Lohndiskriminierung: «Frauen müssen aggressiver über den Lohn verhandeln»
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Lohndiskriminierung«Frauen müssen aggressiver über den Lohn verhandeln»

Was tun bei Lohndiskriminierung? Die Wirtschaftssoziologin Katja Rost gibt Tipps zur Lohnverhandlung und spricht über die neue Plattform für Lohngleichheit.

von
Fabian Pöschl
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Katja Rost, Professorin für Wirtschaftssoziologie an der Universität Zürich, findet es super, dass das Projekt für Lohngleichheit angestossen wird.

Katja Rost, Professorin für Wirtschaftssoziologie an der Universität Zürich, findet es super, dass das Projekt für Lohngleichheit angestossen wird.

John Flury/UZH
Die Website von Travailsuisse zeigt Firmen, die bereits eine Lohnvergleichsanalyse durchgeführt haben.

Die Website von Travailsuisse zeigt Firmen, die bereits eine Lohnvergleichsanalyse durchgeführt haben.

KEYSTONE
Rost hofft, dass durch das Projekt eine Diskussion in Gang gesetzt wird, die zu einem Umdenken in Unternehmen führt.

Rost hofft, dass durch das Projekt eine Diskussion in Gang gesetzt wird, die zu einem Umdenken in Unternehmen führt.

Frank Brüderli/UZH

Darum gehts

  • Die neue Plattform respect8-3.ch von Travailsuisse soll Lohndiskriminierung aufzeigen.
  • Die Wirtschaftssoziologin Katja Rost ist froh um die Plattform.
  • Sie hofft, dass eine Diskussion in Gang gesetzt wird, die zu einem Umdenken in Unternehmen führt.

Eine neue Website informiert über Lohndiskriminierung. Unternehmen können sich auf der von Travailsuisse am Dienstag vorgestellten Plattform registrieren, wenn sie eine Lohnvergleichsanalyse durchgeführt haben. Katja Rost, Professorin für Wirtschaftssoziologie an der Universität Zürich, ist froh um die Plattform.

  • 1. Wie kann die neue Plattform der Lohngleichheit dienen?

Lohndiskriminierung ist Fakt. Insofern finde ich es super, dass das Projekt angestossen wird. Unternehmen auf der weissen Liste können eine Vorreiterrolle einnehmen. Aber: Die meisten Tools für Lohnvergleichsanalysen sind nicht fehlerfrei.

  • 2. Wo liegt das Problem?

Viele Analysetools sind unvollständig. Die Analyse der Berufserfahrung oder Elternzeit fehlt meist, weil der Aufwand für die Erhebung dieser Variablen zu gross wäre. Hohe Lohnunterschiede in einem Unternehmen bedeuten also nicht automatisch, dass Diskriminierungen vorkommen. Die Unternehmen sind hier selbst in der Pflicht, ihre Analyse-Tools zu verbessern.

  • 3. Nach der weissen Liste soll die Plattform in frühestens einem Jahr auch eine schwarze Liste bieten. Wie sinnvoll ist das?

Die weisse Liste wird überflüssig, wenn alle Unternehmen eine Lohnanalyse vorgenommen haben. Aber eine schwarze Liste funktioniert als Pranger meist sehr gut. Das wird eine Diskussion in Gang setzen, die zu einem Umdenken in Unternehmen führen dürfte.

  • 3. Travailsuisse hat die neue Plattform als Reaktion auf das revidierte Gleichstellungsgesetz lanciert. Die Gewerkschaft kritisiert etwa, dass diskriminierende Unternehmen keine Sanktionen befürchten müssen. Sind Sie auch der Meinung, dass das Gesetz zu wenig weit greift?

Ich finde es gut, dass es keine «harten» Sanktionen gibt. Fehlerhafte Unternehmen haben schon genug mit informellen Sanktionen wie negativen Medien- und Social-Media-Berichten zu kämpfen. Darunter leidet die Firmenkultur, und potenzielle neue Arbeitskräfte dürften sich einen anderen Arbeitgeber suchen.

  • 4. Wie gehe ich vor, wenn ich als Frau zu wenig verdiene?

Man sollte sich gut bei den Mitarbeitern informieren, ob man tatsächlich weniger verdient, und dann das Gespräch mit den Vorgesetzten suchen. Vor Lohnverhandlungen sollte man sich gut vorbereiten und in diesen Forderungen stellen. Frauen müssen dabei lernen, so aggressiv wie Männer zu verhandeln. Auch wenn dies nicht unserer geschlechtertypischen Rollenvorstellung von Frauen entspricht. Denn der Arbeitgeber beginnt oft mit einem tiefen Lohnangebot und es gibt noch Verhandlungsspielraum nach oben.

LOHNUNTERSCHIED FRAUEN UND MÄNNER

Firmen müssen ab Juli die Lohngleichheit kontrollieren

Ab dem 1. Juli tritt das geänderte Gleichstellungsgesetz in Kraft. Dann müssen die grössten Unternehmen (ab 100 Beschäftigten) die Löhne ihrer angestellten Frauen und Männer auf Diskriminierung kontrollieren. Dafür haben sie ein Jahr Zeit. Das vom Parlament verabschiedete Gesetz sieht aber keine Sanktionen vor.

Deine Meinung

51 Kommentare
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exUnternehmer

02.07.2020, 13:46

Nun, agressiver verhandeln kann natürlich verschiedenes bedeuten. Früher, als ich noch Jobs vergeben habe, haben Frauen hin und wieder Sex angeboten, um an bessere Positionen oder mehr Lohn zu kommen. Hat aber nichts gebracht, ich habe privates und berufliches immer getrennt. Aus heutige Sicht sowieso besser, denn schuld ist immer der Mann.

Katja

02.07.2020, 11:54

Ich habe beim Kauf noch nie gefragt, ob eine Frau dahintersteht, sondern nur, ob das was Brauchbares ist. Auch im Geschäft werden die Umsätze nicht nach Geschlecht provisionsmässig abgerechnet, sondern nach echten Fakten. Liebe Frauen, Erfolg hat nichts mit eurem Geschlecht zu tun.

Haarschnitt

02.07.2020, 11:50

Eine frühere Schulkollegin beschwert sich immer, dass sie als Coiffeuse viel weniger verdiene als ihre männlichen Kollegen. In meiner Umgebung gibt es nur Salons, wo entweder nur Männer arbeiten (dort ist auch der Chef ein Mann) oder solche, wo nur Frauen arbeiten (dort ist auch die Chefin eine Frau). Bei den Frauen bezahle ich für einen Haarschnitt (10 Minuten Arbeit) 48 Franken, bei den Männern nur 25. Kann mir jetzt jemand erklären, warum dann die Frauen weniger verdienen sollen? Ist etwa die Chefin viel gieriger?