Aktualisiert 09.05.2018 14:55

Jasmin Nunige«Frauen, seid mutig und gebt mal so richtig Gas»

Frauen sind in allen Running-Disziplinen auf der Überholspur. Leichter läuft es sich mit den Tipps von Jasmin Nunige.

von
Sulamith Ehrensperger
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Die Schar der Läuferinnen hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Doch viele Frauen trauen sich nicht, mal an ihre Grenzen zu rennen.

Die Schar der Läuferinnen hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Doch viele Frauen trauen sich nicht, mal an ihre Grenzen zu rennen.

Macniak
Frauen sind in allen Running-Disziplinen auf der Überholspur. Leichter läuft sich mit den Tipps von Marathon- und Ultratrail-Läuferin Jasmin Nunige (Mitte). Hier coacht sie die Adidas Runners Zürich.

Frauen sind in allen Running-Disziplinen auf der Überholspur. Leichter läuft sich mit den Tipps von Marathon- und Ultratrail-Läuferin Jasmin Nunige (Mitte). Hier coacht sie die Adidas Runners Zürich.

Milad Ahmadvand
Frauen teilen sich ihre Kräfte besser ein, verrät Profiläuferin Nunige (r.) bei einem Einzelcoaching Redaktorin Sulamith Ehrensperger. Sie überanstrengen und verletzen sich daher weniger als Männer.

Frauen teilen sich ihre Kräfte besser ein, verrät Profiläuferin Nunige (r.) bei einem Einzelcoaching Redaktorin Sulamith Ehrensperger. Sie überanstrengen und verletzen sich daher weniger als Männer.

Milad Ahmadvand

Jasmin Nunige, als Marathon-, Trail- und Ultratrail-Läuferin beraten Sie Frauen, die im Laufsport vorwärtskommen wollen. Inwiefern laufen Frauen anderes als Männer?

Ich beobachte, dass Frauen viel weniger leistungsorientiert laufen als aus einem Bewegungsbedürfnis heraus. Frauen haben ein besseres Körpergefühl. Sie können sich besser auf die momentane Situation einstellen und sind zufriedener mit dem, was sie leisten können. Männer laufen zielstrebiger und zielorientierter.

Ein Blick zurück zeigt, dass im Spitzensport schon immer zwischen Frau und Mann differenziert wurde. Inwiefern spielen körperliche Unterschiede eine Rolle?

Es gibt Unterschiede, doch mittlerweile holen die Frauen im Profibereich auf. Gerade auf längeren Distanzen, wie im Ultratrailrunning, wo ich herkomme, laufen Frauen regelmässig in die Top Ten. Ich glaube, je länger die Distanz, umso weniger spielen die Geschlechter eine Rolle.

Frauen haben genetisch bedingt weniger Muskelmasse, dafür einen höheren Körperfettanteil. Auf den ersten Blick scheint das eher ein Nachteil bei sportlichen Leistungen.

Männer haben eine grössere Muskelmasse, doch die Frauen kommen nicht schlechter weg. Wir haben einen grösseren Körperfettanteil, sind beweglicher und weniger verletzungsanfällig. Ich arbeite als medizinische Masseurin und beobachte, dass sich Männer häufiger verletzen. Bei den Wettkämpfen sind es vor allem Männer, die mit Muskelkrämpfen zu kämpfen haben, Frauen hingegen selten.

Wie können Frauen diese körperlichen Unterschiede beim Running zu ihrem Vorteil machen?

Viele Frauen haben Angst vor einem höheren Körperfettanteil, doch kann er ein Schutz sein. Wir brauchen einen gewissen Anteil Körperfett, damit Organe und Bewegungsapparat funktionieren können. Gerade bei längeren Distanzen kann er von Vorteil sein. Frauen mit sehr tiefem Körperfettanteil haben eher Verletzungen oder Probleme mit den Knochen.

Ernährung ist in Frauengarderoben ein viel diskutiertes Thema. Ich habe den Eindruck, dass viele Frauen für ihr Fitnesspensum zu wenig essen.

