch die Massage der Yoni, wie die Geschlechtsteile der Frau auf Sanskrit heissen, in eine Beziehung zu integrieren, ist nicht ganz einfach: «Für Männer ist es schwierig, wenn plötzlich andere Ansprüche an sie gestellt werden. Es entsteht ein grösserer Druck auf den Partner, wenn die Frau aktiv wird und sagt, was sie sich wünscht», so Liebold.

Auch Bruno Wermuth sieht gewisse Risiken: «Es kann sogar sein, dass die Frau ganz aus der Beziehungssexualität aussteigt – und sich ihre Befriedigung nur noch in der Massage holt.» Auf der anderen Seite könne es sowohl für Frauen als für Männer eine gute Möglichkeit sein, sich selbst ohne den ganzen Beziehungsballast kennenzulernen und so herauszufinden, was man mag und was nicht. «Im Idealfall führt ein solches Erlebnis aber dazu, dass sich ein Paar klar wird, welche Art von Sex beiden gerecht wird», so Wermuth.

Darum gehts bei der Tantramassage

«Tantra ist eine Strömung innerhalb der indischen Philosophie, in der es um die ganzheitliche Entwicklung des Menschen geht – was die Sexualität natürlicherweise miteinschliesst», sagt Lea Söhner, Inhaberin des Instituts Dakini in Zürich. Die Ursprünge des Tantra beginnen in vorgeschichtlicher Zeit, in voller Ausprägung liegt die Lehre jedoch frühestens ab dem 7. oder 8. Jahrhundert vor. Geistige Prinzipien werden mittels sexueller Symbolik dargestellt und vergegenwärtigt, da angenommen wird, dass die Gegensätze aktiv und passiv – oder eben männlich und weiblich – das Universum bildeten. Shiva, das männliche Prinzip, gilt als passiv und Shakti, das weibliche Prinzip, als aktiv. Yoni ist das Sanskritwort für die weiblichen Genitalien, Lingam das entsprechende für die männlichen Geschlechtsteile. Während der letzten 200 Jahren hat sich in Europa eine ganz eigene Ausformung von Tantra ausgebreitet, die mit dem Ursprung nichts oder wenig zu tun hat. (sut)

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