«Victim Blaming»: Frauen-Ratgeber der Kapo erhitzt die Gemüter im Netz
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«Victim Blaming»Frauen-Ratgeber der Kapo erhitzt die Gemüter im Netz

Die Kantonspolizei St. Gallen hat Tipps für Frauen verfasst, die nachts alleine unterwegs sind. Im Netz empören sich Userinnen darüber. Vielmehr sollte es einen Männerratgeber geben, heisst es.

von
Katja Fässler
Die Kantonspolizei St. Gallen hat mit einem zwei Jahre alten Frauen-Ratgeber einen Shitstorm provoziert. 

Die Kantonspolizei St. Gallen hat mit einem zwei Jahre alten Frauen-Ratgeber einen Shitstorm provoziert.

Symbolbild Kapo St. Gallen

Darum gehts

  • Der Kapo St. Gallen wird ein im Jahr 2019 veröffentlichter Frauen-Ratgeber zum Verhängnis.

  • Social Media-Usern geht das, was darin geschrieben steht, gehörig gegen den Strich.

  • Die Polizei hat mittlerweile reagiert und den Ratgeber vom Netz genommen.

«Es liegt auf der Hand, dass Sie ein leichteres Opfer sind, wenn Sie nicht bei klarem Verstand sind», so beginnt einer der Sätze im Frauen-Ratgeber der Kantonspolizei St. Gallen. Dann die Empfehlung: «Trinken Sie deshalb Alkohol nur in Massen, so, dass Sie noch klar denken können. Lassen Sie ihr Getränk nie aus den Augen und nehmen Sie keine Drinks von Fremden an.» Weiter wird den Frauen ans Herz gelegt, möglichst selbstbewusst aufzutreten, wenn sie alleine nachts unterwegs sind. «Frauen, die Selbstbewusstsein ausstrahlen, werden weniger belästigt als verschreckte Frauen, die unsicher nach Hause huschen.»

Für diese Aussagen hagelt es nun massive Kritik in den sozialen Netzwerken. So schreibt etwa die GLP-Politikerin Carla Reinhard auf Twitter: «Frauen müssen nicht weniger trinken, Männer müssen weniger Frauen belästigen. Wo bleibt der Männerratgeber?»

Agota Lavoyer von der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern «Lantana» schreibt auf Facebook: «Der Frauenratgeber, publiziert im Jahr 2019(!), führt uns die Rape Culture schön vor Augen. Denn in einer Rape Culture geht man davon aus, dass es in der Verantwortung der Frau ist, sich vor sexualisierten Übergriffen zu schützen … Es ist so ermüdend.»

Auch die deutsche Grünen-Politikerin Ricarda Lang hatte sich bezugnehmend auf den Fall von Sarah Everard, die in England mutmasslich von einem Elite-Polizisten ermordet wurde, zu der Thematik geäussert. «Ich will keine Tipps mehr, wie ich mich schützen kann. Ich will eine Gesellschaft, in der Mädchen frei von Angst aufwachsen können.»

Die Kapo St. Gallen hat auf die Kritik reagiert und den Ratgeber entfernt. In einer Twitter-Nachricht schreibt sie: «Liebe Community. Wir haben den Ratgeber vom Netz genommen. Es tut uns leid, dass wir beim Verfassen dieser Tipps nur Frauen in der Opferrolle angesprochen haben. Der Ratgeber ist schon mehrere Jahre alt. Es wurde übersehen, dass dieser hätte angepasst werden sollen.» Und weiter: «Die Kapo SG stellt sich klar gegen Victim blaming oder das Schüren von Mythen.»

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Fachstelle Frauenberatung

Onlineberatung für Frauen (BIF)

Onlineberatung für Männer

Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Pro Juventute, Tel. 147

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