Aktualisiert 13.06.2011 18:55

Stresstest bestanden

Frauen sind im Krieg so hart wie Männer

Frauen in der Armee sollen keine Kampfeinsätze leisten, weil sie dem Stress in Gefechtssituationen weniger gut standhalten als Männer. Das ist Unsinn, haben US-Forscher herausgefunden.

von
kri

Viele Armeen, darunter auch die amerikanische, schliessen Frauen von Kampfeinsätzen mit der Begründung aus, diese können mit dem Stress, den Feuergefechte, Tod und Verwundung auslösen, schlechter umgehen als Männer. Eine Ende Mai im amerikanischen «Journal for Abnormal Psychology» (Psychopathologie) publizierte Studie hat diese gängige Vorstellung untersucht – und fand keine Anhaltspunkte, dass sie tatsächlich zutrifft.

Die Studie, die auf Befragungen von über 600 US-Veteranen aus dem Irak- und Afghanistankrieg beruht, gleicht kampfbedingte Stressfaktoren mit der psychischen Verfassung der Soldatinnen und Soldaten ein Jahr nach Beendigung ihres Einsatzes ab. Als kampfbedingte Stressfaktoren werteten sie nicht nur eigentliche Gefechtssituationen, sondern auch den Zeitraum unmittelbar danach, in dem Leichen(teile) und Verletzte geborgen werden müssen, sowie generell Angstzustände und die erschwerten Arbeits- und Lebensbedingungen im Krieg. Bei der psychischen Verfassung werden posttraumatisches Stresssyndrom, Depression und Drogenmissbrauch gemessen.

Männer greifen etwas öfter zu Drogen

Die Resultate überraschten die Forscher: Ein Jahr nach ihrer Rückkehr aus dem Kriegsdienst litten ebenso viele Männer wie Frauen an posttraumatischem Stresssyndrom und Depressionen. Den einzigen signifikanten Unterschied entdeckten sie bei der Kategorie Drogenmissbrauch, in der die Männer leicht stärker vertreten waren. Laut Dawne Vogt von der Boston University of Medicine, die bei der Studie federführend war, sind die Resultate nicht Ausdruck davon, dass Frauen weniger oft in Kämpfe verwickelt werden. Da der Feind im Irak und Afghanistan zunehmend auf Guerilla-Taktiken setzt, laufen potentiell alle Soldaten Gefahr, unter Feuer zu geraten. «Im Guerillakrieg gibt es keine Front», sagte Vogt der «Huffington Post».

Statistiken untermauern diese Einschätzung: Laut Zahlen des US-Verteidigungsministeriums sind in den Kriegen im Irak und Afghanistan über 750 Soldatinnen getötet oder verletzt worden. In einer Umfrage unter Irak- und Afghanistanveteranen aus dem Jahr 2008 gaben 45 Prozent der Frauen und 50 Prozent der Männer an, während ihrer Dienstzeit an Feuergefechten teilgenommen zu haben.

Die Kriegserfahrung als Gleichmacher

Warum Frauen offenbar wesentlich besser mit kampfbedingten Stressfaktoren umgehen als bisher angenommen, haben die Forscher nicht untersucht. Sie vermuten allerdings, dass sich die Ausbildung für weibliche Armeeangehörige in den letzten Jahren deutlich verbessert hat. Zudem sei die Erfahrung einer realen Kampfhandlung für die Beteiligten derart intensiv, dass sie alle Unterschiede einschliesslich des Geschlechts überlagert.

Eine der vermeintlich emotional labilen US-Soldatinnen ist Michelle Wilmot, die 2004 bis 2005 im Irak diente. Als Mitglied des ausschliesslich weiblichen Teams Lioness (Löwin) spürte die heute 29-Jährige versteckte Waffen und Sprengsätze auf, durchsuchte Häuser und geriet dabei mehrmals unter Beschuss.

Auf Fragen, wie sie als Frau mit diesen Erfahrungen umgeht, reagiert sie gereizt: «Das ist lächerlich. Die Frage müsste lauten, wie ich damit als Person umgehe. Mit meinem Geschlecht hat das gar nichts zu tun», sagte sie gegenüber der «Huffington Post». Frauen seien nicht weniger leistungsfähig oder emotional schwächer als Männer. «Ich finde es erstaunlich, dass wir Studien brauchen, um das zu beweisen», sagte sie.

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