Ich höre auch immer wieder, dass Frauen bewusst nicht essen, um abzunehmen. Doch wer trainiert, braucht Energie. Der Körper benötigt regelmässig Nahrung, damit der Stoffwechsel auf Trab bleibt. Eine gesunde, ausgewogene Ernährung mit Früchten, Gemüse, Kohlenhydraten und Eiweiss ist ein wichtiges Rezept für den Ausdauersport. Durch regelmässiges Training pendelt sich der Körper automatisch auf sein optimales Gewicht ein. Frauen, die abnehmen wollen, rate ich, nicht weniger zu essen, sondern sich mehr zu bewegen und ausgewogen zu ernähren. Sonst laufen sie früher oder später gegen die Wand.

Frauen unterliegen – bedingt durch ihren Zyklus – viel grösseren Hormonschwankungen als Männer. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass bis zur Mitte des Zyklus die beste Zeit fürs Trainieren der Maximalkraft ist, die prämenstruelle Phase hingegen ist ein Bewegungstief. Ist ein am Zyklus orientiertes Workout effektiver?

Es gibt Frauen, die stört der Zyklus kaum, auch nicht, wenn sie ihre Tage bei einem Wettkampf haben. Andere sind während dieser Zeit geschwächt, da hilft es, das Training entsprechend anzupassen. Gerade bei Frauen, die Schmerzen oder grosse Müdigkeit verspüren, kann Bewegung in gesundem Mass sogar hilfreich sein. Mein Tipp ist, sich nicht verrückt machen zu lassen, sondern zu versuchen, die Situation zu akzeptieren, auch wenn es mal nicht nach Wunsch läuft. Ich würde nicht empfehlen, mittels Pillen den Zyklus zu verschieben zu versuchen, sollte dieser auf einen Wettkampftag fallen. Das ist ein schwerer Eingriff in die innere Uhr. Ist es das wirklich wert oder nehme ich in Kauf, mal fünf Minuten langsamer zu sein?

Verraten Sie mir, wie es die Profisportlerin macht?

Ich trainiere nicht nach dem Zyklus und kenne auch in meinem Umfeld keine Frauen, die hormonbedingt laufen. Ich trainiere wettkampforientiert zyklisch. Der Saisonhöhepunkt und die Wettkämpfe geben vor, wann welche Trainingsphase kommt. Wenn ich Tage habe, an denen ich weniger leistungsfähig oder müde bin, akzeptiere ich das bei Trainings und Wettkämpfen und pushe mich nicht extra.

Frauen unterschätzen sich oft. Viele rennen jahrelang im grünen Bereich, dieselbe Strecke mit derselben Zeit. Wie gelingt es ihnen, dass sie sich trauen ambitionierter zu rennen?

Es fällt mir immer wieder auf, dass sich Frauen nicht recht trauen Gas zu geben. Wenn ich unterwegs bin, begegnen mir viele Frauen, die rennen. Doch bei Wettkämpfen sind Frauen in der Minderzahl. Bei Rennen geht es nicht nur darum, schnell zu sein, sondern auch um Motivation, das gemeinsame Laufen, eine andere Strecke und die eigenen Grenzen kennenzulernen. Frauen sind da viel zurückhaltender. Warum nicht ausprobieren und merken, dass Frau viel mehr leisten kann, als sie sich zutraut? Es kann nicht viel passieren, ausser vielleicht, dass Frau ein paar Schritte marschieren muss. Nehmt also euren Mut zusammen und gebt mal Gas!

Das Interview mit Jasmin Nunige fand im Rahmen des International Women's Day Run der Adidas Runners in Zürich statt. Sie coachte Hobbyläuferinnen, die von der Profiläuferin mehr über frauenspezifisches Running wissen wollten.

Die Davoserin Jasmin Nunige ist Marathon-, Trail- und Ultratrail-Läuferin. Ihre sportliche Karriere begann sie als junge Athletin im Langlauf. Heute ist Berglauf ihre Leidenschaft. 2011 erfuhr Nunige von ihrer Krankheit Multiple Sklerose. Sport und Körperbewusstsein sind seither für sie noch viel wichtiger geworden. Die diplomierte medizinische Masseurin ist verheiratet mit Guy Nunige, Trainer und ehemaliger Spitzenathlet. Zusammen haben sie zwei Kinder.

Adidas Runners Zürich

Die Adidas Runners sind mehr als eine Laufgruppe. Sie sind eine internationale Community, die mithilfe von professionellen Coaches trainiert, sich regelmässig bei Laufveranstaltungen trifft, zusammen läuft und zusammen Spass hat. Seit kurzem hat auch Zürich die Adidas Runners.

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